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Das Wilde hatte lange einen schlechten Ruf. Es galt als das Fremde, das Ungezähmte, das Bedrohliche. Etwas, das man bestaunt, aber auf Abstand hält. Etwas, das angeblich bei anderen zu finden ist, in fernen Ländern, im Wald, bei Löwen, Tigern und Bären.

Aber das Wilde ist nicht nur draußen. Es ist auch in dir.

Es geht nicht darum, alle Regeln über Bord zu werfen oder jedem Impuls blind hinterherzulaufen. Es geht darum, wieder zu spüren, dass du lebendig bist. Dass dein Herz pocht. Dass da eine Kraft in dir ist, die sich nicht vollständig in Höflichkeit, Gewohnheit und festen Formen einsperren lässt.


Wie das Wilde zum Gegenbild von Kultur wurde

In der Zeit des Kolonialismus war Europa fasziniert von dem, was als fremd und wild bezeichnet wurde. Menschen anderer Herkunft, ihre Sitten und Gebräuche wurden nicht auf Augenhöhe betrachtet, sondern oft wie eine Kuriosität behandelt.

Man holte Tiger und Löwen in Städte. Zoos und Tiergärten entstanden. Menschen konnten an Käfigen entlanggehen, staunen, sich erschrecken und Tiere sehen, die sie vorher nie gesehen hatten.

Und in einer zutiefst entwürdigenden Weise geschah Ähnliches auch mit Menschen aus Afrika und anderen kolonisierten Regionen. Sie wurden ausgestellt, in Käfige gesperrt oder in Zirkussen präsentiert, damit andere sie begaffen konnten. Diese Praxis wird heute als Völkerschau bezeichnet und zeigt, wie brutal die Einteilung in angeblich kultivierte und angeblich wilde Menschen sein konnte.

Kultur, das war in diesem Denken Europa, das britische Empire, die großen Staaten und ihre bürgerlichen Formen. Das Andere wurde als wild abgestempelt. So trennte man die Welt bequem in zwei Seiten: hier die Kultur, dort die Wildnis.

Aber diese Trennung stimmt nicht.


Wir alle tragen das Wilde in uns

Das Wilde gehört nicht einer bestimmten Herkunft, keinem Land und keinem Volk. Es ist nichts, das nur in Löwen, im Dschungel oder in einem Naturfilm vorkommt. Wir alle tragen es in uns.

Wir haben es kultiviert, und das ist auch gut. Kultur und Kultiviertheit sind etwas Schönes. Rücksicht, Freundlichkeit, Bildung und Formen des Zusammenlebens haben ihren Wert. Niemand muss deshalb grob, rücksichtslos oder unbeherrscht werden.

Doch kultiviert zu sein bedeutet nicht, das Wilde aus dem Leben zu verbannen.

Das Wilde in uns ist:

  • unmittelbar
  • impulsiv
  • erdverbunden
  • ungestüm
  • kraftvoll
  • lebendig

Es ist der Teil in dir, der nicht nur funktionieren möchte. Der nicht immer geschniegelt, angepasst und formelhaft sein will. Der auch einmal lachen, toben, schreien, tanzen, etwas Verrücktes ausprobieren oder einfach aus einer Gewohnheit ausbrechen möchte.


Artig sein ist nicht das ganze Leben

Gerade im christlichen Umfeld ist das Wilde oft verdächtig geworden. Man sollte artig sein, nett sein, freundlich sein, angepasst sein. Ein wildes Kind war dann vor allem eines: anstrengend für die Eltern.

Natürlich braucht es Grenzen. Natürlich braucht es Verantwortung. Aber ein Mensch wird nicht dadurch heil, dass er jeden spontanen Impuls wegdrückt und sich selbst nur noch kontrolliert.

Es gibt ein Wildes, das zerstörerisch sein kann. Dem musst du nicht folgen. Vielleicht solltest du ihm gerade nicht folgen. Aber du darfst es zunächst einmal wahrnehmen. Du darfst ehrlich spüren, was in dir lebt.

Wohin drängt es dich?

Was möchtest du tun, wenn du für einen Moment nicht nur an Erwartungen denkst?

Welche Sehnsucht, welche Kraft, welche Unruhe spürst du?

Vielleicht ist da ein pochendes Herz. Vielleicht ein ungestümes Wesen. Vielleicht der Wunsch, etwas zu verändern. Vielleicht nur die Lust, einmal anders zu sein als sonst.


Wild sein heißt nicht, allem nachzugeben

Es geht nicht darum, jedem inneren Drang hinterherzulaufen. Nicht jeder Impuls ist gut, nicht jede Versuchung führt in die Freiheit. Aber zwischen blindem Ausleben und vollständigem Unterdrücken gibt es einen wichtigen Raum: das bewusste Wahrnehmen.

Du darfst deine Impulse spüren, ohne ihnen sofort gehorchen zu müssen. Du darfst sie prüfen. Du darfst herausfinden, was sie dir sagen wollen.

Manchmal steckt hinter einem wilden Impuls keine Zerstörung, sondern eine längst überfällige Lebendigkeit. Vielleicht sagt etwas in dir: Geh raus. Beweg dich. Sprich endlich aus, was du denkst. Probier etwas Neues. Lass deine gewohnte Rolle für einen Moment los.

Das Wilde kann dir helfen, die Grenzen des Gewöhnlichen zu überschreiten. Nicht um andere zu verletzen, sondern um herauszufinden, wer du jenseits deiner starren Muster bist.


Die kleine Übung: Gewohnheiten unterbrechen

Wie befreiend eine kleine Abweichung sein kann, zeigt ein Beispiel aus einer Therapie. Ein Mann, der vermutlich unter Zwanghaftigkeit litt, bekam von seinem Therapeuten eine ungewöhnliche Aufgabe: Er sollte sich auf der Toilette andersherum hinsetzen, mit den Beinen zur Wand.

Das klingt vielleicht albern. Gerade darin liegt aber der Punkt.

Für jemanden, der stark in festen Abläufen, Regeln und zwanghaften Mustern gefangen ist, kann eine solche kleine Veränderung enorm sein. Sie zeigt: Die Welt geht nicht unter, wenn etwas anders geschieht. Ich kann variieren. Ich kann eine Form verlassen. Ich bin nicht vollständig meinen Gewohnheiten ausgeliefert.

Das ist eine kleine Form von Wildheit.

Du musst nicht gleich dein ganzes Leben umkrempeln. Es kann reichen, etwas Ungewohntes auszuprobieren, einfach aus Freude an der Variation:

  • einen anderen Weg gehen
  • etwas anziehen, das du sonst nicht wählen würdest
  • einen Tag anders strukturieren
  • tanzen, obwohl du es nicht perfekt kannst
  • laut singen, lachen oder kreativ werden
  • eine Gewohnheit bewusst unterbrechen

Dann kannst du schauen: Wie fühlt sich das an? Ist es gut? Ist es befreiend? Ist es vielleicht nichts für mich? Auch das darf sein. Du darfst etwas ausprobieren und es anschließend wieder lassen, ohne dich dafür zu schämen.


Die wilde Kraft der Natur spüren

Das Wilde begegnet dir auch in der Natur. Natürlich ist es schön, Blumen zu betrachten, im Wald zur Ruhe zu kommen oder dankbar auf einen Sonnenuntergang zu schauen. Das alles ist wunderbar.

Aber Natur ist nicht nur lieblich und still.

Natur ist auch Donner. Gewitter. Sturm. Die unbändige Kraft des Wassers. Das Röhren eines Bären. Die Spannung eines Tieres, das nicht gezähmt ist. Diese Kraft kann Ehrfurcht wecken, weil sie größer ist als unsere Planung und Kontrolle.

Es kann guttun, diese Seite der Natur nicht nur gedanklich zu kennen, sondern sie zu erleben. Nicht als romantische Kulisse, sondern als Erinnerung daran, dass das Leben Kraft hat. Dass es nicht vollständig berechenbar ist. Dass es pulsiert.

Vielleicht findest du diesen Zugang im Wald, im Regen, auf einem Berg, am Meer oder in einem Gewitter. Vielleicht spürst du ihn beim Sport, beim Singen, beim Beten oder in einem Moment, in dem du endlich wieder frei atmest.


Kultur und Wildheit gehören zusammen

Du darfst kultiviert sein. Du sollst es auch sein. Kultur kann eine schöne Form des Menschseins sein. Sie schafft Verbindung, Respekt und Verantwortung.

Aber ohne das Wilde wird Kultur starr. Dann wird aus guter Form nur noch Fassade. Dann bleibt ein Mensch höflich, aber nicht lebendig. Angepasst, aber nicht wirklich da.

Die Aufgabe ist deshalb nicht, dich zwischen Kultur und Wildheit zu entscheiden. Die Aufgabe ist, beides zusammenzubringen:

  • Kultur gibt dir Form, Rücksicht und Orientierung.
  • Wildheit gibt dir Kraft, Unmittelbarkeit und Lebendigkeit.

Ein reifer Mensch muss nicht zahm sein. Er kann freundlich und gleichzeitig kraftvoll sein. Er kann verantwortungsvoll sein und dennoch aus gewohnten Formen ausbrechen. Er kann Grenzen achten und trotzdem den Mut haben, sich selbst zu spüren.


Der Löwe in dir

Das Wilde musst du nicht nur im Zoo suchen. Nicht nur in einer Dokumentation. Nicht nur bei den Tieren oder bei anderen Menschen.

In dir schlummert der Löwe. In dir schlummern der Panther und der Bär. Wir kommen alle aus diesem Bereich. Wir kommen alle aus dem Wald.

Entdecke das Wilde wieder, auf deine Weise. Horche auf deine Impulse. Spüre die Kraft der Natur. Unterbrich hin und wieder eine starre Gewohnheit. Erlaube dir, lebendig zu sein.

David Damberg


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