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Wir werden im Moment ständig mit neuen KI-Entwicklungen beglückt – oder auch nicht beglückt, je nachdem, wie man es betrachtet. Mir begegnen auf YouTube unglaublich oft KI-generierte Thumbnails. Diese kleinen Vorschaubilder, die jedes Video hat, fallen mir sofort auf. Man sieht es ihnen einfach an. Manche Kanäle geben es transparent an, das ist fair. Aber auch ohne Hinweis erkennt man diese Bilder meistens sofort: So sieht kein echter Mensch aus.

Was wir dort sehen, sind Gesichter in absoluter Perfektion. Die Haare sind perfekt gestylt, die Haut ist vollkommen pigmentfrei – ohne Pickel, Narben oder irgendwelche Unebenheiten. Alles an ihnen ist symmetrisch, rund und glatt. Meistens sind es junge Gesichter. Bei manchen neuen Nachrichtenportalen sieht man auch den seriösen älteren Herrn mit graumeliertem Haar und Brille, der einem die Welt erklärt. Aber das Gefühl bleibt das gleiche: Man spürt sofort, dass das künstlich ist. Das ist kein Mensch.


Die Mathematik hinter dem Bild

Es ist eine interessante Beobachtung, dass wir ein so feines Gespür für diese Künstlichkeit haben. Unser Gehirn erkennt sofort, wenn etwas aus einer reinen Berechnung heraus entstanden ist. Diese Bilder sind das Resultat mathematischer Formeln. Sie sind genau deshalb im Grunde gar nicht schön. Ihnen fehlt etwas Entscheidendes.

Deshalb kann eine KI meiner Ansicht nach auch keine echte Kunst erschaffen. Kunst entsteht nicht durch Mathematik. Kunst braucht Freiheit und Inspiration. Zwar wird heute durchaus KI-Kunst für gutes Geld verkauft, aber der Kern bleibt ein anderer. Der Trend geht dahin, dass diese Bilder immer perfekter werden. Ein KI-Bild mit einem störenden Pickel oder zerzausten Haaren gibt es praktisch nicht. Alles ist wohlgeordnet, wohlssortiert und glatt.

Das Makellose ist irgendwie tot. Man kann sich daran sattsehen.

Schönheit im eigentlichen Sinne berührt uns. Was wirklich schön ist, das betrachten wir immer wieder gerne. Wenn das Gehirn jedoch ein KI-Bild registriert, schaltet es oft ab: Danke, brauche ich nicht.


Wo die Technik hilft – und wo sie versagt

Das ist kein Plädoyer gegen künstliche Intelligenz. Ich nutze KI selbst sehr gerne: um Texte zu korrigieren, um als Sparringspartner auf neue Ideen zu kommen. Das ist eine feine und nützliche Sache. Auch bei der Vorbereitung meiner Themen hilft mir die Technik. Aber das Thema selbst, die Gedanken und die gesprochenen Worte, müssen vom Menschen kommen.

Die Bilder, die uns überall begegnen, tun jedoch etwas mit uns. Sie entwerten schleichend alles, was nicht perfekt ist. Dabei ist kein Mensch perfekt. Kein Model und kein normaler Mensch ist fehlerfrei. Wir sind mal zu klein, mal zu groß, haben eine Narbe oder ein schiefes Lächeln. Das ist das normale Leben.


Wabi-Sabi: Die Schönheit des Unperfekten

Vielleicht hast du schon vom japanischen Konzept des Wabi-Sabi gehört. Dabei werden zerbrochene Tonscherben mit einer goldenen Paste wieder zusammengefügt. Es entsteht etwas völlig Neues. Das Spannende daran ist: Die Brüche werden nicht versteckt. Man sieht die Risse und die Fugen. Das Unfertige und Kaputte darf sichtbar sein, und genau daraus entsteht eine ganz eigene Schönheit.

Das ist eine Qualität, die der KI völlig abgeht. Wahre Schönheit besitzt einen anderen Zauber – den Zauber des Echten, des Unberechenbaren.

Es bleibt abzuwarten, wohin uns diese Entwicklung führt und wie sie unsere Wahrnehmung prägt. Was schätzen wir in Zukunft als schön ein? Wie reagieren junge Menschen aufeinander, wenn sie Partner suchen und durch die allgegenwärtigen, makellosen KI-Bilder geprägt sind? Das mag ein wenig schwarzgemalt klingen, aber ganz von der Hand zu weisen ist diese Sorge nicht.

Es hat einen eigenen Wert, die eigenen kleinen Makel schätzen zu lernen. Ein sichtbarer Makel ist eine ganz eigene Qualität. Er zeigt die Echtheit des Lebens. Vielleicht liegt genau darin die tiefere Botschaft: den eigenen Wert im Unperfekten zu finden.

David Damberg


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