Autor: Bruder Karl-Leo

Zufrieden und gesund

Eben komme ich von einer Beerdigung. Der Senior aus dem Posaunenchor, in dem ich fast 30 Jahre bin, ist im Alter von fast 93 Jahren gestorben und wir haben bei der Trauerfeier und am Grab geblasen. Noch im Juli hatten wir uns auf dem Gartenfest unseres Chores getroffen. Es war eine große und schöne Beerdigung – bei Menschen, die in so hohem Alter sterben, schon etwas Besonderes. In unserem Chor war er sehr beliebt und verbunden und auf der Trauerfeier war zu spüren, dass er dies nicht nur bei uns war. Es gab eine große Verbundenheit, die schnell auch unter denen entstand, die sich hier das erste Mal kennenlernten und bisher oft nur voneinander gehört hatten. Wenn Abstand und Maske auch trennen Und ich musste an den Satz denken, dass Zufriedenheit und Gesundheit nicht nur von materiellen Faktoren abhängen, sondern wohl auch von der Qualität unserer Beziehungen. Die Alterspsychologen können in der Forschung genau beschreiben, welche Bedeutung unsere sozialen Kontakte für die alltägliche Zufriedenheit und die schnelle Genesung nach Krankheiten haben. Aber auch ganz praktische …

Herzerfüllend systemrelevant

Herzerfüllend systemrelevant Ich bin urlaubsreif und freue mich, dass ich bis zu meinem Urlaub nur noch wenige Tage arbeiten muss. In den letzten Tagen frage ich mich aber immer häufiger: Was brauche ich denn in diesem Urlaub nach einem „Corona-Jahr“? Ein bisschen Normalität und möglichst viel wie früher? So einfach wird es vielleicht nicht sein. Was hat denn dem Leib und vor allem der Seele gefehlt in der letzten Zeit? Schließlich waren wir ja alle eingeschränkt auf die systemrelevanten Funktionen der Gesellschaft. Aber wer definiert das eigentlich? Zumindest spüre ich zunehmend in mir die Sehnsucht, die Dinge, die unsere Politiker als systemrelevant betrachten, zumindest mit all den Dingen zu ergänzen, die in meinem Leben relevant sind. Den Himmel bessrer Zeiten mir erschlossen Dabei denke ich häufiger an ein Lied von Franz Schubert, dass auch mehrere meiner Patient*innen gerne singen: An die Musik. Der Text stammt von Franz von Schober, einem österreichischen Dichter des neuzehnten Jahrhunderts.  Du holde Kunst, in wieviel grauen Stunden,Wo mich des Lebens wilder Kreis umstrickt,Hast du mein Herz zu warmer Lieb‘ entzunden,Hast …

Nach dem toten Punkt

Die Kirche sei an einem „toten Punkt“, hat Kardinal Reinhard Marx in seinem Rücktrittsgesuch geschrieben. Und seitdem denken Kommentierende aller Couleur über diese Redewendung und ihre Bedeutung nach. Auch ich habe diese Redewendung schon verwendet, aber seit der letzten Woche hat sie mich wieder mehr interessiert. Es ist doch ursprünglich eine körperliche, eine muskuläre Erfahrung. Was passiert da eigentlich und wie kommt man gut über den toten Punkt? Lässt sich aus der körperlichen Erfahrung etwas für den Umgang mit einem toten Punkt im übertragenen Sinne lernen? Ein Gefühl der völligen Erschöpfung Sportmedizinisch ist der tote Punkt relativ klar zu beschreiben: ein bei Dauerleistungen auftretendes vorübergehendes Gefühl der völligen Erschöpfung, das durch eine zu hohe Konzentration von sauren Stoffwechselzwischenprodukten (z. B. Milchsäure) in der arbeitenden Muskulatur und auch im Blut hervorgerufen wird. In der Kinetik wird ein toter Punkt als der Zustand beschrieben, wenn mehrere widerstrebende Kräfte einen Stillstand bewirken. Eigentlich ist es also ein zunächst sportliches Phänomen. Wenn unser Organismus bei intensiver sportlicher Betätigung ein Sauerstoffdefizit aufbaut und die Muskeln ermüden und sich schwer anfühlen, …

Wie im Himmel…

Für manche fühlt es sich wie im Himmel an, wenn sie wieder das erste Bier im Biergarten oder den ersten Kaffee im Außenbereich eines Restaurants auf dem Marktplatz trinken dürfen. Wir hier in der Region Hannover müssen – zumindest zu dem Zeitpunkt, an dem ich diesen Artikel schreibe – noch ein wenig warten. Aber die Hoffnung wächst von Tag zu Tag, dass die Inzidenzzahlen auch hier unter 100 sinken und all dies dann auch in Hannover möglich wird. Ein Stück Himmel auf Erden? Und das pünktlich zu Christi Himmelfahrt, dem Tag, der unter dem Etikett „Vatertag“ in der alltäglichen Gewohnheit für viele nur ein alkoholreicher Wandertag in Gruppe geworden ist? Eine Welt, in der nichts, was wir kennen, so ist, wie wir es kennen. Ich denke in diesen Tagen häufig an einen Satz von Alexander Geers, den er in einem Interview vor seinem Weltraumflug im Jahr 2014 gesagt hat: „Wir treten ja in eine unbekannte Welt ein, in der wirklich nichts, was wir kennen, so ist, wie wir es kennen.“ Das sagt einer, der beauftragt …

tief durchatmen

Einmal tief durchatmen

Einmal tief durchatmen Zum Glück ist es nicht sehr oft so, aber manchmal eben doch: Da passieren Dinge, die einfach nur besch… sind, Probleme, die ich gerade so gar nicht gebrauchen kann, aber noch schnell lösen soll; Menschen, die einfach gerade nerven mit dem, was sie von mir wollen. Wenn ich den Hörer aufgelegt habe, wenn die Person aus der Tür ist, dann „einmal tief durchatmen“. Das entspannt und gibt neue Kraft. Gleichzeitig erlebe ich in meiner Arbeit hier in der Praxis immer mehr Menschen, die sich so sehr wünschen, endlich einmal wieder „tief durchatmen“ zu können. Aber sie wissen nicht mehr, wie das eigentlich funktioniert. Das Atmen fühlt sich anstrengend an und viel Luft haben sie auch nicht in der Lunge, selbst wenn sie kräftig atmen. Kräftig atmen und tief atmen ist doch etwas Unterschiedliches. Wo klemmt’s denn? Wo klemmt’s denn? – ist immer die erste Frage, die ich mir und dann auch meinem Gegenüber stelle, wenn das Durchatmen nicht mehr klappt: Um tief durchatmen zu können, müssen sich unsere Rippen und unser Zwerchfell …

Sonne im Gesicht und im Herzen

Seit einigen Wochen bekomme ich immer häufiger E-Mails, die mit dem gut gemeinten und freundlichen Wunsch enden: Bleib negativ. Anfangs habe ich mich sogar dabei ertappt, diesen Gruß selber unter einige Mails geschrieben zu haben. Aber mittlerweile gefällt mir der Gruß überhaupt nicht mehr. Natürlich weiß ich, was damit gemeint ist, und auch in meinem Arbeitsalltag ist es längst Realität: Ganz regelmäßig mache ich – wie alle unsere Mitarbeiterinnen – einen Covid 19 – Schnelltest. Seit einigen Wochen haben wir jetzt die Selbsttests für die Praxis und das Kloster und plötzlich gibt es eine eigenartige Zeit am Tag: Wenn ich die drei Tropfen aus dem Teströhrchen auf meinem Prüfstreifen träufele und dann mindestens 10 Minuten warte, ob neben der Kontrolllinie eine zweite Linie entsteht.  Was macht mich froh? „Ich bin negativ“. Das ist natürlich in unserer Zeit ein freudiges Test-Ergebnis. Und der erste Moment ist tatsächlich ein kleines Glücksgefühl. Aber ich spüre schnell: Das ist nicht wirklich Freude, es ist nicht wirklich Glück. Und ich erlebe viele Menschen um mich herum, die durchaus vom Coronaviren …

Aus der Eintönigkeit in die Vorfreude

In allen Straßen im Stadtteil bin ich in diesem Lockdown gefühlt schon hundert Mal spazieren gegangen. In den ersten Wochen habe ich dann noch gedacht: Jetzt geh doch mal einen anderen Weg. Aber langsam sind auch die anderen Wege alle langweiliges Einerlei geworden. Irgendwie ist mein Körper reif für ein paar Urlaubstage: einfach mal wieder ein paar Tage wegfahren, Kreislauf und Beine bewegen und die Seele baumeln lassen mit neuen Eindrücken. So viele Monate war das schon nicht mehr möglich. Darum beobachte ich genau, was die Politiker so alles zum Thema Osterurlaub sagen. Natürlich ist das – wie so Vieles in der Pandemie – wenig klar und verlässlich. Die einen machen mir Hoffnung, die anderen betonen, dass es zu Ostern viel zu früh für eine größere Lockerung wäre. Und gerade in diesen Wochen, die eher mit hoffnungsarmen Nachrichten voll sind, sehnt sich mein ganzer Körper nach anderen Nachrichten.Realistisch und hoffnungsvollWas will ich glauben – wem will ich glauben? Natürlich kann ich dazu meinen gesunden Menschenverstand einsetzen, vielleicht ergänzt durch die eine oder andere medizinische Kenntnis, …

Fröhlich schwebend

Die berühmte Wolke Sieben, auf der man so gut schweben können soll, ist gefühlt für die meisten Menschen im Moment sehr weit weg. Die Zeit ist dafür zu ernst. Trotzdem erleben sich viele Menschen in dieser Zeit als schwebend – in der Schwebe. Die Freizeitmöglichkeiten sind so stark eingeschränkt, dass darunter auch viele schöne Begegnungen leiden. Das Leben in den eigenen vier Wänden, ob alleine, mit Familie, im Kloster oder wie auch immer, fühlt sich durch den Lockdown oft fundamental anders an als noch vor einem Jahr. In Bezug auf die eigene Arbeit sind die Erfahrungen sehr unterschiedlich: Während die einen nicht arbeiten dürfen und oft um ihre wirtschaftliche Existenz fürchten, müssen die anderen mehr oder unter extremeren Bedingungen bis an die Grenzen ihrer eigenen Kraft arbeiten. Wie lange noch? Wie lange das noch so sein wird, scheint völlig in der Schwebe. Wissenschaftler und Politiker scheinen sich ebenso in der Schwebe zu fühlen, ihre Aussagen werden zunehmend vage. Ich lese, höre oder schaue gerne Nachrichten, aber mir wird immer deutlicher: Sicherheit und Klarheit lässt sich …

Wie soll ich Dich empfangen?

Ein Wort für „herzlich empfangen“ mit sieben Buchstaben im Kreuzworträtsel? Das ist kein wirklich schweres Rätsel und die Lösung lautet in den meisten Fällen „umarmen“. Wenn es bei dieser Frage allerdings nicht um ein schriftliches Lösungswort geht, sondern um die Art und Weise, wie ich mich verhalte, dann finde ich die Antwort zusehends schwieriger. Viele Formen und Gewohnheiten der herzlichen Begrüßung, die ich jahrelang gepflegt habe, sind in diesen Tagen der Corona-Pandemie nicht mehr angemessen. Denn gerade bei den Zeichen körperlicher Nähe und liebevoller Vertrautheit breitet sich auch das Corona-Virus besonders schnell aus. Schmerzvolle Unsicherheit für Zeichen der Vertrautheit Oft muss ich in diesen Tagen deshalb an das Adventslied denken: „Wie soll ich Dich empfangen und wie begegnen Dir?“. Johann Sebastian Bach hat es in der ersten Kantate seines Weihnachtsoratoriums unterlegt mit der Melodie, die wir aus einem Choral der Passionszeit kennen: „O Haupt voll Blut und Wunden“. Ursprünglich ist diese Melodie von Hans Leo Haßler sogar für ein Liebeslied komponiert: „Mein Gemüt ist mir verwirret.“ Die schmerzvolle Unsicherheit einer Begegnung ist in dieser Musik …

Zärtlich allein, allein mit mir

Dieses Lied kommt mir in den letzten Tagen immer wieder in den Sinn. Ein Text des hannoverschen Schriftstellers Friedhelm Kändler, den ich in den musikalischen Fassungen von Andreas Turckmann und Maybebop gerne höre. In den Tagen des Lockdown light bekommt der Inhalt für viele Menschen eine neue Realität. Neben den Zärtlichkeiten, die man mit seinem festen Partner austauscht, gab es bis zum Beginn der Corona-Krise viele Berührungen im Alltag. Sie waren vor allem zur Begrüßung und zum Abschied üblich: der Handschlag, die flüchtige oder leichte Umarmung, das Klopfen auf die Schulter oder das Berühren des Arms. Diese Berührungen waren üblich unter Freunden, Bekannten, in der Clique, im Sport und in der Freizeit, an manchen Arbeitsstellen. Auf solche Berührung verzichten wir jetzt ganz überwiegend, weil sie mit einer Nähe verbunden ist, die gleichzeitig ein erhöhtes Infektionsrisiko darstellt. Berührung schafft Wohlspannung Bei meiner Arbeit in der Praxis beobachte ich, dass viele Menschen in diesen Tagen wieder stärker verspannt sind. Das ist neben der kälteren Jahreszeit auch durch die fehlende Berührung gut zu erklären: An Stellen im Körper, …