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Fragen sind oft viel wichtiger als Antworten. Antworten können etwas abschließen, besonders dann, wenn sie gut sind. Schlechte Antworten frustrieren. Gute Antworten bringen Klarheit. Aber die Fragen, die uns wirklich weiterbringen, sind jene, die uns über eine Zeit begleiten, die immer wieder auftauchen und tiefer führen.

Jesus war ein Meister darin, solche Fragen zu stellen. In den Evangelien begegnen uns Fragen, die zwar an konkrete Menschen in einem bestimmten Moment gerichtet waren, aber zugleich uns alle meinen. Fragen, die nicht in der Vergangenheit bleiben, sondern an dich und an mich gerichtet sind.

Eine davon ist besonders kraftvoll: „Was willst du, dass ich dir tue?“


Die Begegnung mit dem blinden Bartimäus

Die Frage stellt Jesus dem blinden Bartimäus. Bartimäus sitzt am Straßenrand und ruft nach Jesus. Die Menge versucht, ihn zum Schweigen zu bringen, doch er lässt sich nicht abhalten. Er ruft weiter. Jesus bleibt stehen, lässt ihn zu sich kommen und fragt ihn:

„Was willst du, dass ich dir tue?“

Diese Szene findet sich im Markusevangelium, Kapitel 10, Verse 46 bis 52. Und zunächst wirkt die Frage beinahe seltsam. Jesus sieht einen blinden Menschen vor sich. Was sollte dieser Mensch wohl wollen?

Man könnte sich eine ähnliche Situation vorstellen: Ein Arzt sitzt am Bett eines kranken Menschen und fragt: „Was wünschen Sie? Was brauchen Sie?“ Man denkt sofort: Das ist doch offensichtlich. Bartimäus will sehen. Was sonst?

Und doch ist es nicht so einfach.


Das Offensichtliche ist nicht immer das Eigentliche

Jesus reagiert nicht automatisch auf das, was äußerlich sichtbar ist. Er behandelt Bartimäus nicht wie einen Fall, den man schnell lösen muss. Er geht auch nicht einfach vorbei und heilt wahllos alle Menschen mit einer Geste.

Stattdessen fragt er. Er gibt Bartimäus Raum. Raum, in sich hineinzuhören. Raum, den eigenen Wunsch zu erkennen. Raum, selbst zu sagen, was er wirklich braucht.

Das Offensichtliche kann nämlich auch eine Ablenkung sein. Es ist schnell gesehen und schnell ausgesprochen. Doch die entscheidende Frage lautet nicht nur: Was liegt äußerlich auf der Hand? Sie lautet:

Was willst du wirklich?

Was brauchst du wirklich?

Diese Fragen verlangen Ehrlichkeit. Sie führen weg von den schnellen Antworten und hinein in einen inneren Suchprozess. Vielleicht wissen wir oft viel weniger klar, was wir eigentlich wollen, als wir zunächst meinen.


Jesus lässt Freiheit

Dass Jesus Bartimäus fragt, ist ein Ausdruck von Freiheit. Niemand muss geheilt werden. Niemand wird übergangen. Niemand wird einfach zum Objekt einer göttlichen Machtdemonstration gemacht.

Jesus begegnet einzelnen Menschen. Menschen, die zu ihm kommen, die rufen, die sich auf den Weg machen und die ihre eigene Sehnsucht aussprechen. Seine Frage wahrt die Freiheit des Menschen.

Das ist entscheidend. Gott lenkt nicht anonym von außen. Die Begegnung mit dem Göttlichen ist keine automatische Angelegenheit. Sie ist Beziehung.

Jesus fragt nicht, weil er die Antwort nicht kennt. Er fragt, weil Bartimäus selbst zu seiner Antwort finden soll.


Die Frage gehört schon zur Heilung

Bartimäus muss innehalten. Er muss nachdenken. Er muss innerlich handeln. Was ist es eigentlich, das ich will? Was ist mein tiefster Wunsch?

Dann sagt er: „Ich möchte wieder sehen können.“

Natürlich überrascht uns dieser Wunsch nicht. Und doch ist er nach der Frage nicht mehr nur das Offensichtliche, das Jesus ohnehin sehen konnte. Bartimäus hat ihn selbst gefunden und ausgesprochen. Er ist durch diesen inneren Weg ein anderer geworden.

Vielleicht gehört genau das zur Heilung dazu. Heilung ist nicht nur das Wunder, das am Ende geschieht. Heilung beginnt möglicherweise bereits dort, wo ein Mensch sich seiner tiefsten Sehnsucht stellt, sie erkennt und sie ausspricht.

Die Frage Jesu setzt etwas in Bewegung:

  • Bartimäus wird nicht übergangen, sondern persönlich angesprochen.
  • Er wird eingeladen, seine eigene Sehnsucht wahrzunehmen.
  • Er darf selbst benennen, was er von Jesus erhofft.
  • Die Begegnung wird zu einem Beziehungsgeschehen.

So verstanden ist die innere Suche von Bartimäus nicht bloß ein Vorspiel zur Heilung. Sie ist ein Teil davon.


Spiritualität als Beziehungspflege

Die Geschichte macht deutlich: Das Göttliche handelt nicht unpersönlich und anonym. Heilung geschieht in Beziehung. Zwischen dir und Gott. Zwischen dir und dem Göttlichen.

Das ist ein zentraler Gedanke von Spiritualität. Spiritualität ist in gewisser Weise Beziehungspflege. Eine fortdauernde Pflege der Beziehung zu Gott, aber auch eine Pflege des eigenen Seins.

Denn Gott ist nicht nur ein Gegenüber. Das Göttliche ist zugleich etwas, das tief in uns berührt wird. Darum führt die Frage Jesu immer in zwei Richtungen: zu Gott und zugleich in das eigene Innere.

„Was willst du, dass ich dir tue?“ ist deshalb nicht nur eine Frage an Bartimäus. Es ist eine Frage, die uns begleiten kann, gerade dann, wenn wir schnell meinen zu wissen, was uns fehlt.


Eine Frage für diese Woche

Vielleicht ist diese Frage zu groß, um sie rasch zu beantworten. Vielleicht ist sie sogar mehr als eine Frage für eine Woche. Aber sie kann für diese Woche bei dir bleiben.

Was willst du, dass ich dir tue?

Was willst du wirklich?

Was brauchst du wirklich?

Es geht nicht darum, sofort eine perfekte Antwort zu haben. Es geht darum, die Frage nicht zu überhören. Ihr Raum zu geben. Und vielleicht nach und nach den eigenen innersten Wunsch zu entdecken.

David Damberg


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