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Espresso – 27.2.2017

Am besten einsteigen.
Jeden Tag fahren genug Züge und Busse an Dir vorbei – es sind Einladungen. Gewiss nicht nur gute. Da gibt es Busse, die wollen, dass Du Dich mitärgerst. Es gibt Bahnen, die fahren direkt vor die Wand. Andere führen in den Frust, das Beklagen, den Büroklatsch, die Verdächtigung, den Verrat, das ungute Wort. Alles Züge, die an Dir jeden Tag vorbeifahren, kurz anhalten und mit verlockend freundlicher Stimme Dich zum einsteigen auffordern. Hier sagst Du besser, nein Danke.
Es gibt die anderen Züge, die Dich in die Dankbarkeit führen, wo Du anderen etwas Gutes tun kannst, wo ein Lächeln etwas Wert ist und verändert, wo Du in vollen Zügen genießen kannst.
Wenn solche Züge und Busse bei Dir halten und Dich einladen einzusteigen, dann heißt es: Ja, gerne.
Hab eine gesegnete Woche.

Wie bleibe ich innerlich unabhängig

Wie bleibe ich innerlich unabhängig?

Wie bleibe ich innerlich unabhängig?

 

Liebe Hildegard, bitte verzeih mir, dass ich Dir jetzt erst eine Antwort schreibe. Die letzten Wochen waren noch sehr davon geprägt, an Tristan, den verstorbenen Kater, zu denken. Er fehlt mir sehr! Außerdem hat mich Deine Frage: „Wie bleibe ich innerlich unabhängig?“ zum Nachdenken gebracht.
Ich habe erst mal darüber nachgedacht, ob das stimmt, dass wir Katzen so unabhängig sind und wir uns nicht danach richten, was andere von uns erwarten. Und dann habe ich darüber nachgedacht, warum das so ist und was ich Dir antworten kann.
Das ist eine ganze Menge für ein solch kleines Katzenköpfchen, kann ich Dir sagen. Ich habe also viel Zeit gebraucht und bin – ehrlich gesagt – manchmal darüber eingeschlafen. Nicht, weil es mich gelangweilt hätte, sondern weil es so anstrengend war.

Katzen sind nicht nur unabhängig

Du meinst wir seien so unabhängig? Ehrlich gesagt erlebe ich jeden Tag, wie abhängig ich von den Menschen bin. Ohne mein Herrchen bekomme ich weder Fressen noch etwas zu trinken. Und ich brauche natürlich auch meine Streicheleinheiten – auch da bin ich abhängig.
Außerdem muss ich Dir gestehen, dass ich manchmal etwas eifersüchtig bin. Auch nicht gerade ein Zeichen von sehr großer Unabhängigkeit, oder?
Ich weiß, dass ich mich in einer bestimmten Art und Weise verhalten soll, damit mein Herrchen sich freut und ich bemühe mich nach Leibeskräften (und es gelingt mir nicht immer, das weiß ich).

Katzen sind unabhängig

Das klingt wie ein Widerspruch zu dem, was ich vorhin schrieb – ist es ja auch. Dennoch erlebe ich auch das. Ich bin zwar abhängig, aber ich grüble nicht darüber nach, ob ich eine gute Katze bin, ob die andere Katze besser ist, was ich noch so machen könnte, um eine noch bessere Katze zu sein. Es ist mir wirklich total egal, ob andere meinen, ich sei eine tolle Katze oder nicht – solange ich etwas zu fressen, zu trinken bekomme und gestreichelt werde. Und selbst wenn ich das nicht bekomme, dann fehlt mir etwas, aber ich zweifle deshalb nicht an mir.

Anerkennung ist keine Materie

Manchmal, wenn ich Menschen so zuhöre, dann kommt mir die Idee, dass Menschen Anerkennung als etwas materielles auffassen. Man hat es oder man hat es nicht. Es kann nur einmal an einer Stelle sein und nie zugleich an beiden Stellen. Wenn der eine Anerkennung bekommt, dann kann die Anerkennung nicht zugleich bei mir sein.
Das bedeutet auch, dass man Anerkennung bekommen muss, weil sie entweder bei mir ist oder nicht. Verstehst Du? Ihr Menschen denkt, dass man Anerkennung entweder hat oder nicht, wie man ein leckeres Stück Käse entweder zwischen seinen Pfoten hat oder es zwischen den Pfoten der anderen Katze wiederfindet. Es kann nie zugleich in meinen Pfoten sein und in den Pfoten der anderen Katze. Für Käse stimmt das (leider) auch, aber es passt nicht für Anerkennung und Unabhängigkeit.
Ihr Menschen materialisiert Anerkennung, Unabhängigkeit und vieles anderes mehr.
Wenn jemand Anerkennung erhält, dann hast Du nicht weniger und wenn Dir jemand Anerkennung gibt, dann hast Du nicht mehr.
Das Geheimnis ist: Du bist längst unabhängig – hör auf, Anerkennung zu materialisieren.

Ich bin kein Rudeltier – Du schon

Das ist ein wichtiger Unterschied. Ich bin kein Rudeltier, ich lebe immer schon alleine. Ich schätze es, eine Mitkatze zu haben (die ich manchmal ärgern kann) und ganz alleine fände ich es auch langweilig. Aber wir schmusen nicht zusammen, wir spielen nicht zusammen und wir fressen nicht einmal zusammen. In der freien Wildbahn lebe ich für mich ganz alleine.
Du bist ein Rudeltier, Du bist auf andere Menschen angewiesen, viel mehr als ich auf andere Katzen. Das verändert alles.
Ich vermute mal, wem Anerkennung fehlt, der kann schlecht die Distanz zu anderen Menschen ertragen. Wer nach Anerkennung sucht, sucht vielleicht auch Nähe. Ihr Menschen seid manchmal einfach zu sehr darauf aus, Kontakt zu haben und könnt das Für-sich-Sein nicht ertragen. Ich empfehle Dir, das Getrenntsein von anderen mehr Wert zu schätzen, das macht Dich unabhängig.

Mach einmal etwas Ungewöhnliches

Ich habe einmal von einer Katze aus Amerika gehört, dass es in San Francisco (übrigens ein echter Tierfreund, dieser Franziskus) eine Schule für Menschen gibt, wo man Unabhängigkeit lernen kann.
Dort machen die Teilnehmenden ganz komische und ungewöhnliche Dinge, um sich unabhängiger von der Meinung anderer zu machen. Sie legen sich einfach in der Fußgängerzone auf den Boden, tanzen auf der Straße und andere solche Sachen. Mach doch auch einmal etwas, was Dir vielleicht unpassend erscheint, was andere komisch finden. Du musst ja nicht gleich den ganzen Morgen auf der Straße liegen. Überlege einmal, was es für Dich sein könnte, was andere Menschen komisch finden. Dann mach es und lerne so, freier zu sein.

Es ist alles nur Kopfkino

Vielleicht ist ja auch das der Unterschied zwischen uns. Ich habe einen kleinen Kopf und ihr Menschen einen großen. Ich kann gar nicht so lange und so viel nachdenken wie ihr. Das Gefühl Anerkennung zu vermissen ist auch nur eine Kopfgeburt – Du denkst es. Du vergleichst Dich mit anderen, Du überlegst, was andere über Dich denken. Erkenne es als das, was es ist: Gedanken. Das schlimme ist nicht, dass Du das denkst, das Schlimme ist, dass Du Deinen Gedanken glaubst. Hör auf, Deinen Gedanken einfach so zu glauben. Niemandem würdest Du so einfach blindlinks Dein Vertrauen schenken, wie Du es mit Deinen Gedanken machst. Warum sollten Deine Gedanken immer stimmen? Im Grunde weißt Du ja längst, dass sie nicht stimmen – zumindest nicht immer.

Vor einer Zeit hat mir mein Herrchen eine Geschichte vorgelesen, die fand ich toll. Es kann eine kleine Übung sein, sich selber die nötige Anerkennung zu geben.
Vielleicht kennst Du sie ja schon:

Es war einmal ein Bauer, der steckte jeden Morgen eine Handvoll Bohnen in seine linke Hosentasche. Immer, wenn er während des Tages etwas Schönes erlebt hatte, wenn ihm etwas Freude bereitet oder er einen Glücksmoment empfunden hatte, nahm er eine Bohne aus der linken Hosentasche und gab sie in die rechte.

Am Anfang kam das nicht so oft vor. Aber von Tag zu Tag wurden es mehr Bohnen, die von der linken in die rechte Hosentasche wanderten. Der Duft der frischen Morgenluft, der Gesang der Amsel auf dem Dachfirst, das Lachen seiner Kinder, das nette Gespräch mit einem Nachbarn – immer wanderte eine Bohne von der linken in die rechte Tasche.

Bevor er am Abend zu Bett ging, zählte er die Bohnen in seiner rechten Hosentasche. Und bei jeder Bohne konnte er sich an das positive Erlebnis erinnern. Zufrieden und glücklich schlief er ein – auch wenn er nur eine Bohne in seiner rechten Hosentasche hatte.

Wenn Du für alles, was Du gut gemacht hast, was Du geschafft hast, eine Bohne von der einen Tasche in die andere steckst, wirst Du gewiss eine ähnliche Erfahrung machen.

Ich wünsche Dir viel Spaß dabei. Und: danke, dass Du mir geschrieben hast!

Valentin

Valentin

 

Klarer Standpunkt – in den Füßen

Klarer Standpunkt – in den Füßen

Klarer Standpunkt – in den Füßen

Mein Fuß steht auf ebenem Grund.  (aus Psalm 26)

Wenn ich auf einen Menschen mit einem klaren Standpunkt treffe, dann ist die Begegnung vielleicht nicht immer ganz einfach. Aber ich habe eine große Sympathie für klare Standpunkte und Respekt vor Menschen, die so sind. Und ich wünsche mir, selber ein solcher Mensch mit einem klaren Standpunkt zu sein.

Während meiner Arbeit in der Stimmtherapie spreche ich oft mit Menschen über ihren Stand, über ihre Aufrichtung auf den Füßen. Und auch da erlebe ich sehr körperlich: Es gibt Menschen mit einem klaren Standpunkt. Da würde ich vielleicht eher von einem stabilen Standpunkt sprechen. Menschen, die fest mit beiden Beinen auf dem Boden verwurzelt sind, die nicht krumm sind und nicht leicht zu fallen drohen.

Stabilität entsteht nicht durch Festigkeit

Spannender ist es, mit Menschen körperlich diesen stabilen Standpunkt zu suchen – immer dann, wenn der Körper (aus welchen Gründen auch immer) aus dieser Stabilität heraus gekommen ist. Für unseren Körper ist dabei klar: Stabilität entsteht nicht durch Festigkeit der Muskeln, sondern durch Balance und durch die Ausgeglichenheit der Muskeln. Ein muskulärer fester Stand ist eben kein stabiler Stand. Und so beginnt die Suche nach dem guten Standpunkt üblicherweise in den Füßen. Das Körpergewicht auszubalancieren zwischen dem rechten und linken Fuß zwischen Fußballen und Ferse.

Wenn man so seinen guten Standpunkt sucht, also einfach mit dem Körper leicht nach vorne und nach hinten pendelt, und so die Füße immer besser stabilisiert, merkt man schnell, dass sich auch die Muskeln in den Beinen als zunächst in den Waden- und Schienbeinmuskeln, dann aber auch um das Knie und bis hin in die Oberschenkel verändern. Wer sehr sensibel ist, kann diese Veränderung auch im ganzen Rumpf- und Oberkörperbereich an den einzelnen Muskeln nachspüren bis hin zum Hals.

Balanciert und zentriert 

Tatsächlich erlebe ich, wenn ich mit Menschen eine solche Übung in der Praxis mache, dass sie bereits nach wenigen Minuten einen neuen Stand haben. Muskeln sind verändert, Knochen stehen anders aufeinander. Körperlich würde ich sagen, sie haben einen neuen Standpunkt. Und tatsächlich ist ein ausgeglichener Standpunkt über den Füßen für viele Menschen deutlich angenehmer, mögliche Schmerzen in Schulter, Nacken und dem Rücken werden geringer. Je ausbalancierter ein Körper ist, desto sicherer ist er, um sich nicht durch einen Sturz zu verletzen.

Natürlich komme ich in meiner Arbeit nicht an der Frage vorbei, was der stabiler Standpunkt in den Füßen mit dem stabilen Standpunkt im Kopf zu tun hat – und was der feste Standpunkt in den Füßen mit dem festen Standpunkt im Kopf zu tun hat.

Von Kopf bis Fuß – oder: Wie die Füße den Kopf prägen

Der klare Standpunkt, der mich körperlich (also von den Füßen her) und geistig (also vom Kopf her) fasziniert, ist tatsächlich eher ein ausbalancierter als ein verfestigter.

Und auch wenn eine 1:1 – Beziehung natürlich viel zu platt wäre, hat das eine mit dem anderen nach meiner Erfahrung doch etwas zu tun. Darum übe ich gerne meine Balance und lade Euch ein, das mit dieser einfachen Schwinge- und Pendelübung über die Körpermitte auch einmal zu tun.

Ich freue mich wieder auf Eure Erfahrungen und Rückmeldungen.

 

Espresso – 20.2.2017

What a time to be alive. Was für eine Zeit zu leben.
Wer so sprechen kann, wer das ausruft, der ist zufrieden, der ist dankbar für das eigene Leben – ich gehe mal davon aus, dass der Satz positiv gemeint ist. Man kann ihn auch anders aussprechen. Was für eine Zeit zu leben. Irgendwie stimmt ja immer beides. Aber trotz aller Sorgen, der vielen schlechten Nachrichten – die Welt bietet Dir unendlich viel Schönes und Gutes. Behalte den Blick dafür, lass dich nicht in den negativen Strudel mitreißen. Angst macht aus Dir einen sehr guten Konsumenten – vergiss das nicht. Glückliche Menschen kaufen weniger. Vielleicht wird es Zeit, darüber einmal nachzudenken – das gilt auch für die Politik. Also: sag Dir am Morgen: was für eine Zeit zu leben! Gut, das ich jetzt lebe. Ja, es ist gut, sonst würdest Du gar nicht auf der Welt sein.
Schön, dass Du jetzt lebst.
Hab eine gesegnete Woche.

Lebensgeschichte als Ressource

Deine Lebensgeschichte als Ressource – 8 Ideen

Deine Lebensgeschichte als Ressource

Das Leben hält wahrlich viel für uns bereit. Im Laufe unseres Lebens kommen zahlreiche Erfahrungen auf uns zu. Vor ein paar Tagen hatte ich Geburtstag und ein solcher Tag ist für mich immer Anlass, genau darüber nachzudenken. Was hat mir das Leben gebracht? Woraus lebe ich? Gibt mir mein bisheriges Leben Rückenwind oder nimmt es mir Kraft und Energie?
Es sind Fragen, die man sich meistens nicht mit 16 oder 20 stellt. Erst wenn man beginnt, Geschichte zu haben bzw. wenn man sein bisheriges Leben als Geschichte erlebt und wahrnimmt, kommen solche Fragen und Gedanken.

Eine Kindheit kann schlimm sein, dennoch!

Viele Menschen hadern mit ihrem Leben. Vieles ist geschehen: miserable Kindheit, schlechte Eltern, üble Schulkollegen, unterdurchschnittliche Lehrer, einen Partner zum Weglaufen, der Arbeitsplatz zum übel werden, kein Geld, Krankheit, na, fehlt noch etwas?
Vielleicht hast du nur einen Extrakt davon erlebt (ich hoffe es), aber viele haben genügend Gründe, die Vergangenheit als besonders dunkel und schlimm zu beschreiben.
Ich will hier nichts wegwischen und schön reden: vieles ist schlimm gewesen und niemand will dir deinen Schmerz nehmen und bagatellisieren.
Dennoch: es gibt auch die andere Seite und die möchte ich dir hier aufzeigen bzw. einige Tipps geben, wonach du einmal schauen solltest, um Deine Lebensgeschichte als Ressource zu verstehen.

1. Tagträume

Wer keine schöne Kindheit gehabt hat, der hat damals meistens Tagträume gehabt. Manche haben sich in Gedanken in ein fernes Land gebeamt, in eine andere Familie, in Filme, Märchen, auch viele Stars sind nichts anderes als Tagträume, manchmal können auch religiöse Bilder und Vorstellungen aus Tagträumen bestehen.
Solche Tagträume zu entwickeln ist ein gesunder Mechanismus auf eine kranke Umgebung. Die Seele produziert sich selber Sicherheit, Geborgenheit, Bedeutung, Liebe, der Wunsch, etwas Besonderes zu sein. Solche Tagträume sind Zeiten der Regeneration für die Seele und Zeiten besonderer Belastung.
Wenn du deine Tagträume wertschätzen kannst und siehst, dass dahinter ein gesunder Mechanismus steckt, dann können diese Vorstellungen dir auch heute helfen. Du weißt dann, dass in dir etwas ganz Gesundes ist, etwas, was dich heilen und fördern will.
Zugleich geben dir die Träume von damals Auskunft über deine Sehnsüchte und Bedürfnisse.
All das kann für dich heute eine Ressource sein, kann dir Kraft geben, kann das Vertrauen in dich stärken und dich mit deinem Inneren verbinden.

2. Stille Freunde

Ja, vielleicht hattest du nur wenige Freunde, ja, vielleicht warst du viel und oft alleine. Mag sein! Aber dennoch glaube ich daran, dass die meisten auch stille Freunde hatten. Wer die sind?
Das sind Menschen, die es gut mit dir meinten, die freundlich zu dir waren, die dich nett gegrüßt haben, die dir etwas gaben, die nachsichtig mit dir waren, die dir ein Lächeln schenkten. Das kann eine Verkäuferin im Supermarkt gewesen sein, die dich freundlich bediente oder grüßte, ein Nachbar, der dir die Tür aufhielt, eine Lehrerin, die dich anständig behandelte…
Mach dich einmal auf die Suche nach solchen Menschen. Oft vergessen wir sie, denken nur daran, dass uns Freunde fehlten und sehen nicht, dass wir stille Freunde hatten, die sehr wohlwollend zu uns waren.
Solche Menschen können eine sehr große und kraftvolle Ressource für uns sein.

3. Orte meiner Kindheit und Jugend

Jeder hat seine eigene Topographie, ein jedes Leben besteht aus vielen Orten – selbst, wenn man niemals umgezogen ist. Und jeder hat Orte, die gut tun. Das können auch Wege und Straßen sein oder Flüsse. Dorthin haben wir uns zurückgezogen, sind wie von selbst dahin gegangen, dort konnten wir aufatmen, vielleicht gerade dann, wenn niemand bei uns war, dort war es friedlich, dort störte niemand, du warst ganz bei dir, warst verbunden mit der Natur, mit Gott. Ja, vielleicht war es sogar die Kirche in der Umgebung.
Solche Orte leben in uns weiter und wenn wir uns in Gedanken dahin bewegen, dann entwickeln wir wieder das gleiche Gefühl und das gleiche empfinden.
Daher ist es so wertvoll, wenn du dir die Orte deines Lebens einmal aufschreibst und sie sammelst. So kannst du dich immer wieder mit dem Guten, Sicheren und Geborgenen verbinden – wann immer du willst.

4. vergessene Erfolge

Von wegen dein Leben ist eine Geschichte von Misserfolg und Niederlage. Das kann nicht stimmen und es ist falsch. Ja, manches ist vielleicht nicht so gelaufen, wie du es dir vorgestellt hast und manches wünschte ich wäre wirklich besser anders geschehen. Aber du vergisst, dass jeder auch eine Erfolgsgeschichte hat.
Kannst du schreiben? Kannst du laufen? Kannst du Auto fahren? Kannst du sprechen? Kannst du zählen? Vielleicht kannst du malen, kannst gut singen, kannst Geschichten erfinden und Essen und Trinken genießen. Ja, das hast du gelernt, das sind alles Dinge, die du geschafft hast. Vielleicht nicht alles, aber einen großen Teil der Dinge, die ich gerade aufgezählt habe. Und sag jetzt nicht: Ach, das kann doch jeder, das ist doch normal, was ist daran schon Besonderes? Es gibt genügend Analphabeten auch in unserem Land, die können ein Lied davon singen, wie “normal” es ist lesen zu können. Es gibt genügend Menschen, die nicht mehr oder noch nie laufen konnten, die kein Lied singen und kein Bild malen können. Aber du sagst: Alles normal?
Schau dir deine Erfolge einmal an und nimm sie ernst und schätze sie wert. Auch wenn es vielleicht einiges gibt, was du verpasst hast oder was nicht geklappt hat. Es gibt auch die andere Seite und das sind deine vergessenen Erfolge.

5. Achtung: du lebst!

Egal was passiert ist, egal was war und was man dir vielleicht angetan hat. Denk daran: du lebst! Nichts hat es bisher geschafft, dich zu vernichten, dich am Leben zu hindern. Niemand konnte bisher dafür sorgen, dass du nicht mehr da bist. Du hast die Kraft gehabt, das alles zu überleben. “Du lebst” heißt: in dir ist mehr Kraft und Energie, als du glaubst, mehr Lebenswille als du denkst, mehr Überlebenskraft, mehr Lust und Freude am Leben, als du aufzählen kannst.

6. Was hast du gelernt?

Überleg einmal, was du aus den schwierigen und problematischen Situationen in deinem Leben gelernt hast. Man kann, und davon bin ich fest überzeugt, aus allen Situationen etwas lernen. Wenn wir diesen Schatz heben, dann können wir auch den schlechten Zeiten des Lebens einen gewissen Sinn abringen und erkennen, das alles hat mich viel gelehrt. Man kann zum Beispiel lernen, nicht allen Menschen blindlings zu vertrauen. Man kann auch lernen, dass man sehr viel Kraft und Energie in sich trägt, dass man auch durch schwierigste Zeiten gehen kann, dass man große Herausforderungen meistert, dass niemand einen unterkriegen kann … und vieles mehr. Mach dir eine Liste von Situationen und problematischen Menschen und schreib daneben, was sie dich über das Leben gelehrt haben.

7. Kinderspiel

Überleg einmal, was du als Kind gerne gemacht hast? Also ich habe gerne getanzt, habe wunderbare Pirouetten gedreht, haben mit sehr viel Leidenschaft mich nach Opernouvertüren bewegt und war glücklich. Vielleicht hast du gerne gemalt oder gehäkelt, oder Plätzchen gebacken oder die Katze gestreichelt oder was auch immer. Es könnte doch eine schöne Idee sein, dass du immer dann, wenn du es brauchst, das Gleiche heute wieder tust? Naja, vielleicht nicht gleich öffentlich, sondern so ganz für dich in der Wohnung. Denn offensichtlich wird Dein Kinderherz davon berührt und beseelt und das ist gut. Es ist immer gut, wenn man zu seinem Kinderherzen eine gute Beziehung hat und wenn man gut für es sorgt. Diese Spiele und Handlungen können dadurch eine wunderbare Ressource für dein heutiges Leben sein, da sie dich mit dem Kinderherzen verbinden.

8.Kinderbücher

Das gleiche gilt auch für die Bücher deiner Kindheit und Jugend. Vielleicht hast du noch einige – manchmal bekommt man sie günstig als antiquarische Bücher bei Amazon. Lies sie und du bist mitten in deiner Kindheit – und vermutlich nicht in der dunkelsten Zeit. Bücher (und natürlich auch Filme und Hörspiele) waren und sind für viele ein Ort der Entspannung, eine Zeit, wo man schwierigen Situationen entfliehen kann. Auch das kann dich wieder mit deinem Kinderherzen in Verbindung bringen.

Es gibt also genügend Dinge, Aspekte und Bereiche in jeder Kindheit, die dir auch heute noch Kraft und Energie geben können. Ich wünsche dir sehr, dass es dir gelingt, daran anzuknüpfen und dass du deine Kindheit und Jugend von einer anderen Seite zu sehen lernst. C. G. jung sagte einmal: Es ist nie zu spät, eine gute Kindheit gehabt zu haben.
In diesem Sinne: Mach dich auf!
Und jetzt würde mich deine Meinung und auch gerne deine Ergänzung dazu interessieren. Schreib doch einen Kommentar dazu!?

Kritikfähigkeit

Von der Kritikfähigkeit

Von der Kritikfähigkeit

Wie sehr wünschte ich mir, unser Ordensvater hätte in einem Kapitel seiner Regel Anregungen zu diesem Thema gegeben…

Was ist Kritik? – Etymologisch gesehen, ist das Wort vorm altgriechischen Verb „krinein“ abgeleitet und bedeutet „(unter-)scheiden“, „trennen“. Objektiv betrachtet, bedeutet Kritik die Beurteilung einer Sache oder einer Handlung anhand von (eigenen) Maßstäben. Dabei unterscheidet man konstruktive, aufbauende von destruktiver, zerstörerischer Kritik. Vor der Letztgenannten warnt der heilige Benedikt immer wieder, wenn er mahnt, das „Murren“ zu unterlassen (z.B. RB 40,9 u.ö.).

Wir wissen alle, dass Kritik – auch wohlgemeinte – verletzten kann. Gerade eine unbedachte, reflexhafte Antwort auf mir gegenüber geäußerte Kritik kann noch weitaus verletzender sein.

Wie also gehe ich mit Kritik um?

Martin Werlen OSB, der unserem Konvent im Januar die Jahresexerzitien gab, gab auf diese Frage eine praktische Antwort: „In der Regel schlafe ich eine Nacht darüber, bevor ich reagiere“, sagte er. Und er erzählte uns eine anschauliche Anekdote aus seiner Zeit, in der er Abt in Einsiedeln war:

Er hatte einen Brief von einem „besorgten“ Katholiken erhalten, der ihm und der Abtei vorwarf, nicht mehr katholisch zu sein. Getreu seiner Devise „Ich schlafe erst einmal darüber“ legte er den Brief beiseite. Am anderen Tag formulierte er ein Antwortschreiben, in dem er sich für die an ihn herangetragene Kritik bedankte. Und er schrieb weiter: „Da Sie, geehrter Herr X., ein so großes Interesse an unserer Abtei zu haben scheinen, lege ich meinem Brief einen Zahlschein bei, so dass Sie uns gern mit einer Spende unterstützen können…“

Nach einer Woche rief eine Mitarbeiterin der Klosterverwaltung bei ihm an und fragte, ob er einen „Herrn X.“ kenne. Nach einigem Überlegen fiel ihm ein, dass es sich bei dem Herrn um den Absender des vorgenannten Briefes handeln müsse. Dieser, so erfuhr er aus der Klosterverwaltung,  hatte der Abtei eine Spende in Höhe von 1000 Schweizer Franken gemacht.

Am Abend rief er bei diesem Herrn an, hatte zunächst dessen Ehefrau am Telefon, die gar nicht recht glauben mochte, dass ein Abt bei ihnen anrufe. Als er dann mit dem Ehemann sprach, sagte dieser: „Ach wissen Sie, mit Ihrem Brief haben Sie mir vollkommen den Wind aus den Segeln genommen und ich konnte nicht anders, als Ihnen eine Spende zukommen zu lassen.“ (P. Martin erzählte auch, dass Herr X. inzwischen ein großen Förderer und Gönner der Abtei sei…)

Humor versus Kritik

Nun ist es nicht jedem gegeben, auf Kritik mit Humor zu reagieren. Aber vielleicht kann ich das ja trainieren: Anstatt mich beleidigt einzuigeln oder gar noch härter zurückzuschlagen, sollte ich erst einmal darüber schlafen. Dann ist es an der Zeit zu überlegen, ob die begründete Kritik nicht gerade auf Geheiß des Herrn erfolgt ist (vgl. RB 61,4). Weiter ist es dann an mir zu schauen, wie ich – vielleicht auch mit Humor – auf die Kritik antworte; denn (siehe oben) manchmal bringt dies angenehme Überraschungen mit sich…

Wie steht es mit Deiner Kritikfähigkeit?
Kannst Du Kritik zulassen?

Bruder Nikolaus

Espresso – 13.2.2017

Bleib neugierig, ja sei interessiert, entwickle Forschergeist. Neugier ist eine so wichtige Eigenschaft. Offen zu sein für das, was passiert. Zu stöbern, eigene kleine Forschungsprojekte zu starten, um etwas herauszufinden. Wer im Alter jung bleiben will, der behält sich seine Neugier. Neugier auf Menschen, auf neue Erfahrungen, neue Klänge, neues Gesehene. Wer neugierig ist, der geht nicht davon aus, dass alles immer beim alten bleibt, der weiß, Dinge können ganz anders sein und ich will es herausfinden. Kinder sind neugierig und eignen sich so die Welt an. Vielleicht ist es auch für Dich wieder Zeit, neugierig zu sein, immer eine Frage auf den Lippen zu haben und sich wirklich für etwas zu interessieren. Wir wünschen es Dir.
Hab eine gesegnete Woche.

Sehnsucht aus Stoff und Faden

Sehnsucht in Stoff und Faden – Stadtmönche on air

Bisher dachte auch ich, dass eine Teddyklinik ein Ort nur für Kinder sei. Mein Besuch in der Bärenhöhle bei Frau Mahnke hat mich eines besseren belehrt. Teddybären sind weitaus mehr als nur eine Figur aus Stoff und Faden. Das sind sie auch, doch vor allem sind sie ein Produkt unserer Sehnsucht und Bedürftigkeit. So manchen Besitzer begleitet der Teddy durch Dick und Dünn – manchmal sogar bis ans Lebensende.

Andor Izsàk

Impuls am Sonntag: Prof. Andor Izsák

Prof. Andor Izsák

Ehrenpräsident der Siegmund Seligmann-Stiftung und
der Siegmund Seligmann-Gesellschaft

Was bedeutet Ihnen Glaube?

Der Glaube bedeutet mir meine Identität zu wissen und zu verstehen. Wie ein Navi in einem Auto, oder ein Kompass auf einem Schiff, führt mich der Glaube durch den unüberschaubaren und endlosen Routen des Lebens. Der Glaube zeigt mir meine exakte Position in einem unendlichen Koordinatensystem. Ohne ihn wüsste ich gar nicht, wer ich bin…

Welcher Satz (Zitat, Weisheit…) ist Ihnen wichtig?

Mir ist wichtig dieser Satz: Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

 

Welches Buch hat Sie am meisten inspiriert und worin bestand die Inspiration?

Vielleicht die Schachnovelle von Stefan Zweig. Das Werk entstand in der aussichtslosesten Epoche der Zeitgeschichte, und lernt uns mit der totalen Hoffnungslosigkeit umzugehen. Ich kann dadurch verstehen, dass das Bild in meinem Kopf nicht unbedingt mit dem Bild in der Realität übereinstimmen muss. Ich habe diese Tatsache durch das Meisterwerk von Zweig verstanden.

Villa Seligmann

Espresso – 6.2.2017

Weil Gutes Freude macht.

So wirbt eine Supermarktkette für sich. Und sie haben recht. Jemandem etwas Gutes tun macht uns zutiefst zufrieden und glücklich. Jemandem etwas schenken, nicht, weil man es muss oder es so üblich ist, sondern einfach so, weil es mir ein Bedürfnis ist, das macht wirklich Freude. Viele Menschen suchen Freude, Spaß, wollen Lust und Laune erleben. Aber das, was immer nur bei mir bleibt, das wird mich auf Dauer nicht befriedigen. Es braucht die Grenzüberschreitung, es braucht den oder die andere. Wenn Du also in der kommenden Woche Freude haben möchtest, dann schenk doch etwas – und sei es nur einen Riegel Kinderschokolade oder was auch immer. Die Freude ist Dir gewiss.
Hab eine gesegnete Woche.