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Wer oder was ist Christus eigentlich? Das ist vielleicht die wichtigste Frage des Christentums, und zugleich eine Frage, die sich nicht mit einer schnellen Definition erledigen lässt.

Wir sprechen ganz selbstverständlich von Jesus Christus. In Gebeten, in Segenshandlungen und in der Liturgie wird sein Name immer wieder genannt. Doch je häufiger man dieses Wort hört, desto stärker kann die Frage werden: Was meinen wir eigentlich, wenn wir Christus sagen?

Eine mögliche Annäherung liegt in einem Satz, der Jesus zugeschrieben wird: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“. Besonders der erste Teil dieses Satzes öffnet einen weiten Raum: Christus ist der Weg.


Christus ist nicht nur Wegweiser, sondern der Weg selbst

Man könnte Jesus zunächst als jemanden verstehen, der uns den richtigen Weg zeigt. Das ist nicht falsch. Aber der Satz geht weiter. Christus sagt nicht bloß: Ich zeige euch einen Weg. Er identifiziert sich selbst mit dem Weg.

Christus wäre dann die Personifizierung des Weges. Der Weg wird in Jesus von Nazareth sichtbar, konkret und menschlich. Er ist nicht bloß eine Idee, keine abstrakte Lehre und kein System von Vorschriften. Er wird gegangen.

Das Wegmotiv zieht sich durch das Christentum. Jesus selbst ist unterwegs, geht von Ort zu Ort und begegnet Menschen auf ihren Wegen. Auch zentrale geistliche Bilder sind Wege:

  • Der Kreuzweg erinnert an den Weg Jesu durch Leid, Hingabe und Tod.
  • Der Emmausweg erzählt von Begleitung, Zweifel, Erkenntnis und einer neuen Sicht auf das Leben.
  • Die Nachfolge beschreibt keine bloße Zustimmung zu Gedanken, sondern das Gehen eines Weges.

Der Weg ist also kein nebensächliches Bild. Er gehört tief zur christlichen Erfahrung. Glaube bedeutet nicht, an einem Punkt stehen zu bleiben. Glaube ist Bewegung.


Der eine Weg, der zu Gott führt

Für mich ist Christus der eine große Weg, der zu Gott führt. Man kann ihn sich wie einen Fluss vorstellen, der ins Meer mündet. Kleine Bäche, Seitenarme und Umwege mögen unterschiedlich aussehen, aber letztlich strebt das Wasser zum Meer.

So können auch menschliche Lebenswege sehr verschieden sein. Menschen suchen auf unterschiedliche Weise nach Wahrheit, Sinn, Liebe und Gott. Manche nennen diesen Weg Christus. Andere geben ihm andere Namen.

Ein Buddhist wird vermutlich nicht von Christus sprechen. Ein Taoist schon gar nicht, obwohl das Wort Tao selbst Weg bedeutet. Es geht nicht darum, alle religiösen Traditionen einfach unter den Begriff Christus zu stellen. Die Begriffe, Bilder und Namen bleiben verschieden.

Doch Christus kann als ein Name für jenes große Phänomen verstanden werden: für den Weg, auf dem der Mensch letztlich auf Gott zugeht.

Christus ist dann nicht einfach ein Etikett, das man allem aufklebt. Christus ist der Name, den Christen diesem Weg geben. Dem Weg, der trägt, ruft und auf Gott hinführt.


Auch Umwege und Irrwege gehören zur menschlichen Geschichte

Wenn alle Wege letztlich auf Gott hin ausgerichtet sind, heißt das nicht, dass jeder Weg gleich unmittelbar ist. Es gibt Umwege. Es gibt Irrwege. Es gibt Wege, auf denen wir uns verlieren, verletzen oder immer weiter vom Wesentlichen entfernen.

Und doch muss ein Irrweg nicht das letzte Wort haben. Manchmal findet ein Mensch nach langer Zeit die Kurve. Manchmal wird gerade im Verirren deutlich, wonach man wirklich sucht. Auch solche Erfahrungen können Teil einer Geschichte sein, die schließlich wieder auf Gott zuführt.

Aber Christus als Weg bedeutet nicht, dass wir Umwege suchen sollten. Es geht nicht darum, sich in der Verirrung einzurichten und zu sagen: Am Ende komme ich schon irgendwie an.

Christus ruft auf den unmittelbaren Weg. Er lädt dazu ein, das zu verlassen, was in die Irre führt, damit der Weg zu Gott freier, klarer und wahrhaftiger wird.


Nachfolge heißt nicht kopieren

Wenn Jesus zur Nachfolge ruft, dann heißt das nicht unbedingt: Kopiere jedes Wort und jede Handlung möglichst eins zu eins. Es bedeutet nicht, das Leben eines Menschen aus einer anderen Zeit äußerlich nachzustellen.

Nachfolge heißt: Betritt diesen Weg.

Geh den Christusweg. Nimm seine Richtung auf. Lass dich von dem prägen, was diesen Weg ausmacht: Wahrheit, Liebe, Hingabe, Barmherzigkeit und die Ausrichtung auf Gott.

In gewisser Weise stehen wir alle bereits auf einem Weg. Niemand lebt ohne Bewegung, ohne Suche, ohne Entscheidungen und ohne Begegnungen. Doch die Frage bleibt: Welchen Weg gehe ich gerade? Führt er mich tiefer in das Leben hinein oder weiter weg von ihm?


Christus zeigt die Abkürzungen aus den Umwegen

Jesus macht sichtbar, wo Menschen in die Irre gehen. Nicht um sie kleinzumachen, sondern um einen anderen Weg zu eröffnen. Einen kürzeren, klareren und heilsameren Weg.

Man könnte sagen: Christus vermittelt Abkürzungen. Nicht billige Abkürzungen, bei denen man sich um die Wirklichkeit drückt. Sondern Abkürzungen heraus aus den Schleifen, die uns immer wieder von Gott entfernen.

Diese Abkürzungen führen weg von dem, was das Herz verhärtet, und hin zu dem, was es öffnet. Sie führen aus dem Kreisen um sich selbst heraus. Sie führen aus Angst, Verachtung und Unversöhnlichkeit in eine größere Freiheit.

Der Christusweg spart nicht jede Schwierigkeit aus. Der Kreuzweg erinnert gerade daran, dass Liebe und Wahrheit nicht immer bequem sind. Aber dieser Weg bewahrt davor, unnötig lange auf Wegen zu bleiben, die nicht zum Leben führen.


Vom kleinen Weg zum großen Weg

Verirrungen sind oft kleine Wege. Sie beschäftigen uns ganz und gar, aber sie machen den Horizont eng. Je näher ein Mensch Gott kommt, desto weiter kann der Weg werden. Er wird größer, gewichtiger und umfassender.

Es geht darum, Teil dieses großen Weges zu werden. Nicht als Besitz, nicht als Leistung und nicht als religiöse Überlegenheit. Sondern als eine Bewegung, die uns über uns selbst hinausführt.

Christus ist dieser Weg. In Jesus von Nazareth hat sich dieser Weg personifiziert und inkarniert. Darum ist das Gebet zu Christus auch ein Gebet um Richtung. Es ist die Bitte, nicht in den Umwegen stecken zu bleiben, sondern den Weg zu finden, der wirklich zu Gott führt.


Geh deinen Weg, geh den Christusweg

Der Christusweg ist kein fremder Weg, der gegen das eigene Leben gestellt wird. Er will gerade zum eigenen, wahrhaftigen Weg führen. Nicht zu einer Kopie eines anderen Menschen, sondern zu einem Leben, das immer mehr auf Gott ausgerichtet ist.

Vielleicht ist das die entscheidende Einladung: Geh deinen Weg. Aber geh ihn bewusst. Erkenne die Irrwege. Lass dich aus den Umwegen herausrufen. Und vertraue darauf, dass Christus nicht nur am Ende des Weges wartet.

Christus ist der Weg.

David Damberg


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