Autor: Bruder Karl-Leo

Fröhlich schwebend

Die berühmte Wolke Sieben, auf der man so gut schweben können soll, ist gefühlt für die meisten Menschen im Moment sehr weit weg. Die Zeit ist dafür zu ernst. Trotzdem erleben sich viele Menschen in dieser Zeit als schwebend – in der Schwebe. Die Freizeitmöglichkeiten sind so stark eingeschränkt, dass darunter auch viele schöne Begegnungen leiden. Das Leben in den eigenen vier Wänden, ob alleine, mit Familie, im Kloster oder wie auch immer, fühlt sich durch den Lockdown oft fundamental anders an als noch vor einem Jahr. In Bezug auf die eigene Arbeit sind die Erfahrungen sehr unterschiedlich: Während die einen nicht arbeiten dürfen und oft um ihre wirtschaftliche Existenz fürchten, müssen die anderen mehr oder unter extremeren Bedingungen bis an die Grenzen ihrer eigenen Kraft arbeiten. Wie lange noch? Wie lange das noch so sein wird, scheint völlig in der Schwebe. Wissenschaftler und Politiker scheinen sich ebenso in der Schwebe zu fühlen, ihre Aussagen werden zunehmend vage. Ich lese, höre oder schaue gerne Nachrichten, aber mir wird immer deutlicher: Sicherheit und Klarheit lässt sich …

Wie soll ich Dich empfangen?

Ein Wort für „herzlich empfangen“ mit sieben Buchstaben im Kreuzworträtsel? Das ist kein wirklich schweres Rätsel und die Lösung lautet in den meisten Fällen „umarmen“. Wenn es bei dieser Frage allerdings nicht um ein schriftliches Lösungswort geht, sondern um die Art und Weise, wie ich mich verhalte, dann finde ich die Antwort zusehends schwieriger. Viele Formen und Gewohnheiten der herzlichen Begrüßung, die ich jahrelang gepflegt habe, sind in diesen Tagen der Corona-Pandemie nicht mehr angemessen. Denn gerade bei den Zeichen körperlicher Nähe und liebevoller Vertrautheit breitet sich auch das Corona-Virus besonders schnell aus. Schmerzvolle Unsicherheit für Zeichen der Vertrautheit Oft muss ich in diesen Tagen deshalb an das Adventslied denken: „Wie soll ich Dich empfangen und wie begegnen Dir?“. Johann Sebastian Bach hat es in der ersten Kantate seines Weihnachtsoratoriums unterlegt mit der Melodie, die wir aus einem Choral der Passionszeit kennen: „O Haupt voll Blut und Wunden“. Ursprünglich ist diese Melodie von Hans Leo Haßler sogar für ein Liebeslied komponiert: „Mein Gemüt ist mir verwirret.“ Die schmerzvolle Unsicherheit einer Begegnung ist in dieser Musik …

Zärtlich allein, allein mit mir

Dieses Lied kommt mir in den letzten Tagen immer wieder in den Sinn. Ein Text des hannoverschen Schriftstellers Friedhelm Kändler, den ich in den musikalischen Fassungen von Andreas Turckmann und Maybebop gerne höre. In den Tagen des Lockdown light bekommt der Inhalt für viele Menschen eine neue Realität. Neben den Zärtlichkeiten, die man mit seinem festen Partner austauscht, gab es bis zum Beginn der Corona-Krise viele Berührungen im Alltag. Sie waren vor allem zur Begrüßung und zum Abschied üblich: der Handschlag, die flüchtige oder leichte Umarmung, das Klopfen auf die Schulter oder das Berühren des Arms. Diese Berührungen waren üblich unter Freunden, Bekannten, in der Clique, im Sport und in der Freizeit, an manchen Arbeitsstellen. Auf solche Berührung verzichten wir jetzt ganz überwiegend, weil sie mit einer Nähe verbunden ist, die gleichzeitig ein erhöhtes Infektionsrisiko darstellt. Berührung schafft Wohlspannung Bei meiner Arbeit in der Praxis beobachte ich, dass viele Menschen in diesen Tagen wieder stärker verspannt sind. Das ist neben der kälteren Jahreszeit auch durch die fehlende Berührung gut zu erklären: An Stellen im Körper, …

Hinter der Maske leben

Im Karneval und Fasching macht es Spaß, eine Maske zu tragen und sich bis zur Unkenntlichkeit hin zu verkleiden. Und als Kölner habe ich für Karneval immer etwas übrig. In diesen Tagen gehören die Masken schon zum Alltag; genauer gesagt der Mund-Nasenschutz, den wir zur Vermeidung von Coronainfektionen zu vielen Zeiten tragen. Als Brillenträger stehe ich dabei oft wie im Nebel und kann in Geschäften Menschen oder Gegenstände nicht so richtig erkennen. Aber auch ohne Nebel auf der Brille erkenne ich manche Menschen erst auf den zweiten Blick und lerne dabei, wie wichtig die Mund- und Nasenpartie für die Erkennung einer Person ist. Wenn die Maske wirkt Hinter einer Maske zu leben verändert das Leben und die Beziehung. Aber- daran habe ich in diesen besonderen Zeiten keine Zweifel – die Maske ist nötig, um andere und mich vor einer Infektion zu schützen. Sie ist nicht mehr Verkleidung, die ich nach eigenem Gefühl auf- oder absetzen kann. Sie ist Alltagsgegenstand. Ich muss lernen, mit und hinter der Maske zu leben.   Vor allem aber erlebe ich in …

In Sicherheit und gefühlt sicher

In Sicherheit und gefühlt sicher

In Sicherheit und gefühlt sicher Sicherheit ist eine Grundsehnsucht des Menschen. Schon als Kind brauchen wir für unsere Entwicklung Sicherheit. In der Nähe der Eltern lernen wir üblicherweise dieses Urvertrauen, dass für unsere Entwicklung so entscheidend ist. Aber auch Jahrzehnte später, als Erwachsene, reagieren wir oft sehr sensibel und ängstlich, wenn unsere gefühlte Sicherheit gestört wird. Ein Datenleck, ein möglicher Hacker-Angriff, wie wir es in diesen Tagen erlebt haben – und schon fühlen sich Menschen mit ihren persönlichen Daten im Internet unsicher. Zuständige Politiker sind herausgefordert, große Programme zu entwerfen und der ganzen Bevölkerung in diesem Bereich mehr Sicherheit zu versprechen. Wenige Tage zuvor waren es noch prügelnde Jugendliche, die vermeintlich das Sicherheitsgefühl vieler Menschen beeinträchtigt haben und zum Teil die gleichen Politiker herausgefordert haben, mit neuen Programmen zu diesem Thema für mehr Sicherheit zu sorgen. Was brauche ich, um sicher zu sein? Was brauche ich, um mich sicher zu fühlen? Die allermeisten Menschen unserem Land werden bei ehrlichem Nachdenken allerdings feststellen, dass ihnen in den letzten Tagen weder prügelnde Jugendliche begegnet sind noch irgendwelche …

Zwischen Reset, weiter so und freudiger Rückkehr in den Alltag…

Nach den Wochen des Lockdowns und den anschließenden Wochen mit schrittweisen Lockerungen der Einschränkungen war der Urlaub für mich in diesem Jahr besonders wichtig. Obwohl ich sehr wenig unterwegs war und viele Termine ausgefallen sind, war ich vor dem Urlaub angestrengt und erschöpft. Ähnlich habe ich es bei vielen beobachtet, die zu mir in die Praxis gekommen sind. Deutlich wird dies besonders in den Muskeln, die stärker verfestigt und ermüdet sind, als ich das sonst bei mir kenne. Dauerkontraktionen in Muskulatur Das ist in den Corona-Zeiten eigentlich kein Wunder. Diffuse Gefühle von Angst und Unsicherheit führen leicht auch zu einer Dauerkontraktionen in Muskulatur und Bindegewebe der Haut und Unterhaut. Manchmal zieht man sich schon bei Vorstellungen unangenehmer Situationen körperlich zusammen. Diese Kontraktionen verstärken sich in belastenden Lebenssituationen. Es kommt zu negativen Kreisläufen. Je mehr man sich zusammenzieht, desto negativer erlebt man die Welt und erwartet für die Zukunft nur Negatives. Je mehr man nur Negatives denkt und erwartet, desto mehr zieht man sich zusammen und wird dadurch überempfindlich auf die geringsten Reize. Aus der Körpertherapie …

Immer schön locker bleiben

Manchmal bekommen Worte eine neue Bedeutung – oder ich müsste genauer sagen: eine zusätzliche Bedeutung. Mit Lockerung habe ich seit vielen Jahren zu tun, mit der Lockerung der Muskulatur. Im Plural habe ich das Wort eigentlich nie genutzt – bis vor wenigen Wochen. Tatsächlich rede ich oft über nötige Lockerungen. Oft geht es dabei weiterhin um die Muskulatur, oft aber auch um die Entscheidungen der politisch Verantwortlichen im Rahmen der Corona-Pandemie. In den letzten Tagen denke immer mehr darüber nach, wie das eine und das andere zusammenhängen. Bei meiner Arbeit in der Praxis begegne ich vielen Menschen, die in diesen Tagen körperlich sehr angespannt sind. Manche haben es schon bemerkt und sprechen es selbst als Thema für die Therapiestunde an. Manche sagen erst am Ende der Stunde, dass sie gar nicht wahrgenommen haben, wie angespannt sie waren. In Unsicherheit spannt die Muskulatur an Auch bei mir selber beobachte ich, wie mir eine Spannung in den Gliedern sitzt. In den letzten Wochen „will meine Nacken nicht richtig locker werden“, auch wenn ich manche Übung regelmäßig im …

Fürchtet Euch nicht!

Die List, der Stadtteil, in dem unsere kleine Cella liegt, gehört zu den dicht besiedelten Stadtteilen in Hannover. Wenn ich in den Tagen vor Ostern durch unseren Stadtteil spazieren gegangen bin, waren die Straßen voll. Auch die Waldwege in der Eilenriede, dem Stadtwald in unserer Nähe, sind reich frequentiert. Dass man Menschen begegnet, dass man Menschen nahe kommt  – lässt sich auch beim besten Willen nicht verhindern. Spätestens beim Überqueren einer Ampel, aber auch schon auf Wanderwegen lässt sich der Mindestabstand von zwei Metern nicht immer einhalten. Interessant fand ich vor allen Dingen, wie die einzelnen Menschen mit dieser Situation umgegangen sind: Da gab es die mit Gesichtsschutz fast vermummten Menschen, die mich mit ihrer Gestik und Körperhaltung bereits Meter vorher aufmerksam machten, dass ich ihnen nur ja nicht zu nahe komme, und auch eine kleine Gruppe vergleichsweise Unsensibler, die noch nie etwas von Corona gehört zu haben schien. Liebevolle Achtsamkeit Bei den meisten Menschen beobachtete ich eine eher liebevolle Achtsamkeit: an der breiten Stelle des Weges kurz stehenzubleiben, damit sich genau dort die Wege …

Die überraschende Leere und die geschenkte Zeit

Durch Zufall lass ich in den letzten Tagen einen Abschnitt über „Die große Leere“ – einen intergalaktischen Leeraum zwischen dem Pulsar Borgia und dem Galaxiencluster Coma Berenices. Schnell war ich dabei an die Grenzen meines physikalischen Verstehens geraten: Wie soll ich mir dreiviertel Quadrillinonen Kubiklichtjahre vorstellen, die dieses schwarze Loch groß ist? Wie den Ort vorstellen, der einfach nur Leere ist? Und gerade diese Leere fasziniert die Forscher sehr – sie wollen verstehen können, was es mit dieser „großen Leere“ auf sich hat. Eine andere Leere hat mich diese Woche ebenfalls überrascht: Nachdem ich alle Termine in meinem Kalender gestrichen hatte, die ich in den nächsten Wochen nicht mehr wahrnehmen kann und soll, ist mein Terminkalender plötzlich leer. Leere im Kalender – seit ich ein Terminkalender führe, habe ich das noch nicht erlebt. Zwischen Entspannung und Verunsicherung Endlich einmal all das wegschaffen, was schon so lange liegen geblieben ist. Endlich einmal die Dinge in Ruhe tun, für die sonst die Zeit fehlt. Das ist zum einen eine schöne Aussicht. Fast wie Urlaub. Aber natürlich ist …

Passt schon!

Seit fünf Wochen leben nun mit Bruder Cyprian und Bruder Victor zwei Brüder aus Tansania in der Cella und lernen fleißig Deutsch. Und ich lerne kräftig mit. Zum einen kann ich mein Englisch wieder aufpolieren, wenn es darum geht, manche Dinge und Absprachen zu treffen, die auf Deutsch noch nicht funktionieren. Aber ich lerne auch viel über meine eigene Muttersprache: Dinge, die mir erst auffallen, wenn ich sie erklären soll – und dann irgendwie gar nicht richtig erklären kann. Passt schon! ist eine solche Wortverbindung, bei der man fast verzweifeln kann, wenn man einem nicht Muttersprachler den Sinn dieser Worte nahe bringen will. Bedeutungen wie: Habe ich doch gerne gemacht, bitte schön, kein Problem, nicht der Rede wert, aber auch: Lass mal gut sein, habe ich keine Lust mehr, darüber zu reden, mach da nicht so einen Aufstand draus, kann dieser Satz je nach Kontext bedeuten. Wenn die Chemie stimmt Noch vor gar nicht langer Zeit wurde die Aussage: „Das passt schon“eher für frisch Verliebte gebraucht, und zwar meistens von den Außenstehenden, die beobachtet hatten, …