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5. Das Selbst entwickeln

Lektion 6

Hallo!

Jeder Mensch ist ein Wesen voller Potentiale und Möglichkeiten und dafür musst Du nicht gleich hochbegabt sein und über außergewöhnlichen Fähigkeiten verfügen. Auch wenn Du mit Einschränkungen auf die Welt gekommen bist - Du bist ein Mensch voller Potentiale, voller Möglichkeiten und Perspektiven. Es gilt, im Leben so viel wie möglich daraus zu machen.  Für die Verwirklichung unserer Potentiale gibt es eine Grundkonfiguration, die wir uns im Laufe des Lebens aneignen. Diese Konfiguration hat mit unserem Denken zu tun, mit der Art, wie wir unsere Ziele finden, vorbereiten, durchführen und reflektieren.

Viele Psychotherapien fragen nach den Inhalten unserer Gedanken, Träume und Vorstellungen. Sind sie besonders von angstmachenden Bildern geprägt, von einengenden Vorstellungen. Sind Bilder in uns lebendig, die neue Wege eröffnen, die Trost spenden und vielleicht sogar eine Offenheit für Gott erkennen lassen? Hier geht es also um das Was, um Inhalte usw. Wir möchten jetzt aber nicht das Was betrachten, sondern das Wie. Es ist mindestens genauso spannend, nicht nur zu erforschen, was ich denke, sondern auch, wie ich überhaupt denke, wie mein Denken funktioniert. Denn wenn ich weiß, wie ich denke, kann ich es auch an entsprechender Stelle verändern. Anders verhält es sich, wenn ich weiß, was ich denke. Denn die Inhalte meines Denkens sind schwerer zu beeinflussen. Wir kennen das vielleicht vom positiven Denken. Es ist ganz schön anstrengend, immer positiv zu denken, und es gelingt uns oft nicht. Machen wir uns also auf den Weg zu erkunden, wie unser Denken funktioniert. Manches von dem, was wir in der Lektion über Krisen gesagt haben, werden wir dabei hier aufgreifen und in ein Gesamtsystem stellen, so dass noch viel mehr klar werden kann.

Das Makrosystem - die vier Quadranten



In dieser schematischen Darstellung siehst Du vier Quadranten. Diese vier, weisen auf vier Aspekte unserer Persönlichkeit und vier Areale unseres Gehirns hin. Die oberen beiden repräsentieren die Areale ganz oben im Gehirn, sozusagen direkt hinter der Stirn. Die beiden unteren sind entsprechend weiter unten angesiedelt. Die linken beiden Quadranten repräsentieren die Linke und die rechten beiden die rechte Gehirnhälfte.
Gehen wir jetzt die einzelnen Quadranten einmal durch, um sie besser zu verstehen:

Selbst:  Dieser Teil unserer Persönlichkeit ist der am stärksten mit unserem Körper verbundene. Wer einen starken Zugang zum Selbst hat, kann sehr gut den Überblick bewahren, kann Informationen parallel verarbeiten und so sehr schnell reagieren. Mehr soll an dieser Stelle noch gar nicht gesagt werden, wir werden uns weiter unten viel intensiver mit diesem Teil auseinandersetzen.

Planungsbüro:  Die besondere Eigenschaft dieses Teils ist es, dass Handlungen zunächst gehemmt werden, um sie genauer zu planen. Hier sind unsere Logik und unser Sprachzentrum zu Hause. Im Gegensatz zum Selbst speichert das Planungsbüro Informationen als Worte und nicht als Bilder ab. Informationen werden sequentiell, also nacheinander verarbeitet, was bedeutet, dass dieser Teil des Gehirns im Vergleich zum Selbst regelrecht langsam funktioniert. Kann man sich ja vorstellen: Das Selbst bekommt vielleicht 1000 Informationen und kann sie gleichzeitig verarbeiten und das Planungsbüro bekommt auch 1000 und fängt bei 1 an und arbeitet sich bis zu 1000 vor.

Macher:  Die Handlungen, die im Planungsbüro geplant und organisiert wurden, werden von Macher oder Macherin ausgeführt. Was hier landet, wird getan. Wer einen starken Zugang zu dieser Seite hat, dem fällt es leicht, Dinge in Angriff zu nehmen. Hier entstehen auch Routinen und das, was mancherorts Autopilot heißt. Mit anderen Worten: Hier werden gerne und schnell Automatisierungen eingeführt und vollzogen, die wenig Bewusstheit haben, sondern wie von selbst, schnell und in Leichtigkeit getan werden. Wer anfällig für Flüchtigkeitsfehler ist, der kennt die Schattenseite des Machers.

Kritiker:  Diese Seite ist für die Erkennung von Fehlern zuständig, sie ist geradezu neugierig darauf, Unterschiede zu erkennen. Vielleicht kennst Du diese Rätselbilder: Zwei Bilder stehen sich gegenüber und sehen fast genau gleich aus. Nur auf einem der Bilder fehlen zehn Details, die auf den ersten Blick nicht zu entdecken sind. Deine Aufgabe ist es, die fehlenden Details zu finden. Dieses Rätsel trainiert genau diese Seite und diesen Aspekt Deiner Persönlichkeit.  Nun kommt damit einher, dass die innere Stimmung sehr negativ ist, wenn wir mit dieser Seite gerade verbunden sind. Das ist insofern verständlich, da gewiss niemand auf eigene Fehler aufmerksam gemacht werden möchte. Nun könnte man meinen, dass man am besten diese Seite ignoriert und möglichst ausschaltet. Das wäre fatal, würde es überhaupt gehen. Denn wir würden ja gar nicht mehr aus Fehlern lernen, sondern immer wieder die gleichen machen. Das hätte wiederum zur Folge, dass wir uns nicht weiterentwickeln würden. Denn wenn ich aus Fehlern nicht lerne, kann ich aus meinen Erfahrungen auch nicht lernen.

Ein Beispiel  
Um jetzt deutlich zu machen, was in deinem Gehirn so los, ist brauchen wir ein einfaches Beispiel. Nehmen wir an, es ist Frühling und Zeit den eigenen Urlaub zu planen. Zunächst stellst du Dir vielleicht vor, wie Du an einem Strand liegst unter Palmen, exotische Getränke und leckeres Essen inklusive. Da läuft Dir vielleicht sogar schon das Wasser im Mund zusammen.  Das heißt, dass Du im Selbst bist und Dir ein Bild von dem machst, was Du haben möchtest. Du kannst die Vorfreude sogar körperlich spüren - vielleicht ist Dir wirklich das Wasser im Mund zusammengelaufen. Aber es reicht auch, ein kleines Lächeln wahrzunehmen (oft nimmst Du es nicht selber wahr, sondern andere, die Dich beobachten).  Du rechnest jetzt erst mal nach, wieviel Geld Du dieses Jahr für einen Urlaub zur Verfügung hast und gehst danach ins Reisebüro und buchst einen Flug und ein Hotel. Jetzt bist Du im Planungsbüro, gehst sukzessive vor, planst Deinen Aufenthalt am Strand.  
Der nächste Schritt ist die Abflug. Du sitzt im Flugzeug und freust Dich schon riesig auf Deinen tollen Urlaub, der Dir jetzt bevorsteht. Nun bist Du im Macher, lässt Dich fliegen und bist fast euphorisch - auf alle Fälle voller Vorfreude.   Nach dem Urlaub denkst Du über die Zeit nach. Das Hotel war nicht wie versprochen, das nächste Mal wirst Du anders buchen. Du bist beim Kritiker angelangt, der Dir genau sagt, was alles nicht richtig ist. Wenn es gut läuft, dann gibt der Kritiker die Informationen weiter ans Selbst und das Selbst kann das nächste Mal dafür sorgen, dass ein anderes Hotel als Bild auftaucht und schon geht es wieder von vorne los.  

Natürlich geht das in unserem Gehirn nicht nur rasend schnell, sondern auch parallel. Wir sind ja immer mit vielen Projekten beschäftigt und daher immer mit allen vier Bereichen gleichzeitig.  
Warum ist das nun wichtig zu wissen? Es ist natürlich immer gut, wenn wir uns selber besser verstehen lernen. Vor allem aber können wir gleich feststellen, an welcher Stelle unser Denken hakt und wo wir noch etwas zum Üben haben. 

Vier Quadranten und ihre Auswirkungen

Was passiert also wenn wir:
keinen Zugang zum Selbst haben: nicht wissen, was man will, was zu einem passt, geringes Körpergefühl, geringere Möglichkeit, unterschiedliche Erfahrungen zu einer Lebensgeschichte zu fassen, keine Entwicklung in die Reife

keinen Zugang zum Planungsbüro haben: Ideen werden sofort ausgeführt und nicht überlegt, Anfälligkeit für Flüchtigkeitsfehler, Urheber für Chaos, vielleicht werden sogar Schulden gemacht, da sofort gekauft wird, wenn man ein Bedürfnis spürt, ohne auf Konto zu gucken

keinen Zugang zum Macher haben: Das ist ganz typisch für Messies, die nicht aufräumen oder putzen. Sie kommen einfach nicht ins Handeln, sondern bleiben beim Überlegen und Planen. Es sind Menschen, die viel vorhaben und nichts davon durchführen.

keinen Zugang zum Kritiker haben: Fehler werden immer wieder wiederholt und können nicht korrigiert werden. Oft ist es so, wer keinen Zugang zum Kritiker hat, wechselt zum Macher, da diese beiden Gehirnareale sehr nah beieinander liegen. Viele, die zur Beratung oder Psychotherapie gehen, sind allerdings besonders verbunden mit dem Kritiker oder haben keinen Zugang zum Selbst. Die einen kritisieren sich ständig und fühlen sich schlecht und die anderen wissen gar nicht, was sie wollen. Soviel zu diesem Modell. Was sagt uns das jetzt für unsere Lektion? Der Schlüssel bei allem ist das Selbst. Wir müssen den Zugang zu unserem Selbst stärken und ausbauen, damit wir eine starke Persönlichkeit werden und auch mit schweren Zeiten gut umgehen können. Wir müssen Ereignisse, die noch beim Kritiker sind, ins Selbst schieben, damit wir aus der Situation lernen können und uns endlich wieder besser fühlen. Machen wir uns ans Werk!
 

Übung

Um den Zugang zum Selbst zu verbessern, sind alle Übungen der Achtsamkeit sehr gut geeignet. Das langsame und innere Wahrnehmen öffnet die Tore zum Selbst. Vermutlich kennst Du das, wenn Du eine Sache nicht mit der üblichen Geschwindigkeit erledigst, sondern langsamer, dann nimmst Du die Bewegung viel deutlicher und wacher wahr. Du wirst ruhiger und entspannter und bist mehr bei Dir. Immer dann, wenn wir sagen "dass ich mehr bei mir bin", haben wir Kontakt zum Selbst. Die heutige Hausaufgabe ist daher folgende: Jeden Tag wirst Du verschiedene Wege gehen: zur Arbeit, zum Auto, vom Schlafzimmer zum Bad, vom Bad zur Küche, die Treppe herunter... Deine Aufgabe ist es, einen dieser Wege, die Du ohnehin gehst nicht in der üblichen Geschwindigkeit zu gehen, sondern extrem verlangsamt. Du gehst gaaaanz langsam, Schritt für Schritt und nimmst wahr, wie Du gehst. Du spürst, wie Du einen Fuß vor den anderen stellst, wie Du das Gewicht verlagerst, um dann das andere Bein nach vorne zu holen. Nimm nur wahr und beobachte Dich dabei, wie Du gehst, versuche so wenig wie möglich zu denken. Wenn Du in der Wahrnehmung bleibst und nicht gleich wieder mit den Gedanken bei Deinen Alltagsgeschäften bist, dann wirst du dadurch die Tore zu Deinem Selbst öffnen können. Eine Gehmeditation ist eine wunderbare Form der Meditation, da sie wenig Zeit kostet, weil Du den Weg ohnehin gehen wirst. Hier noch eine Anleitung, die Dir helfen kann: Anleitung 

Wir wünschen Dir eine gute Zeit!  

Bruder David
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