„Ich bin urlaubsreif.“ Mehr als die Hälfte aller Freunden oder Patienten, mit denen ich in den letzten Tagen zu tun hatte, werden diese Aussage aus vollem Herzen unterstreichen. Die Sehnsucht nach einer Erholungszeit, die mich aus dem Stress etwas befreit, ist groß. Manche hatten das Glück, schon im Urlaub gewesen zu sein. Manche kommen gut erholt zurück, andere sind sehr schnell nach ihrem Urlaub wieder genauso gestresst wie vorher. Anscheinend sind sie im Urlaub gar nicht wirklich zur Ruhe gekommen sind. Müssen wir „Urlaub machen“ wieder lernen? Müssen wir uns vorbereiten, um abschalten zu können und uns erholen zu können?  

Abwechslung zum Alltag

Zumindest ist es gut, wenn man bei sich selbst versteht, was man für ein Urlaubs- und Erholungstyp ist. Seit vielen Jahren mache ich im Urlaub eine mehrtägige Fahrradtour. Anfangs habe ich das gemacht, weil ich gerne Fahrrad fahre. Erst mit der Zeit habe ich verstanden, warum mich gerade dieser Urlaub so erholt. Er ist in vieler Hinsicht das Gegenteil meines beruflichen Alltags: Ich bewege mich viel, statt nur zu sitzen, ich sehe immer neue Landschaften, statt nur meinen Therapieraum, ich rede wenig und muss kaum zuhören. Es passieren immer kleine Abenteuer, die mich etwas überraschen und meine Kreativität fordern, ohne ein großes Problem zu werden: das plötzlich gesperrte Wegstück auf der geplanten Route, der Regen und der Gegenwind, die kleine Fahrradpanne, die plötzlich fehlende Fähre über den Fluss. Im Rückblick beleben sie mich, lassen mich abends froh und müde in meinem Quartier ankommen. Ganz offensichtlich ist es für jeden Menschen unterschiedlich, was im Urlaub wirklich die Ergänzung zum Alltag ist. Ich habe verstanden, warum es für mich eben nicht primär das Buch oder ein Konzert im Urlaub sind – lesen und Musik hören gehören auch sonst zu meinem Tag.

In die Ruhe hineingleiten

Auch wenn ich mit meinem klösterlichen Alltag schon vergleichsweise optimale Bedingungen habe, um Zeiten der Ruhe auch in meinem Alltag zu erleben, brauche ich es doch, die Zeiten der Ruhe und der Muße langsam zu erhöhen. Mein Körper und vor allem meine Seele müssen sich langsam auf mehr Ruhe einstellen. Das Gegenteil dieses Hineingleitens hat mittlerweile sogar ein medizinisches Fachwort bekommen: die Entlastungsdepression. Weil man bis vor den Urlaub mit Hochdruck  gearbeitet hat, wird man pünktlich zum Urlaubsbeginn krank, fühlt sich völlig leer oder gerät in Streit mit den lieben Menschen, mit denen man eigentlich seinen Urlaub verbringen will.

Neues erleben

Die spannendste Frage wird für mich in den letzten Jahren mein Handy. Im beruflichen Alltag meiner Praxis ist die Erreichbarkeit natürlich ein wichtiges Thema. Auch da hilft mir die Fahrradtour sehr, das Handy einfach tagsüber nicht in die Hand zu nehmen. Ich gestehe gerne, dass ich es nicht wirklich schaffen würde, mein Handy in der Hosentasche zu haben und dann nicht auch die eingehenden Nachrichten zu lesen. Schließlich macht man ja auch Fotos. Aber auf dem Fahrrad ist alles klar. Und deswegen stelle ich das Handy gerne auf lautlos und verpacke es tagsüber im Rucksack oder in der Satteltasche.

Wenn ich Neues erlebe, wird die Zeit gefühlt länger. Eine erstaunliche Erfahrung. Je abwechslungsreicher der Tag ist, desto gefühlt länger ist der Tag und damit auch der Urlaub. Darum ist meine Fahrradtour gefühlt so lange und langanhaltend, obwohl sie rechnerisch oft nur die kürzere  Zeit des Urlaubs ist. Und wenn dann am Ende noch ein „Extra-Tag“ zu Hause dabei ist, um den Urlaub ausklingen zu lassen und alles langsam wieder hochzufahren, bleibt meine Entspannung noch länger. Dann gleite ich auch aus dem Urlaub wieder heraus…

Ich freue mich wieder, von Dir zu lesen, wie Du am besten abschalten und entspannen kannst.

Bruder Karl-Leo


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