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Weitere InformationenBricht eine Zeit an ohne Gott, ein Leben ohne Gott?
Solange es Menschen gibt, beschäftigen sie sich mit Gott. Menschen haben Gott verehrt und angebetet, ihn verflucht und angeschrien. Sie haben versucht, ihn philosophisch zu durchdringen und theologisch zu verstehen. Auf sehr unterschiedliche Weise war Gott da, als Frage, als Gegenüber, als Hoffnung, als Ärgernis.
Und nun erleben wir zumindest in der westlichen Welt eine andere Entwicklung. Immer mehr Menschen sagen, manchmal mehr als die Hälfte einer Gesellschaft: Mit Gott habe ich nichts zu tun. Das interessiert mich nicht.
Man kann darauf natürlich schnell antworten: Doch, doch, jeder Mensch braucht Gott, er weiß es nur nicht. Aber darin liegt auch eine Gefahr. Es kann eine arrogante Haltung sein, wenn ich einem anderen Menschen erkläre, ich wüsste besser als er selbst, was er brauche.
Darum ist die Frage offener und ehrlicher: Brauchen wir Gott noch? Ist der Gottesgedanke vorbei?
Wenn das Gottesbild nicht mehr trägt
Es gibt Menschen, die in ihrem Glauben oder in ihrer Spiritualität an einen Punkt kommen, an dem sie nicht weiterwissen. Es stockt. Das, was früher getragen hat, wird eng. Die vertrauten Formen funktionieren nicht mehr.
Dann ist eine entscheidende Frage nicht sofort: Hast du Gott verloren? Sondern eher: Wie sieht dein Gottesbild aus?
Vielleicht ist nicht Gott das Problem. Vielleicht ist es das Bild von Gott, das zu klein geworden ist. Vielleicht geschieht gerade eine Art Häutung. Ein altes Gottesbild löst sich, weil es nicht mehr passt, und etwas Neues will entstehen.
Das neue Bild wird in einer guten Entwicklung meist weiter, offener und positiver. Es wird nicht oberflächlicher. Es wird nur weniger eng. Es lässt Gott mehr Gott sein, statt ihn in bekannte Begriffe, festgelegte Rollen und vertraute Vorstellungen einzusperren.
Natürlich kann eine Entwicklung auch in die andere Richtung gehen. Gottesbilder können enger, angstvoller und kontrollierender werden. Doch darum soll es hier nicht gehen. Es geht um die Möglichkeit, dass eine Krise im Glauben nicht unbedingt das Ende sein muss, sondern ein Übergang sein kann.
Gilt das auch für eine ganze Gesellschaft?
Was für einzelne Menschen gilt, könnte vielleicht auch für unsere Gesellschaft gelten. Die Entwicklungen sind weltweit sehr unterschiedlich. Kontinente, Kulturen und gesellschaftliche Räume gehen mit Religion und Spiritualität auf sehr verschiedene Weise um.
Für die westliche Welt aber stellt sich diese Frage deutlich: Brauchen wir ein neues, anderes Gottesbild?
Vieles deutet darauf hin, dass wir an einer Schwelle stehen. Eine neue Zeit bricht an, die sehr viel verändern wird. Vielleicht wird sie sogar manches abreißen. Was niemand mehr nachfragt, was keine Sprache mehr findet und keine innere Erfahrung mehr berührt, wird vermutlich verschwinden.
Das muss nicht bedeuten, dass Gott verschwindet. Es könnte aber bedeuten, dass bestimmte religiöse Formen, Bilder und Sprachwelten ihre Tragkraft verlieren.
Die Last alter Bilder
Gerade kirchlich sind wir darauf geschult, alte Bilder weiterzugeben. Wir beten häufig in Räumen, die Gottesbilder früherer Jahrhunderte verkörpern. Romanische, gotische und barocke Kirchen sind wunderschön, jede auf ihre Weise. In ihnen kann man gut sein, still werden und beten.
Aber die Frage bleibt: Entsprechen diese Räume auch unserem heutigen Gottesbild?
Ein barocker Kirchenraum trägt eine bestimmte Vorstellung von Gott in sich. Ebenso eine romanische oder gotische Kirche. Architektur ist nie nur Architektur. Räume erzählen etwas. Sie vermitteln Macht, Nähe, Höhe, Ordnung, Geheimnis, Herrlichkeit oder Distanz.
Es ist ein Geschenk, einen Gottesraum zu haben, der aus unserer Zeit stammt. Doch selbst dann bleibt die größere Frage: Wie müsste ein Raum aussehen, der ein heutiges Gottesbild ausdrückt? Welche Architektur könnte von Gott erzählen, ohne einfach die Bilder vergangener Jahrhunderte zu wiederholen?
Bevor wir das beantworten können, müssen wir noch grundlegender fragen: Wie könnte ein Gottesbild aussehen, das heute trägt?
Gott ist nicht einfach ein Individuum
Vielleicht müsste ein neues Gottesbild weniger individualistisch sein.
Im Christentum wurde über viele Jahrhunderte ein Gott gepredigt, bei dem die Verwechslung mit einem einzelnen Individuum sehr nahe lag. Gott als einer, den man zählen kann. Eins. Zwar dreifaltig, nicht in drei getrennte Teile zerlegbar, und doch leicht vorstellbar wie ein einzelnes Gegenüber neben anderen Wesen.
Genau darin liegt ein Trugschluss. Viele der Bilder, die wir übernommen haben, waren zu flach. Und sie wurden oft zu wenig erklärt. Sie blieben an der Oberfläche, obwohl sie auf etwas hinweisen wollten, das viel tiefer, weiter und unbegreiflicher ist.
Wir tragen dabei nicht nur die Debatten der letzten zwanzig oder dreißig Jahre mit uns herum. Wir tragen eine Last aus Jahrhunderten, vielleicht Jahrtausenden. Alte Sprachformen, Lehrsätze, Frömmigkeitsformen und Vorstellungen wirken weiter, selbst wenn sie heute kaum noch bewusst vertreten werden.
Das bedeutet nicht, dass alles Alte vernichtet werden muss. Es geht nicht um Zerstörung um der Zerstörung willen. Aber es ist Zeit, neue Sprache zu entwickeln. Und mit einer neuen Sprache braucht es auch neue Bilder.
Neue Geschichten, neue Bilder, neue Sprache
Ein tragfähiges Gottesbild braucht vielleicht sogar eine neue Geschichte. Auf jeden Fall braucht es neue erzählende Bilder und eine Sprache, die nicht nur aus früheren Zeiten übernommen wird.
Diese Sprache haben wir noch nicht wirklich gefunden. Vieles, woraus wir heute schöpfen, stammt aus einer theologischen Sprache, die vor vierzig oder fünfzig Jahren ihre große Zeit hatte, besonders in Deutschland. Das kann wertvoll sein. Aber es reicht vielleicht nicht mehr aus, um die Fragen der Gegenwart zu tragen.
Wenn sich die Welt verändert, müssen auch die Worte geprüft werden, mit denen wir von Gott sprechen. Nicht weil Gott sich an modische Sprache anpassen müsste. Sondern weil unsere Worte immer nur Versuche sind. Sie sind Bilder. Sie sind Hinweise. Sie sind nicht Gott selbst.
Wo die Sprache zu eng wird, kann sie Menschen von dem abschneiden, worauf sie eigentlich hinweisen wollte.
Die Formen hinterfragen, ohne Gott zu lassen
Wie dieses neue Bild von Gott konkret aussehen könnte, darauf gibt es keine fertige Antwort. Es wäre zu einfach, jetzt ein neues Modell anzubieten und zu sagen: So muss man Gott künftig verstehen.
Aber genau darum geht es auch nicht. Es geht darum, Mut zu machen, das Gegebene zu hinterfragen.
Viele Menschen sehen, dass die alten Bilder, Formen und Worte nicht mehr tragen. Dann lassen sie diese Formen hinter sich und lassen mit ihnen auch Gott hinter sich. Das ist nachvollziehbar. Wenn das Bild nicht mehr stimmt, scheint es, als könne auch das, worauf es verweist, nicht stimmen.
Die vielleicht entscheidende Kunst besteht darin, etwas anderes zu tun:
- Die vertrauten Formen hinterfragen.
- Die alten Gottesbilder hinterfragen.
- Die religiöse Sprache hinterfragen.
- Aber Gott nicht einfach lassen.
Vielleicht beginnt genau dort ein Weg. Nicht indem wir verzweifelt an überlieferten Vorstellungen festhalten. Und auch nicht indem wir alles aufgeben, sobald das Alte brüchig wird. Sondern indem wir uns in das Neue hineinführen lassen.
Dann könnten sich nach und nach neue Bilder zeigen. Neue Worte. Neue Formen des Betens, Denkens und Lebens. Vielleicht entsteht eine Sprache für Gott, die weiter ist, ehrlicher und weniger beherrschend. Eine Sprache, die nicht so tut, als könne sie Gott vollständig erklären.
Ich hoffe es.

