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Das menschliche Dasein lässt sich als Gasthaus verstehen. In diesem Bild, das der persische Dichter und Mystiker Rumi so eindrücklich beschreibt, klopfen jeden Tag neue Gäste an: Freude, Sorgen, Scham, Achtsamkeit, Traurigkeit, Angst und manchmal auch dunkle Gedanken.

Mit den inneren Gästen ist es sinnvoll, erst einmal anders umzugehen, als wir es oft tun. Statt sie sofort hinauswerfen zu wollen, dürfen wir sie wahrnehmen und willkommen heißen. Auch das Schwierige kann eine Bedeutung haben. Vielleicht räumt es etwas frei. Vielleicht zeigt es uns, was Aufmerksamkeit braucht. Vielleicht bereitet es uns auf etwas Neues vor.

Doch wenn wir vom Leben mit anderen Menschen sprechen, kommt eine entscheidende Ergänzung hinzu: Du bist Gastgeber oder Gastgeberin in deinem eigenen Leben. Und als Gastgeber darfst du auswählen, wen du hereinbittest.


Du lebst dein Leben, andere sind darin Gäste

Das ist ein einfacher Gedanke, aber er kann sehr befreiend sein: Andere Menschen leben nicht dein Leben. Du lebst dein Leben. Selbst die Menschen, die dir besonders nahestehen, gehören nicht automatisch in jeden Bereich deines Lebens hinein.

Eltern, Freundinnen, Freunde, Partnerinnen, Partner, Kolleginnen und Kollegen: Sie alle können bedeutsame Gäste sein. Manche begleiten dich nur ein Stück. Andere bleiben sehr lange. Wieder andere haben, bildlich gesprochen, ein Dauerabo, weil sie für dein Leben wichtig geworden sind.

Aber auch bei den engsten Beziehungen bleibt etwas wahr: Du entscheidest, wer Anteil an deinem Leben haben darf. Du entscheidest, wer eintreten darf, wer bleiben kann und wo Grenzen nötig sind.


Gastgeber sein heißt entscheiden

Gastfreundschaft bedeutet nicht, dass jede Person zu jeder Zeit alles darf. Ein guter Gastgeber ist freundlich, aufmerksam und respektvoll. Er ist aber nicht wehrlos.

Es gibt Gäste, denen man nach einer gewissen Zeit sagen muss: Jetzt ist es Zeit zu gehen. Du benimmst dich hier nicht angemessen. Du überschreitest Grenzen. Du tust mir nicht gut.

Das ist keine Hartherzigkeit. Es gehört geradezu zur Aufgabe eines Gastgebers, den eigenen Raum zu schützen. Nicht jeder Mensch, der anklopft, muss hereingelassen werden. Und nicht jeder Mensch, der einmal willkommen war, muss für immer bleiben.


Gastgeberfreundlichkeit statt grenzenloser Gastfreundschaft

Vielleicht brauchen wir neben dem Wort Gastfreundschaft auch den Gedanken der Gastgeberfreundlichkeit. Sie meint, dass du auch freundlich mit dir selbst umgehst, mit deinem Zuhause, deinem Leben, deiner Zeit und deinen Kräften.

Gastgeberfreundlichkeit heißt:

  • Du nimmst deine eigenen Grenzen ernst.
  • Du entscheidest bewusst, wem du Nähe gibst.
  • Du bemerkst, wenn jemand deinen inneren Raum verwüstet.
  • Du darfst Beziehungen begrenzen oder beenden, wenn sie dir schaden.
  • Du behandelst Menschen dennoch mit Anstand und Respekt.

Ein Gastgeber muss nicht unfreundlich werden, um klar zu sein. Klarheit kann freundlich sein. Ein Nein kann freundlich sein. Und manchmal ist es gerade die freundliche, aber bestimmte Entscheidung, jemanden nicht weiter im eigenen Leben wohnen zu lassen.


Gastgeber sein heißt auch dienen

Das Bild hat noch eine zweite Seite. Wer Gastgeber ist, entscheidet nicht nur. Ein Gastgeber dient auch. Das ist vielleicht das Besondere an dieser Vorstellung: Du bist in gewisser Weise Erster und Letzter zugleich.

Du bist Erster, weil du entscheidest, wer in dein Leben eintreten darf. Du bist Letzter, weil du den Menschen, die du eingeladen hast, dienen möchtest. Nicht als jemand, der sich kleinmacht. Nicht als jemand, der sich herumschubsen lässt. Sondern als jemand, der die anderen im Blick behält.

Wenn Menschen in deinem Leben einen Platz haben, dann darf die Frage entstehen: Wie geht es ihnen eigentlich? Weiß ich, was sie beschäftigt? Brauchen sie etwas? Kann ich ihnen etwas Gutes tun?

Dienen bedeutet hier nicht Selbstaufgabe. Es bedeutet Aufmerksamkeit. Es bedeutet, die eigenen Gäste nicht bloß zu verwalten, sondern sie wirklich wahrzunehmen.


Die Haltung eines guten Hoteliers

Man kann sich das vorstellen wie in einem guten Hotel. Ein aufmerksamer Hotelier kennt nicht nur Zimmernummern. Er nimmt wahr, wer da ist. Er fragt vielleicht nach, ob alles in Ordnung ist. Er überlegt, ob jemand Unterstützung, eine Empfehlung oder einfach ein wenig Zuwendung brauchen könnte.

Natürlich ist das nur ein Bild. Aber es lässt sich gut auf das eigene Leben übertragen. Wer gehört zu deinem Leben? Wer ist gerade da? Und was brauchen diese Menschen vielleicht?

Das muss nichts Großes oder Teures sein. Oft sind es kleine Gesten:

  • Eine Nachricht an jemanden, von dem du lange nichts gehört hast.
  • Ein ehrliches Nachfragen ohne Eile.
  • Ein Anruf, weil du spürst, dass es der anderen Person nicht gut geht.
  • Eine Einladung, ein gemeinsamer Spaziergang oder ein offenes Ohr.
  • Ein Zeichen: Ich habe dich nicht vergessen.

So wird Gastgeberschaft zu einer Haltung der Beziehungspflege. Du schaust nicht nur auf dich selbst, aber du verlierst dich auch nicht in den Bedürfnissen anderer.


Innere Gäste und äußere Gäste unterscheiden

Es ist hilfreich, zwischen inneren Erfahrungen und äußeren Personen zu unterscheiden. Die Gefühle, Gedanken und Stimmungen, die in dir auftauchen, kannst du nicht immer auswählen. Sie stehen manchmal einfach vor der Tür.

Traurigkeit, Sorge, Angst oder Scham möchten oft nicht bekämpft, sondern verstanden werden. Sie dürfen da sein, ohne dass sie das ganze Haus übernehmen müssen. Du kannst ihnen begegnen, ohne ihnen die Herrschaft zu überlassen.

Bei anderen Menschen ist es anders. Hier darfst und musst du wählen. Du bist nicht verpflichtet, jede Nähe zuzulassen. Du bist nicht verpflichtet, jeder Forderung nachzukommen. Und du bist nicht verpflichtet, Menschen in deinem Leben zu halten, die deine Würde, deine Ruhe oder deine Grenzen missachten.


Wer darf in deinem Leben bleiben?

Es lohnt sich, diese Frage gelegentlich ehrlich zu stellen. Nicht in einem Geist von Misstrauen, sondern mit Klarheit und Verantwortung.

Frage dich:

  • Welche Menschen tun mir wirklich gut?
  • Bei wem kann ich ich selbst sein?
  • Wem möchte ich gerne dienen, weil mir diese Beziehung wichtig ist?
  • Welche Beziehungen brauchen mehr Aufmerksamkeit?
  • Wo halte ich jemanden fest, obwohl diese Person längst gehen sollte?
  • Wo lasse ich Menschen zu nah an mich heran, die meine Grenzen nicht achten?

Diese Fragen sind nicht immer leicht. Aber sie können helfen, das eigene Leben bewusster zu gestalten. Denn Beziehungen entstehen nicht nur dadurch, dass Menschen zufällig da sind. Sie werden auch dadurch geprägt, wie wir einladen, wie wir Grenzen setzen und wie wir füreinander da sind.


Eine Übung für die kommende Woche

Versuche für eine Woche, dich als Gastgeber oder Gastgeberin deines Lebens zu verstehen.

Achte darauf, welche inneren Gäste auftauchen. Vielleicht ist da Freude. Vielleicht Unruhe. Vielleicht ein Gedanke, der sich unangenehm anfühlt. Nimm ihn wahr, ohne ihn sofort wegzudrängen.

Und schau auf die Menschen um dich herum. Wen möchtest du bewusst willkommen heißen? Wen möchtest du besser wahrnehmen? Wo wäre ein freundliches Gespräch, eine kleine Geste oder eine klare Grenze angebracht?

Sei Gastgeber in deinem eigenen Leben. Und sei zugleich ein guter Gast im Leben anderer Menschen. Beides braucht Aufmerksamkeit, Freundlichkeit, Klarheit und Respekt.

David Damberg


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