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Weitere InformationenMal ehrlich, wer wird schon gerne unterbrochen? Du hast einen Gedanken, den du gerade äußern willst. Du sitzt zusammen mit anderen, möchtest an einem Gespräch teilhaben, und plötzlich fällt dir jemand ins Wort. Er bringt seine eigenen Gedanken ein und du kriegst das, was du eigentlich erzählen wolltest, gar nicht zu Ende. Du kannst gar nicht sagen, was du wirklich sagen möchtest.
Aber es gibt auch die andere Seite. Jemand spricht und spricht und spricht. Er lässt dir überhaupt keine Chance, etwas zu sagen, dich einzubringen, auf einen Fehler oder eine Indiskrepanz hinzuweisen. Es muss ja nicht gleich ein Fehler sein. In solchen Momenten entsteht durchaus der Wunsch, zu unterbrechen, einzugreifen und dem anderen ins Wort zu fallen.
An sich ist das keine gute Haltung. Wir werden alle nicht gerne unterbrochen. Und doch brauchen wir die Unterbrechung. Es ist wichtig, dass wir unterbrochen werden.
Der Sonntag als kollektive Unterbrechung
Selbst der Urlaub ist eigentlich nichts anderes als eine Unterbrechung – eine Unterbrechung des Alltags.
Stell dir einmal vor, es gäbe keinen Sonntag und auch nicht das, was wir Samstag nennen. Alle Tage wären gleich. Von Montag bis Sonntag würden wir durcharbeiten. Wir würden überhaupt keinen Unterschied erkennen. Der Sonntag wäre wie der Montag oder wie der Mittwoch und umgedreht. Alles wäre gleich – ganz ohne Unterbrechung.
Wenn alles immer gleich bleibt, fühlt sich das nicht nur langweilig und öde an. Es ist auch unheimlich anstrengend.
Der Sonntag ist eine Unterbrechung, eine kollektive Unterbrechung. Im deutschsprachigen Raum ist das üblich, während sich Menschen, die neu nach Deutschland kommen, oft darüber wundern. Aber diese Unterbrechung schenkt uns einen Raum, den wir dringend benötigen.
Der Autopilot in unserem Kopf
Unterbrechung bedeutet Freiheit. Im Alltag funktionieren wir oft automatisch, immer gleich. Wir sind auf Autopilot gestellt.
Gerade bei den vielen Eindrücken, die wir bekommen, bei den vielen Krisen und all dem, was auf uns hereinprasselt, fahren wir schnell auf Autopilot. Wir machen das, was wir wissen, wo wir sicher sind und was getan werden muss. Wir arbeiten Schritt für Schritt ab, was auf unserer inneren To-do-Liste steht. Dann ist es getan und fertig.
Dieser Autopilot funktioniert auch in Konflikten. Wir reagieren immer gleich: Wir hören etwas und wissen sofort die Antwort. Wir sprechen sie sofort aus, unmittelbar und ohne Verzögerung.
Auch bei Gewohnheiten, die wir eigentlich loswerden wollen, spielt der Autopilot eine große Rolle. Wenn du etwas loswerden willst, müsstest du es ja nur lassen. Aber es fällt schwer, es zu lassen, weil der Autopilot so stark und selbstverständlich ist. Er funktioniert ohne Bewusstsein.
Jede Unterbrechung hingegen braucht Bewusstsein. Sie braucht einen Akt des Willens:
„Ich will das jetzt nicht denken.“
„Ich will das jetzt nicht sagen oder tun.“
„Ich will es anders machen.“
Es gilt, den Autopiloten zu verlassen. Eine Unterbrechung ist genau dann angesagt.
Der Raum zwischen Reiz und Reaktion
Eine Unterbrechung schafft Raum – und zwar den Raum zwischen Reiz und Reaktion.
Beim Autopiloten läuft es normalerweise so ab: Du bekommst einen Reiz, du hörst etwas, und dann reagierst du sofort und unmittelbar, ohne darüber nachzudenken. Ganz einfach, schlicht und schnell.
Autopilot: [Reiz] ⚡️ ➔ ➔ ➔ [Sofortige Reaktion] Mit Pause: [Reiz] ⚡️ ➔ [ RAUM / UNTERBRECHUNG ] ➔ [Bewusste Reaktion]
Erst wenn du in der Lage bist, eine Unterbrechung einzufügen, entsteht dieser Raum. Die Reaktion erfolgt dann nicht mehr sofort auf den Reiz. Dadurch hast du die Möglichkeit, Bewusstsein hineinfließen zu lassen und vielleicht eine andere Entscheidung zu treffen, was deine Reaktion betrifft.
Wir brauchen die Unterbrechung, um unsere Freiheit zu vergrößern. Damit wir überhaupt in der Lage sind, bewusst zu leben, müssen wir immer wieder aus dem Autopiloten herauskommen. Wir müssen stoppen. Viele Dinge stoppen.
Wie du im Kleinen beginnen kannst
Was müsstest du eigentlich stoppen? Was sind Augenblicke, wo du dir eine Unterbrechung wünschst?
Manche Menschen stellen sich dafür einen Wecker oder nutzen Apps, die sie alle 20 Minuten oder in einem unregelmäßigen Turnus an das Bewusstsein erinnern. Sie erinnern daran, etwas anders zu machen, mit etwas aufzuhören und nicht sofort mit dem Nächsten weiterzumachen. Das kann ein guter Weg sein.
Ich möchte dich dazu einladen, hinzuschauen: Was möchtest du eigentlich unterbrechen? Fang dabei mit kleinen Dingen an. Halte einfach mal in einem ganz normalen Ablauf inne.
Kaffeekochen am Morgen: Das ist ein Klassiker. Wir haben unseren festen Rhythmus, greifen fast blind ins Regal und spulen das Programm ab.
Zähneputzen: Auch hier läuft alles wie von selbst.
Wie wäre es, wenn du genau dort eine kleine Unterbrechung einbaust? Sie muss nicht lang sein. Halte einfach kurz inne und frage dich: Was mache ich hier eigentlich gerade? Was ist das? Wie geht es mir damit? So kann wieder mehr Bewusstsein in den Moment fließen.
Das gilt natürlich auch für problematischere Verhaltensweisen. Wenn du merkst, dass du auf ein Wort sofort reagieren willst, übe dich darin, das Ganze zu unterbrechen. Atme mindestens einmal ein und aus, bevor du antwortest. Das bedeutet es, den Autopiloten zu unterbrechen.
Unterbrich deinen Alltag. Erholung hat immer etwas mit Unterbrechen zu tun. Es ist ein Raum der Freiheit, ein Raum des Bewusstseins, in dem wir uns neu entscheiden können. Genau das ist Urlaub oder freie Zeit: Ein Raum, in dem wir uns frei entscheiden können. Und das ist ganz wichtig für uns.
Unterbrich dich selbst – nicht andere. Und lerne, bewusst zu leben.

