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Weitere InformationenIch möchte dir heute von einer Erfahrung berichten, die mich im Grunde schon seit Jahrzehnten begleitet. Als ich noch studierte, habe ich regelmäßig Aquarellbilder gemalt. Ich nutzte dabei die Nass-in-Nass-Technik. Das Spannende daran ist, dass die Farben ineinander verlaufen und sich das Bild selbst im anschließenden Trocknungsprozess immer noch weiter verändert.
Es war ein faszinierender Prozess. Ich habe das wirklich sehr regelmäßig gemacht: Alle zwei Wochen, montagsabends zwischen 18 und 20 Uhr, saß ich an diesen Bildern. Ich besitze sie heute alle noch.
Nach einigen Monaten veränderte sich jedoch etwas. Meine Bilder wurden immer schwärzer. Am Ende des Malprozesses war das Motiv total schwarz. Und das Bemerkenswerte war: Auch nach dem Trocknen blieb das Bild zwar tiefschwarz, aber in der Mitte kam ein strahlendes Licht durch. Ich habe unzählige dieser Bilder gemalt. Wirklich unzählige.
Ich konnte damals gar nicht anders. Ich habe zwischendurch versucht, andere Bilder zu malen – Motive, die nur hell waren. Aber ich habe es nicht ertragen. Ich brauchte dieses Schwarz auf dem Papier.
Das Symbol hinter der Farbe
Zunächst war das für mich völlig okay. Es spricht ja auch überhaupt nichts dagegen, Schwarz zu malen. Doch seit einiger Zeit geht mir eine Sache durch den Kopf – gerade weil ich damals diese rein hellen Bilder, die fast nur aus Licht bestanden, schlichtweg nicht ertragen konnte.
Kann es sein, dass ich an diesem Schwarz gehangen habe? Dass ich an dem hänge, was damit verbunden ist? Schwarz steht hier ja als Symbol für etwas Tiefgründigeres. Hänge ich also an meiner eigenen Dunkelheit?
Wenn ich genauer darüber nachdenke, muss ich ganz ehrlich sagen: Ja, da ist etwas dran. Und vielleicht geht das nicht nur mir so.
Kann es sein, dass wir manchmal an unserer Dunkelheit festhalten und dadurch dem Licht weniger Chancen geben?
In meinen Bildern hatte das Licht immerhin eine Chance. Es durfte strahlen. Deswegen waren es auch keine depressiven Bilder, sondern eigentlich schöne Kunstwerke, weil das Licht so intensiv heraustrat. Aber dieses Licht war eben auch immer sehr begrenzt.
Die Vertrautheit des Schattens
Die Dunkelheit brachte mir tatsächlich etwas Gewohntes: ein Gefühl von Vertrautheit. Es war das, was ich kannte. Schließlich hat mich die Dunkelheit schon mein ganzes Leben lang irgendwie begleitet. Das bedeutet nicht, dass mein Leben ausschließlich düster war, aber es war eben immer ein gewisser Schatten dabei. Etwas Dunkles.
Ich habe mich in diesem Zustand ein Stück weit eingerichtet. Es gehört mittlerweile zu meinem Selbstverständnis dazu, dass die Dunkelheit ein Teil meines Lebens ist. Natürlich ist sie das bei jedem Menschen, und niemand wird seine Dunkelheit jemals komplett ablegen können.
Ich merke jedoch, dass ich dem Licht in meinem Leben jetzt mehr Raum geben möchte. Ich möchte mich mit diesem Licht, das in den Bildern nach dem Trocknen so deutlich hervortrat, stärker verbinden. Es geht mir nicht darum, die Dunkelheit krampfhaft loszuwerden. Aber vielleicht kann das Licht noch stärker strahlen. Vielleicht kann es die Dunkelheit ein Stück weit mitnehmen.
Das Risiko des „Spiritual Bypassing“
Mir geht es hierbei nicht darum, plötzlich nur noch Licht zu sehen. Das wäre fatal. Wenn wir das tun, umgehen wir wesentliche Aspekte unseres Wesens. Im spirituellen Kontext nennt man das heute gerne Bypassing. Dann muss plötzlich alles nur noch golden sein, glänzen, glitzern und fantastisch sein.
Aber so ist das Leben nicht. Kein Leben ist so. Wir alle haben unsere dunklen Seiten und wir behalten sie auch bis zum Lebensende.
Das bedeutet im Umkehrschluss aber nicht, dass wir nicht ins Licht blicken dürfen. Es bedeutet nicht, dass wir das Licht nicht stärken dürfen. Wir müssen schlichtweg beide Seiten berücksichtigen. Mein persönliches Ziel bleibt dennoch das Licht, das Helle, das Leuchten – der sogenannte Goldgrund des Lebens.
Der Goldgrund des Lebens
Dieser Begriff des Goldgrunds erinnert mich an die alten Ikonen aus der orthodoxen Kirche. Dort findet man sehr oft einen Hintergrund, der komplett aus Gold gefertigt ist. Egal, was im Vordergrund der Ikone passiert: Der Hintergrund ist golden, er ist gut. Er schenkt uns den Mut, wieder ins Licht zu blicken.
Es geht darum, das Dunkle nicht unnötig festzuhalten. Wir dürfen es loslassen. Es darf da sein, aber wir sollten uns nicht daran klammern. Stattdessen können wir uns auf das Licht konzentrieren und dorthin blicken – auf diesen Goldgrund, vor dem unser Leben stattfindet.
Das ist mein Weg. Vielleicht ist es auch deiner.
Wie sieht es bei dir aus? Bist du auch jemand, der die eigene Dunkelheit manchmal festhält und sich darin eingerichtet hat? Gibt dir deine Dunkelheit vielleicht eine Form von Sicherheit und Geborgenheit? Es ist nicht schlimm, wenn das so ist. Sie bietet Schutz, und das ist oft genau das, was man in dem Moment braucht. Aber kann es sein, dass es langsam an der Zeit ist, mehr Licht in dein Leben zu holen und der Sehnsucht danach mehr Raum zu geben?

