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Wie ist das mit dem Reich Gottes?

Welches Verhältnis unterhält das Abendland zu seiner eigenen Religion? Der französische Schriftsteller Emmanuel Carrère stellt die Gretchenfrage: In seinem Buch „Das Reich Gottes“ vertieft er sich in die Anfänge des Christentums und fragt nach der Kraft, mit der es gelang, an Dinge zu glauben, gegen die der Verstand rebelliert und eine revolutionäre Ethik zu vertreten, die den Schwachen zum Starken erklärt. Mal ironisch, mal mit dringlichem Ernst zeichnet Carrère das Fresko einer antiken Welt, die in vielen Zügen unserer heutigen ähnelt – und er begegnet dabei sich selbst.

Emmanuel Carrères Buch ist ein Bibelkrimi – aber ein besonderer: Der erste Teil umfasst autobiografische Angaben des Verfassers, die zeigen, warum er sich die Frage stellt, wie es sein kann, dass ein aufgeklärter Mensch des 21. Jahrhunderts noch gläubiger Christ sein kann.

Dann folgt die romanhafte Gegenüberstellung zweier großen Theologen des Christentums in der Beschreibung des Apostels Paulus und des Evangelisten Lukas.

Diese Gegenüberstellung haben mir die Paulusbriefe, das Lukas-Evangelium und die Apostelgeschichte neu auf lehrreich-unterhaltsame und zugleich spannende Art nahegebracht.

Gleichnisse vom Reich Gottes

Gerade im Lukas-Evangelium erzählt Jesus einige Gleichnisse, mit denen er die Dimensionen des Reiches Gottes beschreibt, so auch das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk  15,11-32), oder wie es auch genannt wird: das Gleichnis vom wiedergefundenen Vater.

Für die damaligen Zuhörer ist gerade dieses Gleichnis keine einfach Beschreibung, sondern es stecken Ungeheuerlichkeiten zwischen den Zeilen, die wir heutigen Menschen so erst mal nicht mithören.

Es ist ja ein sehr vertrauter Text: der jüngere Sohn fordert von seinem Vater das Erbteil. Das war damals genau wie heute eine ziemliche Unverschämtheit. Niemand hat ein Recht, zu Lebzeiten der Eltern sein Erbteil zu erhalten. Der Vater hat die Möglichkeit, durch ein Geschenk oder eine Verfügung zu Lebzeiten das Erbe etwas anders zu verteilen, als es die gesetzliche Erbfolge vorsieht – freiwillig, versteht sich. Die Regelungen zum Pflichtteil waren in Israel für den jüngeren Sohn deutlich schlechter als heute bei uns: Wenn er so aus dem Haus in ein fernes Land wegzog, konnte der Vater ihn völlig enterben. Blieb er im Haus, würde er ein Drittel erben, der ältere Bruder erbt dann zwei Drittel und den Hof. Rechtlich einfordern konnte er nichts.

Der Vater scheint in diesem Moment der Forderung die Beziehung zu beide Söhne zu verlieren. Offensichtlich ist der ältere Sohn vor allem ärgerlich über die Großzügigkeit des Vaters, der ihm doch in diesem Moment das ganze Erbe alleine vorbehalten könnte – und scheint seine Ansprüche zu sichern. Das unglaublich passiert: Der Vater teilt sein Erbe auf diese beiden Söhne auf.

Bruch mit der Vergangenheit

Seine materiellen Güter kann er teilen und vererben. Seine Güte und seine Freude kann er offen­sichtlich nicht weitergeben. Der jüngere Sohn rafft das materielle Erbe zusammen, zieht in ein fremdes Land und kann auch eine Zeit vom Reichtum des Vaters leben. Aber schon bald versteht er, das alles, was er zum Leben hatte, nicht eigener Verdienst war, sondern Gabe, Erbteil des Vaters war. Aber weil er in ein fernes Land gezogen ist – also bewusst aus dem Wirkungskreis des Vaters gezogen ist, hat er sich selber von diesem Nachschub abgeschnitten. Und nicht nur das: Er hat auch mit seiner religiösen Vergangenheit gebrochen, verdingt er sich doch als Schweinehüter…

In der Ferne erkennt er, wie die Güte des Vaters nicht nur seine Söhne, sondern sogar noch die Tagelöhner leben lässt. In seiner absoluten Notlage besinnt er sich und erhofft wieder ein Stück die Güte des Vaters.

Die große Güte im Reich Gottes

Der Vater allerdings übertrifft mit seiner Reaktion die Erwartungen bei weitem. Er rehabilitiert den jüngeren Sohn und richtet ein Fest aus. Auch um den älteren Sohn bemüht sich der Vater in aller Güte. Seine Reaktion auf das Fest und die Freude des Vaters lassen jedoch befürchten, dass er sich von den Worten des Vaters nicht über­zeugt lässt. Er hat das wahre Erbe seines Vaters noch nicht ganz angenommen – seine Freude kann er nicht teilen.

Wird er wirklich mitfeiern, mit seinem Vater und seinem Bruder? Im Gleichnis bleibt das Ende offen, von einem familiären Happy End lesen wir nichts…

Wie ich inneren Frieden finden kann

Wie ich inneren Frieden finden kann

Wie ich inneren Frieden finden kann

Als ich vor einigen Jahren an einem Seminar teilnahm, kam es zu einem für mich wichtigen Dialog zwischen einer Teilnehmerin und der Kursleiterin. Bei diesem spirituellen Seminar ging es unter anderem auch darum, wie man sich emotional gut schützen kann, man könnte auch fragen: Wie ich inneren Frieden finden kann. Das war für viele ein sehr wichtiges Thema und auch mich interessierte das sehr. Wer macht nicht immer wieder die Erfahrung, dass andere Menschen in einem viel Wut und Missgunst auslösen, dass Menschen eine Atmosphäre aufbauen, die unangenehm und teilweise sogar aggressiv ist. Im Zug, im Wartezimmer bis hin zum ganz privaten Umfeld kann einem das passieren. Und ohne dass man viel dazu tun muss, dringt diese Atmosphäre in unser Inneres und verdunkelt unsere Stimmung, macht uns traurig, lustlos oder selber aggressiv.
Wer mit Menschen arbeitet, wird das besonders gut kennen.
Die Teilnehmerin stellte also genau diese Frage, wie kann man sich am besten emotional schützen. Die Antwort darauf hat mich seither nicht mehr verlassen und ist so lebendig in mir wie damals: „Wenn Du Dir erlaubst alles zu fühlen, dann bist Du am besten geschützt.“
Die Tragweite dieser Antwort ist mir ehrlich gesagt erst in den letzten Jahren wirklich bewusst geworden.
Mein erster Impuls war noch: “Klar bin ich bereit alles zu fühlen, ist ja ohnehin da.” Aber je ehrlicher ich mich der Antwort stellte, umso klarer wurde mir, dass dem nicht so ist.
Die meisten Menschen sind eben nicht bereit, alles zu fühlen, was in ihnen schlummert. Ich auch nicht.

Ersatzgefühle entdecken

Traurigkeit? Wut? Zorn? Niedergeschlagenheit? Missgunst? Neid? Das sind keine Gefühle, die ich gerne habe, sie machen mich lustlos, verdunkeln mein Inneres, holen das Schlechteste in mir zum Vorschein. Diese Gefühle will ich wegwerfen, verdrängen sagen die Psychologen, ich will sie nicht wahrhaben. Was dann passiert, nenne ich Ersatzgefühle. Wenn ich bestimmte Gefühle nicht haben will, dann können dafür andere Gefühle entstehen. das kann Traurigkeit sein oder Aggression.
Viele Menschen werden aggressiv, wenn sie sich eigentlich ohnmächtig fühlen. Andere werden traurig, wenn sie eigentlich enttäuscht sind. Die Ersatzgefühle folgen aus dem Verdrängen des Ursprungsgefühls. Sie sind meistens mit sehr viel Energie gefüllt und führen nicht zu einer fruchtbaren Auseinandersetzung oder zur Klärung von Fragen.
Ganz im Gegenteil, sie bringen Unruhe ins Innere und haben die Neigung, andere zu verletzen, weil sie in gewisser Weise blind sind.
Tatsächlich kann man es beobachten, dass Ersatzgefühle dann verschwinden, wenn man die entsprechende Person, die unsere Wut evoziert hat, direkt in die Augen schaut. Es verschwindet die Aggression, es kommt etwas zum Fließen, vielleicht Tränen – auf alle Fälle wird Energie frei und das eigentliche Gefühl kommt zum Vorschein: der Ursprungsschmerz.
Mir sind diese Erkenntnisse und die Erfahrung aus dem Seminar in Münster sehr wichtig geworden. Seit langer Zeit schon bete ich um Frieden – nicht nur global, sondern in meinem Leben und vor allem in meinem Inneren. Mir ist bewusst, dass Frieden nur möglich ist, wenn ich selber Zeuge und Vermittler dieses Friedens sein kann.
Dann aber gehört es für mich dazu, bereit zu sein, alles zu fühlen. Ich möchte im Frieden mit meinen Gefühlen sein, mit meinen Neigungen, Sehnsüchten und Begierden.
Erst wenn ich bereit bin, alles zu fühlen und auf Ersatzgefühle verzichte, kann ich Frieden finden und weitergeben.
[youtube https://www.youtube.com/watch?v=ACotQBky_u0]

Gefühlen ein Zuhause schenken

Wofür ich die Buddhisten immer wieder bewundere, ist ihre konkrete Art und Hilfestellung. Sie haben eine lange Tradition an Übungen und Hinweisen, die helfen das zu leben, was auch Jesus gelehrt hat. Und dazu gehören der Friede, das Mitgefühl und die Liebe.
Im Buddhismus kann man sich dazu viele wirklich wirksame Übungen zur Hilfe holen.
Auch die Bereitschaft, alles zu fühlen (was niemals heißt, auch alles zu agieren!), ist eine Übung aus einer Richtung des Buddhismus.
Es ist kein leichter Weg. Wenn ich erst mal im Sturm von Wut und Enttäuschung gefangen bin, dauert es oft lange bis ich mir sagen kann: Ich gebe meiner Wut ein Zuhause. Ich gebe meiner Enttäuschung ein Zuhause. Mehr muss gar nicht sein, als dem Gefühl ein schönes Zuhause zu bieten, die Erlaubnis, da sein zu dürfen. Und indem ich mir das sage, schaffe ich nicht nur eine Distanz zum Gefühl ohne die Verbindung zu kappen, sondern öffne einen inneren Raum, da sein zu dürfen, sich zu entfalten, ohne mich zu überfluten. Ich muss diesen Zustand nicht genießen, sondern eher einfach beobachten und wahrnehmen – ganz ohne Bewertung, sei es nun eine positive oder eine negative Bewertung.
Und dann kehrt der Friede ein, indem ich mit mir selber Frieden geschlossen habe. Der innere Friede heißt nicht, nicht mehr wütend zu sein, keinen Neid mehr zu spüren und keine Enttäuschung, es heißt, im Frieden zu sein mit der Wut, mit dem Neid und mit der Enttäuschung – aber sie haben keine Macht mehr über mich, weil ich ihnen ein inneres, körperliches Zuhause gebe, wo sie sein dürfen. Mit dieser Erlaubnis zu sein, begrenze ich zugleich den Raum der Entfaltung und schaffe so auch einen Schutz vor Überflutung.

Frieden in der Welt

Die großen Religionen – unter ihnen das Christentum und auch der Buddhismus – sagen, das was dann übrig bleibt, wenn ich alle Gefühle zulasse, die dann dadurch immer weniger Macht haben und letztlich wieder verschwinden, ist die Liebe. Nicht die leidenschaftliche, stürmische Liebe eines jugendlichen Paares, nicht die reine Emotionalität, sondern die Liebe, die von Gott kommt, die tiefe Verbundenheit, der Zusammenhalt des Seins, die Beziehung des Menschen zum Menschen. Es ist der natürliche Impuls im Menschen, der Wirklichkeit wird, wenn wir bereit sind uns allem zu stellen.
Entscheidend ist es, dass wir diesen Raum öffnen, in dem die Gefühle zu Gast sein dürfen, so wie sie sind. Ohne zu belehren, ohne zu maßregeln, sondern einfach sein lassen.
Wir leben in einer unfriedlichen Welt – die Welt war immer irgendwie unfriedlich – höchstens ein paar Jahre gab es, wo weniger Unfrieden da war. Aber schon brauten sich dunkle Gewitterwolken am Himmel und neue Kriege, Unruhen und Terrorismus breiteten sich aus.
Vielleicht haben wir in den letzten dreißig oder sogar vierzig Jahren in dem Glauben gelebt, alles würde sich immer mehr zum Besseren entwickeln, Fortschritt, mehr Freiheit und der Rest würde schon sehen, wohin Unfreiheit, Versklavung, Populismus und Ausgrenzung führen.
Aber die Welt entwickelt sich nicht linear. Technisch geht es immer weiter – aber wer kann schon sagen, dass das immer wirklichen Fortschritt bedeutet?
Wer in dieser Welt nicht gerade an den Schalthebeln steht, der kann sich fragen, was er denn tun kann, damit mehr Frieden in diese Welt kommt.
Ich finde die Antwort liegt auf der Hand: sei selber jemand, der Frieden schenkt, indem er selber Frieden gefunden hat. Daher lautet dir Frage auch nicht, wie ich Frieden in die Welt bringen kann, sondern: Wie ich inneren Frieden finden kann

Schmerz zulassen

Dazu kann auch gehören, auch dem Leid und dem Schmerz Raum zu geben und zu erlauben, da zu sein, Gastgeber für diese emotionale Seite des Lebens zu sein. Das würde dann zu Jesu Wort passen: „Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein.“
Damit ist in letzter Konsequenz gemeint, dass unsere Liebe nicht davon abhängen soll, ob ich im Schmerz bin oder nicht.
Und um es gleich zu sagen: das ist keine moralische Forderung, als könnte ich das schon und als müsste man das nur streng genug verlangen und schon gelingt es. Es ist ein Weg, für den ich mich entscheiden darf. Was auch immer ich tue, es ist meine Entscheidung und niemand hat das Recht, darüber zu urteilen.
Aber wenn ich es tue, dann kann etwas Geschehen.
Friede, der ausstrahlt.

Die überraschende Leere und die geschenkte Zeit

Durch Zufall lass ich in den letzten Tagen einen Abschnitt über „Die große Leere“ – einen intergalaktischen Leeraum zwischen dem Pulsar Borgia und dem Galaxiencluster Coma Berenices. Schnell war ich dabei an die Grenzen meines physikalischen Verstehens geraten: Wie soll ich mir dreiviertel Quadrillinonen Kubiklichtjahre vorstellen, die dieses schwarze Loch groß ist? Wie den Ort vorstellen, der einfach nur Leere ist? Und gerade diese Leere fasziniert die Forscher sehr – sie wollen verstehen können, was es mit dieser „großen Leere“ auf sich hat.

Eine andere Leere hat mich diese Woche ebenfalls überrascht: Nachdem ich alle Termine in meinem Kalender gestrichen hatte, die ich in den nächsten Wochen nicht mehr wahrnehmen kann und soll, ist mein Terminkalender plötzlich leer. Leere im Kalender – seit ich ein Terminkalender führe, habe ich das noch nicht erlebt.

Zwischen Entspannung und Verunsicherung

Endlich einmal all das wegschaffen, was schon so lange liegen geblieben ist. Endlich einmal die Dinge in Ruhe tun, für die sonst die Zeit fehlt. Das ist zum einen eine schöne Aussicht. Fast wie Urlaub. Aber natürlich ist sie verbunden mit einer großen Verunsicherung, die unsere ganze Gesellschaft überzieht und natürlich auch vor einem Kloster nicht Halt macht: Gesundheit, Beziehungen, wirtschaftliche Existenz, das Leben in der und rund um die Cella – wie wird sich das alles in den nächsten Wochen entwickeln?

Es gehört zu den besonderen Dingen von Ruhe und Stille und eben üblicherweise auch von Urlaub, dass die Stresshormone Adrenalin, Noradrenalin sowie Cortisol weniger ausgeschüttet werden. Gerade die Meditation hilft uns Menschen, dass die Nebenprodukte der Stresshormone wie Blutfett oder Zucker besser abgebaut werden können und der Organismus gereinigt wird. Aber das ist natürlich in diesen Zeiten besonders schwer. Nahezu täglich müssen wir uns auf neue Nachrichten und Hinweise für unseren Alltag einstellen.

Aus der Leere in die Ruhe

Wie kann die gegebene Zeit, wie kann die Leere im Terminkalender zu einer erfüllten Zeit werden – und eben nicht zu einem schwarzen Loch von Unsicherheit und Nichtwissen?

Tatsächlich habe ich mich am Wochenende ertappt, den ganzen Tag immer wieder irgendwelche Nachrichten im Internet nachgelesen zu haben. Irgendwann hat es mich nicht mehr beruhigt, obwohl ich schon bald nichts mehr wirklich Neues gelesen habe – alles hatte ich schon gelesen und gehört.

Wie komme ich aus der Leere in die Ruhe? Dieser Frage konnte ich nicht mehr ausweichen. Die Leere im Terminkalender ist noch nicht von alleine eine Ruhe – und nicht von alleine stressreduzierend. In diesen Tagen braucht es auch die guten Gedanken, die mithelfen müssen, um die Ausschüttung der Stresshormone zu reduzieren.  Die Empfehlungen dazu sind nicht neu: Sich auf den eigenen Atem zu konzentrieren, wie er kommt und wie er geht, welche Räume er in der Lunge füllt. Oder sich auf dem Körper zu konzentrieren, auf die Gliedmaßen, die den Boden berühren, auf die Knochen und Muskeln, mit denen sich mein Körper aufrichtet.

Wachsen lassen

Einen großen Vorteil habe ich in diesen Tagen: Ich habe Zeit, geschenkte Zeit. Geschenkte Zeit, die ich nutzen darf für mich, um ganz bei mir zu sein. Ich kann sie bewusst mit Ruhe und Stille anfüllen. Amerikanische Forscher haben vor wenigen Jahren nachgewiesen, wie regelmäßige Zeiten der Stille neue Zellen in der Gehirnregion des Hippocampus wachsen lassen – also in dem Areal, das für das Gedächtnis und die Lernfähigkeit verantwortlich ist.

Was kann ich mir und meinen Mitmenschen in diesen Tagen Schöneres schenken als froh und zuversichtlich ganz bei mir zu sein – die Leere im Terminkalender zu Zeiten der Stille im Alltag zu nutzen?

Und ich freue mich wieder, von Dir zu lesen, wie es Dir in diesen Tagen zu Hause ergeht.

Sonnenblumen - Achtsamkeit

Christliche Achtsamkeit

Achtsamkeit – macht es Sinn, darüber noch einen Blogartikel zu schreiben? Hat nicht inzwischen jeder erkannt, dass Achtsamkeit wichtig ist: ein wenig den Atem spüren und schon ist man dabei und macht Achtsamkeit. Der Boom ist zwar noch nicht zuende, aber hat doch vermutlich seinen Zenit überschritten.
Ich will es mit einem Augenzwinkern einmal so formulieren: Wenn Themen bereits im VHS Programm angekommen sind, dann sind sie etabliert. Und Achtsamkeit ist definitiv dort angekommen – und nicht nur dort. Auch in Unternehmen und Betrieben kann man Kurse zur Achtsamkeit finden und die Krankenkassen entwickeln sogar eigene Apps dafür. Ganz schön modern, nicht wahr?
Okay, eigentlich ist also alles bereits geschrieben und gesagt worden.
Fast! Denn ich glaube, dass wir Achtsamkeit weiter fassen können und müssen. Es geht nicht nur um Stressreduktion, sondern Achtsamkeit hat ja ursprünglich einen spirituellen Hintergrund. Kabat Zinn, ein Therapeut aus den USA, hat in den 70er Jahren aus der buddhistischen Achtsamkeit alles Religiöse herausgenommen, um es als Gesundheitsprogramm für Stressgeplagte anbieten zu können. Das war offensichtlich sehr erfolgreich.
Es gab dennoch vielfach Kritik von christlichen Gemeinschaften und Kirchen, dass hier buddhistisches Gedankengut verbreitet wird. Und zugleich wurde von anderer Seite beklagt, dass es im christlichen Glauben keine solche Übung gibt und Achtsamkeit nichts Christliches ist.
Und ich glaube, dass das nicht stimmt. Wir haben lediglich einen ganz anderen Begriff dafür und betrachten die Sache etwas anders und leider nicht mit letzter Konsequenz. Wir sind im Christentum auf halbem Wege stehen geblieben.

Aber fangen wir grundsätzlicher an.

Primat der Wahrnehmung

Wenn wir Achtsamkeit weiter fassen wollen, dann müssen wir zunächst verstehen, was eigentlich hinter diesem Begriff steht. Denn Achtsamkeit bedeutet vor allem ein Primat der Wahrnehmung. Es geht darum, möglichst viel vorurteilsfrei wahrzunehmen und zu spüren. Dabei ist sehr wichtig, dass mir niemand vorgibt, was ich spüre. Jedes Gefühl und jedes Empfinden ist okay und darf wahrgenommen werden. Achtsamkeit funktioniert also nur, wenn sie nicht manipulativ benutzt wird.
Christliche Achtsamkeit als spirituelle Achtsamkeit heißt dann, dass es vor allem darum geht, den inneren spirituellen Raum zu spüren. Es geht also nicht in erster Linie darum, einen Glaubenssatz anzunehmen, sondern diesen inneren Bereich in unserem Bewusstsein. Oder ich gehe in eine Kirche hinein und erlaube mir Augenblicke des Spürens. Oder aber auch, ich gehe in eine bestimmte Kirche nicht, weil ich mich dort unwohl fühle.

Spüren, was ist

Im Kern kann man daher sagen, dass es darum geht zu spüren, was wirklich gerade passiert und dieses Spüren sehr ernst zu nehmen, zugleich auch als Weg der Erkenntnis.
Ich bin mit einem Freund zusammen und wir unterhalten uns und ich spüre eine Sorge in mir oder eine Angst. Dieses Erleben nehme ich ernst und versuche es ins Gespräch zu bringen. Vielleicht wird mir Angst beim Vorhaben des Freundes, vielleicht bekomme ich Sorge bei dem, was ihm passiert ist. Vielleicht scheint aber auch kein naheliegender Zusammenhang zu bestehen und erst, wenn ich meine Gefühle ausdrücke, erkennt der Freund, dass es ihm ähnlich geht. So zumindest funktioniert Achtsamkeit in der Beratung. Indem die Beraterin ihre Gefühle mitteilt, kommen beide zu neuen Erkenntnissen.
Aber so kann ich mich auch in Texte hineinspüren. Einfühlung nannte das Edith Stein. Ich spüre, was mich beim Hören eines Evangeliumstextes berührt, was mich abstößt, was mich bewegt. Und wenn ich diesen Gefühlen folge und sie ernst nehme, kann ich zu tiefen Erkenntnissen kommen.

Alles entwickelt sich

Das Statische ist im Christentum lange Zeit betont worden. Dafür wurden Dogmen gebildet, die etwas für immer und ewig festschreiben. Und es gibt Aufgaben in der Kirche, die sind für immer und ewig, selbst, wenn man sie nicht mehr will. Ein Priester bleibt immer Priester, selbst wenn er sich laisieren lässt. Und selbst die Taufe ist etwas, was irreversibel ist, selbst, wenn ich Buddhist werde oder aus der Kirche austrete.
Und auch die Ehe ist ja einmal und dann immer.

Was ich damit sagen will: Wir haben im Christentum keine gute Beziehung zur Entwicklung. Das Statische wird betont und nicht die Möglichkeit und Notwendigkeit, dass jemand oder etwas einen Weg zurücklegt, dass sich etwas verändert, an die Umwelt anpasst.
Achtsamkeit aber kennt das Statische nicht, sondern ist etwas, was im Fluss ist. Alles bewegt sich, was ich jetzt spüre, kann gleich vorbei sein. Natürlich gibt es im Fluss der Wahrnehmung auch das Kontinuum. Aber es ist stets möglich und nie verboten, dass sich hier etwas ändert.

Christliche Achtsamkeit

Ich habe lange nachgedacht, warum Achtsamkeit nicht im Christentum entstanden ist, zumal ich Jesus aus den Geschichten der Evangelien heraus als einen sehr achtsamen Menschen erlebe. Und irgendwann wurde es mir klar. Natürlich leitet uns Jesus zur Achtsamkeit an! Wie konnte ich das übersehen?
Nur sprechen wir im Christentum nicht von Achtsamkeit, sondern von Begegnung. Martin Buber hat es so vortrefflich formuliert “Der Mensch wird am Du zum ich” und “Alles wirkliche Leben ist Begegnung”.
Ich begegne meinem Atem und deshalb spüre ich ihn.
Ich begegne meinen Gefühlen, weshalb ich sie fühle. Der Begriff der Begegnung ist unser Begriff für Achtsamkeit. Und Jesus begegnete vielen Menschen und Dingen.
In einem Video habe ich schon mal davon erzählt, wie Jesus Erkenntnis erlangt hat. Auch da sprach ich im Grunde von Begegnung, von Achtsamkeit.
Mit anderen Worten: Willst Du christliche Achtsamkeit üben, dann gehe mit allen und allem in Begegnung. Begegne dem Türknauf, der Kaffeetasse, dem Hund, der Blume, dem Freund. Wirkliche Begegnung – ganz so, wie es Buber so schön beschrieben hat und wie es zu den Grundpfeilern seiner Philosophie gehört.
Und schau einmal im Evangelium nach. Suche Stellen, wo Jesus begegnet und wie er das tut. Du wirst überrascht sein und viele dieser Textstellen werden Dir in einem neuen Licht erscheinen.

Chaffle – ein neues Rezept

Chaffle? Ich sehe schon Dein Gesicht und dieser fragende Ausdruck in Deinen Augen. Was um alles in der Welt ist Chaffle? Wieder so ein Modetrend aus den USA? Ich muss zugeben: Ja, das ist es.
Ich habe Chaffle erst am Freitag kennengelernt und fand das Rezept zufällig auf einer Webseite in einem aktuellen Post. Und da traf es mich wie ein Blitz. Ich bin ja ein Freund einfacher Rezepte und Chaffle ist – ehrlich gesagt – mehr als einfach, geradezu simpel. Und so habe ich mich am Samstag aufgemacht und habe meine erste Chaffle produziert und war wirklich begeistert.
Es gibt in deutschsprachigen Internet übrigens noch nicht so viel zu diesem Trend, aber das wird kommen.

Was ist eine Chaffle?

Eine Chaffle ist eine Waffel aus Käse und Ei und setzt sich demzufolge aus den Worten Chees und Waffle zusammen. Sie ist hervorragend geeignet für alle, die sich low carb ernähren wollen, denn hier spielen Kohlenhydrate wirklich keine Rolle und das merkt man auch. Wer eine Chaffle isst, wir davon satt, aber nicht pappsatt, weil eben Kohlenhydrate kaum enthalten sind.

Wie stellt man eine Chaffle her?

Nun, die Zutaten kennst du schon:
ca. 100 gr. geriebener Käse
1 Ei

Beides in einer kleinen Schüssel vermengen und in einem Waffeleisen ausbacken. Bei mir hat es ca. 5 Minuten pro Waffel gedauert, bis die Chaffle (man könnte auch Käsewaffel sagen) fertig war. Sie soll am Ende knusprig sein und braucht daher ihre Zeit. Wer es gerne weicher hat, backt kürzer oder nimmt ein Ei mehr.

Und was kann man damit machen?

Die Chaffle kannst Du zu jedem Essen reichen, bei dem es ein Sauce gibt. Aber sie schmeckt auch ganz ohne Beilage oder mit Kräuterquark oder einfach zu einem Salat. Die Möglichkeiten sind viele.
Ich bin ja ein großer Freund von herzhaften Waffeln, es ist einfach eine andere Möglichkeit und sieht auf dem Teller auch gut aus. Daher kann ich nur sagen: Unbedingt ausprobieren!
Was ich noch nicht probiert habe ist die Möglichkeit, die Chaffle in einer beschichteten Pfanne zu braten. Das soll auch gehen, die Pfanne muss aber beschichtet sein.
Guten Appetit!

Absage Konzert während der Passionszeit

Anton Sjarov – Violine
Elena Chekanova – Live Elektronik
Robert Kusiolek – Akkordeon, Klangobjekte

Am 14. März 2020 um 19.30 Uhr

Cella Sankt Benedikt
Voßstr. 36
30161 Hannover

Eintritt frei – Spenden willkommen

Robert Kusiolek (Akkordeon, Klangobjekte) Elena Chekanova (Live Elektronik), und Anton Sjarov (Violine) sind Ausnahmekünstler heutiges Tages. Ihre fokussierte Arbeitsweise überschreitet viele Grenzen. In ihren Eigenenompositionen werden die drei Musiker mit außergewöhnlicher Instrumentierung neue Klangdimensionen erforschen. Als Sakral-Klangfarben, passend zur Passionszeit, werden unter anderem die Werke von Johann Sebastian Bach neu dargestellt.

Robert Kusiolek – Akkordeonist, Bandoneonist und Komponist. Er hat die Musikakademie mit Auszeichnung in Poznan / Polen abgeschlossen und studierte an der HMTMH in der Solistenklasse der Prof. Elsbeth Moser. Robert Kusiolek ist Preisträger des Stipendienprogramms MLODA POLSKA des Ministers der Kultur in Polen – 2006 und DAAD in Deutschland – 2007. Er ist auch Preisträger der Internationalen Akkordeonwettbewerbe (Kammermusik) in St. Petersburg – Russland 2003, in Poprad – Slowakei 2003, in Przemysl – Polen 2003, in Klingenthal – Deutschland 2004 und in Castelfidardo – Italien 2006. Robert Kusiolek hat auf dem Label Multikulti Project die international erfolgreiche CDs: „NUNTIUM“ 2011, „the universe“ 2014 und „Qui Pro Quo“ 2015 veröffentlicht.

Elena Chekanova studierte an der renommierten Michail Oginsky Musikschule in Weißrussland Chordirigieren und schloss im Jahr 2000 mit Auszeichnung ab. Ein Stipendium der Polnischen Regierung erlaubte ihr das Zweitstudium für Orchester- und Operndirigat an der Hochschule für Musik in Posen. Auch diese Ausbildung absolvierte Elena Chekanova mit Bestnote. Danach dirigierte sie zahlreiche Uraufführungen mit dem an_Arche NewMusicEnsemble in Polen. 2007 wechselte sie an die Musikhochschule Hannover in die Dirigierklasse von Prof. Eiji Oue und wurde 2009 – nach ihrem Konzertexamen – in seine Soloklasse aufgenommen. Die Kunst des Dirigierens lernte sie auch von ihrem anderen Lehrer und Mentor, Maestro Michail Jurowski, einem Dirigenten der klassischen russischen Schule, dem sie 2009 und 2010 bei Konzerten in Wien, Parma, Stuttgart und im schwedischen Norrköping assistierte.

Der Violinist Anton Sjarov studierte in Bulgarien, an der Academy in Antwerpen sowie am Königlichen Konservatorium in Brüssel. Darüber hinaus hat er sich intensiv mit ethnischer Musik unterschiedlichster Herkunft auseinandergesetzt. Er gab bisher weltweit Konzerte in kammermusikalischen Besetzungen sowie in A-Philharmonieorchestern. In seinem Spiel doppelt er oft die Violine mit seiner Stimme und realisiert imaginäre Landschaften, kammermusikalische Atmosphären, zwischen dunkler Melancholie und glühender Leidenschaft, getragen von klassischen Spielfiguren und Techniken.

Morgenritual – an fünf Fingern abgezählt

Die 5 meistgelesenen Artikel der vergangenen 12 Monate: Platz 2

Morgenritual – an fünf Fingern abgezählt

Der Morgen hat es ja immer irgendwie in sich. Es gibt die Morgenmuffel, die Kaffeejunkies, es gibt die Jogger und die Langschläfer, die Lass-mich-in-Ruhe-Menschen und die Ich-rede-gerade-morgens-viel-Mitbewohner. es gibt die Teetrinker, die Müsliesser, die Brötchenfreunde und die Zeitungsleser… kaum eine Tageszeit bringt so viele Typologien hervor, in kaum einer Tageszeit werden so viele Eigenarten gelebt.
Der Morgen hat es in sich, denn er bereitet uns auf den Tag vor und auf all das, was auf uns wartet – manches wissen wir, manches bleibt Überraschung (gute oder schlechte).

Mönche lieben den Morgen

Schon die frühen Mönche wussten, dass der Morgen einen eigenen Zauber hat. Ihn völlig zu verschlafen, kam ihnen nicht in den Sinn, ganz im Gegenteil. Die meisten Mönchsväter liebten es sehr früh aufzustehen und erste Psalmen zu rezitieren, zu meditieren oder zu beten. Es ging ihnen um die Stille, die noch über der Welt liegt, das natürliche Schweigen, das man tagsüber oft vergeblich sucht und das Faszinosum, dass der Tag neu erschaffen wird, dass durch das Aufgehen der Sonne so etwas wie Neuschöpfung beobachtbar ist.

Aufwachen heißt unterscheiden

Aber noch mehr. Die Nacht vorher hat unmittelbaren Einfluss auf unseren Morgen. Mal haben wir gut, mal schlecht geschlafen. Mal tut uns der Rücken weh, dann ist der Nacken verspannt. Träume lassen uns nicht gleich los, sondern verfolgen uns – oder verzaubern uns, je nach Inhalt. Manche Menschen haben es schwer, die Nacht vom Tag zu trennen und wirklich wach zu werden. Sie bleiben irgendwie im Schlafmodus und können das eine vom anderen nicht scheiden, das Bewusste vom Unbewussten. Ja, der Tag ist Symbol für unbewusste Prozesse und Inhalte – das ist nicht erst so, seitdem wir uns mit der Psychoanalyse und der Traumdeutung auseinander setzen. Schon in den Märchen ist die Nacht immer der Ort unbekannter und zumeist gefährlicher Kräfte, die besiegt oder gewonnen werden sollen, damit der Held oder die Heldin in seiner goldenen Zukunft leben kann.

Fünf-Finger-Morgenritual

Ein entscheidender Punkt ist es, wie es uns gelingt, den Wechsel vom Schlaf zur Wachheit, von der Nacht zum Tag und von unbewussten zu bewussten Zugängen zu gestalten.
Eine kleine Hilfe möchte ich mit diesem Fünf-Finger-Morgenritual anbieten. Es sind kleine Übungen und minimale Rituale, die Dir helfen können, nicht nur den Schlaf abzuschließen, sondern Dich auch auf den Tag vorzubereiten:

  1. Daumen
    Jede Nacht ist kostbar – auch die durchwachte und schlaflose kann es sein. Den Stress macht ja nicht die Schlaflosigkeit, sondern die Abwehr dieses Zustandes. Deshalb ist es gut, dankbar zu sein für die vergangene Nacht. Insbesondere für die Träume, die eine reinigende Wirkung erzielen wollen. Der Körper konnte sich erholen, die Nerven sich beruhigen – das ist Grund genug, die Nacht wert zu schätzen und dankbar dafür zu sein.
  2. Zeigefinger

    Wer träumt sollte es sich angewöhnen, die eigenen Träume aufzuschreiben. Das hilft nicht nur, unangenehme Träume loszulassen und sich von der oft bedrückenden Atmosphäre zu befreien, sondern es hilft, den Inhalt zu verarbeiten und die Träume Deinen inneren Verarbeitungsprozessen zur Verfügung zu stellen. Allein das Aufschreiben kann Dir helfen, einen großen Nutzen aus den Träumen zu ziehen.

  3. Mittelfinger

    Wenn Du Dich danach ans geöffnete Fenster stellst und tief ein und ausatmest, dann weckst Du nicht nur Deinen Kreislauf, es ist auch wie das hereinlassen der Tageswelt ins Schlafzimmer. Die Morgenluft ist selbst in einer Stadt eine besondere. Das Atmen selbst ist wie eine fortlaufende Neuschöpfung.

  4. Ringfinger

    Mit dem Ein- und Ausatmen am Fenster ist die rituelle Wende von der Nacht zum Tag eingeläutet. Bitte nun um den Segen für den neuen Tag, um den Beistand für alles, was kommen mag, um die Begleitung durch alles Schwere.

  5. Kleiner Finger

    Und zum Schluss wendest Du Dich an Dich selber und bittest Dich: Möge ich alles an diesem Tag als Chance zu meiner Weiterentwicklung nutzen.

 

So kannst Du dem Übergang von der Nacht zum Tag eine besondere Form geben, kannst die Nacht abschließen und Dich gestärkt für den Tag öffnen.

Da bleibt mir nur zu sagen: Ich wünsche Dir einen guten Tag!

Über den Sinn der Fastenzeit

„Potus non frangit ieiunium!“ „Der Trank bricht das Fasten nicht!“ So lautet eine alte Mönchsregel, die das Fasten in den Blick nimmt. – Und doch mögen die am vergangenen Wochenende von manch einem Kater Betroffenen den Aschermittwoch herbeigesehnt haben. Denn spätestens seit dem vergangenen Mittwoch haben wir uns alle geistig und so manch einer von uns auch körperlich auf die Fastenzeit eingestellt.

Wenn ich den Begriff Fastenzeit höre, denke ich immer sogleich an Verzicht und Abstinenz und schäme mich innerlich, weil ich die moralischen Forderungen, die mit diesen Begriffen einhergehen, nur selten erfüllen kann…

Wie hat sich die Fastenzeit entwickelt und was ist ihr Sinn?

Bevor wir in die geschichtliche Entwicklung eintauchen, muss der Name geklärt werden: Die nur im Deutschen übliche Bezeichnung Fastenzeit ist recht unglücklich gewählt, da sie nur einen Teilaspekt dieser Tage und Wochen vor Ostern hervorhebt. Die lateinische Bezeichnung Quadragesima ist da viel sachlicher, bezeichnet sie zunächst doch nur den 40. Tag vor dem Osterfest und dient erst später als Bezeichnung für den gesamten Zeitraum der vierzig Tage.

Der andere (seit dem Zweiten Vaticanischen Konzil gebräuchliche) Name vorösterliche Bußzeit deutet schon eher auf den Inhalt dieses Zeitraums vor Ostern hin, dass sich nämlich die Gläubigen (insbesondere die Taufbewerber) auf das höchste Fest der Christenheit vorbereiten sollen.

Die frühen Christen des 2. Jahrhunderts hatten es viel einfacher als wir: Sie kannten nur ein zweitägiges Trauerfasten als Vorbereitung auf die Osternachtfeier. Dieses Trauerfasten wurde in der mitternächtlichen Tauf- und Eucharistiefeier durch die österliche Freude abgelöst. Im 3. Jahrhundert wurde dieses Fasten, wenn auch eingeschränkt, auf die ganze Karwoche ausgedehnt.

Doch bereits das erste Ökumenische Konzil von Nizäa spricht im Jahr 324 von einer Quadragesima wie von einer altbekannten Einrichtung. Die Konzilsväter begründeten die Dauer von 40 Tagen mit den 40 Jahren der Wüstenwanderung Israels in das Gelobte Land. Mit den 40 Tagen und Nächten, die Mose auf dem Berg Sinai verbracht hat. Mit den 40 Tagen, die der Prophet Elija auf dem Weg zum Berg Horeb gefastet hat. Aber auch das 40-tägige Fasten Jesu in der Wüste zum Auftakt seines öffentlichen Wirkens, von dem wir eben im Evangelium gehört haben, diente als Begründung für die 40-tägige Fastenzeit.

Weil man aber damals (wie auch heute) sonntags nicht fastete, suchte man im 5. Jahrhundert die Zahl der tatsächlichen Fasttage auf 40 zu erhöhen und erreichte dies in zwei Schritten: Man rechnete Karfreitag und Karsamstag (Bestandteile des österlichen Triduums) hinzu und kam so auf die Zahl 36, die man als zehnten Teil eines Jahres betrachtete. Nach Gregor dem Großen bezog man die vier Tage vor dem ersten Fastensonntag in die Quadragesima mit ein und gelangte so zum Aschermittwoch als ihrem Beginn.

Eine lange Tradition

In diesen Tagen und Wochen begegnet uns also eine 1500 Jahre alte christliche Tradition, die inhaltlich vor allem vom Katechumenat  und der Kirchenbuße bestimmt war.

Katechumenat nannte und nennt man die Zeit der Vorbereitung und Bewährung, in der die zu Taufenden in den Geist des Evangeliums und in die Gemeinschaft der Kirche hineinwachsen sollten, um dann in der Osternacht durch die Sakramente der Taufe, Firmung und Eucharistie zu „Vollbürgern“ im Volke Gottes zu werden.

Die Rekonziliation der Sünder erfolgte nach einer angemessenen Bußzeit am Gründonnerstag, so dass die Wiederversöhnten die Osterfeier wieder in lebendiger Gemeinschaft mit der Kirche begehen konnten.

Gemeinschaftliches Fasten mit Hintersinn

Die Gemeinden ließen aber die Taufbewerber und die Büßer nicht allein, sondern tauchten in solidarischer Weise in die Vorbereitungen mit hinein: Für die entscheidende Versammlung am Tisch des Herrn in der Osternachfeier sollten aller Hass und Streit ausgeräumt werden und die Gemeindeglieder sich in erneuter geschwisterlicher Liebe zusammenschließen.

Dem diente ursprünglich das Fasten als Ermöglichung von Almosen. Dem diente die Vermehrung der Gottesdienste und Unterweisungen (die in Rom schließlich zur täglichen gemeindlichen Messfeier führte)…

Das Fasten in der Quadragesima ist also eine sekundäre Entwicklung. Entscheidend sollte sein die Taufvorbereitung bzw. die Rückbesinnung an die Taufe und die daraus resultierenden Rechte und Pflichten und die Buße der Gläubigen für begangenen Verfehlungen.

In der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils betonen die Konzilsväter für diese Zeit vor allem die Bedeutung der Tauferinnerung. Aus einem vermehrten Hören auf das Wort Gottes und einem eindringlicheren Gebet erwächst ein intensiveres Christentum, das schließlich in der Feier des Pascha-Mysteriums mündet.

Wer einen wachen Blick für die Liturgie hat, entdeckt, dass wir zwar auf Gloria und Halleluja verzichten, dass wir auch am Sonntag an der strengen Farbe violett festhalten. Doch wir tun dies in einem ganz besonderen Bewusstsein, wie es in einer Präfation für die Quadragesima heißt:

„Jedes Jahr schenkst du deinen Gläubigen die Gnade, das Osterfest in der Freude des Heiligen Geistes zu erwarten. Du mahnst uns in dieser Zeit der Buße zum Gebet und zu Werken der Liebe, du rufst uns zur Feier der Geheimnisse, die in uns die Gnade der Kindschaft erneuern. So führst du uns mit geläutertem Herzen zur österlichen Freude und zur Fülle des Lebens durch unseren Herrn Jesus Christus.“

Wie hältst Du es mit der Fastenzeit?