Alle Artikel in: Nikolaus

Vom Holz herab herrscht unser Gott!

Venantius Fortunatus, der an der Schwelle von der Spätantike zum frühen Mittelalter lebte, hat neben verschiedenen Heiligenlegenden vor allem liturgische Hymnen verfasst. Einer dieser Hymnen begleitet uns im Stundengebet der Karwoche und erklang zunächst in der ersten Vesper des Palmsonntags: „Vexilla regis prodeunt“ – „Ein Königs siegt, sein Banner glänzt.“ Dieser Hymnus offenbart das Paradoxe, das wir in der Karwoche meditieren: Leiden und Tod Jesu Christi, um dann an Ostern seine Auferstehung zu feiern. Gerade in der augenblicklichen Situation kann dieser Hymnus Mut machen. Ein König siegt, sein Banner glänzt:Geheimnisvoll erstrahlt das Kreuz,an dessen Balken ausgerechtim Fleisch des Fleisches Schöpfer hängt. So lautet die erste Strophe dieses Hymnus in der Übersetzung des Benediktinischen Antiphonales. Das Königsbanner, das in der ersten Zeile genannt wird, verweist auf die Königsherrschaft Christi. Diesen Christus verehren wir als wahren Gott und wahren Mensch. Darum sagt der Dichter, dass des Fleisches Schöpfer als Mensch an diesem Kreuz hängt. Geschunden hängt der heil’ge Leib,vom scharfen Speere roh durchbohrt;uns rein zu waschen von der Schuld,strömt Blut und Wasser von ihm aus. Blut und …

Wie ist das mit dem Reich Gottes?

Welches Verhältnis unterhält das Abendland zu seiner eigenen Religion? Der französische Schriftsteller Emmanuel Carrère stellt die Gretchenfrage: In seinem Buch „Das Reich Gottes“ vertieft er sich in die Anfänge des Christentums und fragt nach der Kraft, mit der es gelang, an Dinge zu glauben, gegen die der Verstand rebelliert und eine revolutionäre Ethik zu vertreten, die den Schwachen zum Starken erklärt. Mal ironisch, mal mit dringlichem Ernst zeichnet Carrère das Fresko einer antiken Welt, die in vielen Zügen unserer heutigen ähnelt – und er begegnet dabei sich selbst. Emmanuel Carrères Buch ist ein Bibelkrimi – aber ein besonderer: Der erste Teil umfasst autobiografische Angaben des Verfassers, die zeigen, warum er sich die Frage stellt, wie es sein kann, dass ein aufgeklärter Mensch des 21. Jahrhunderts noch gläubiger Christ sein kann. Dann folgt die romanhafte Gegenüberstellung zweier großen Theologen des Christentums in der Beschreibung des Apostels Paulus und des Evangelisten Lukas. Diese Gegenüberstellung haben mir die Paulusbriefe, das Lukas-Evangelium und die Apostelgeschichte neu auf lehrreich-unterhaltsame und zugleich spannende Art nahegebracht. Gleichnisse vom Reich Gottes Gerade im …

Über den Sinn der Fastenzeit

„Potus non frangit ieiunium!“ „Der Trank bricht das Fasten nicht!“ So lautet eine alte Mönchsregel, die das Fasten in den Blick nimmt. – Und doch mögen die am vergangenen Wochenende von manch einem Kater Betroffenen den Aschermittwoch herbeigesehnt haben. Denn spätestens seit dem vergangenen Mittwoch haben wir uns alle geistig und so manch einer von uns auch körperlich auf die Fastenzeit eingestellt. Wenn ich den Begriff Fastenzeit höre, denke ich immer sogleich an Verzicht und Abstinenz und schäme mich innerlich, weil ich die moralischen Forderungen, die mit diesen Begriffen einhergehen, nur selten erfüllen kann… Wie hat sich die Fastenzeit entwickelt und was ist ihr Sinn? Bevor wir in die geschichtliche Entwicklung eintauchen, muss der Name geklärt werden: Die nur im Deutschen übliche Bezeichnung Fastenzeit ist recht unglücklich gewählt, da sie nur einen Teilaspekt dieser Tage und Wochen vor Ostern hervorhebt. Die lateinische Bezeichnung Quadragesima ist da viel sachlicher, bezeichnet sie zunächst doch nur den 40. Tag vor dem Osterfest und dient erst später als Bezeichnung für den gesamten Zeitraum der vierzig Tage. Der andere (seit …

Weihnachten im Februar?

Mein Vater, der 1919 in einem kleinen Dorf in der Eifel – unweit der Abtei Maria Laach – geboren ist, erzählte vor langer Zeit, dass in seinem Elternhaus die „gute Stube“ nur an hohen Feiertagen genutzt wurde. So kam es, dass einmal kurz vor Ostern, als die Stube für das bevorstehende Fest hergerichtet werden sollte, dort von Weihnachten noch der (inzwischen abgenadelte) Tannenbaum stand. Tatsächlich blieben bis zur Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils vielfach die Tannenbäume zwar nicht bis Ostern, aber bis zum 2. Februar stehen. Denn die Weihnachtszeit dauerte damals bis zum 2. Februar, dem vierzigsten Tag nach Weihnachten. Der Tag wurde im Volksmund oftmals Lichtmeß oder Mariä Lichtmeß genannt, weil bei Prozessionen Kerzen mitgetragen und gesegnet wurden. Was begehen wir am 2. Februar? Liturgisch wird an diesem Tag das Fest der Darstellung des Herrn gefeiert. Diesem Herrenfest liegen die biblischen Geschehnisse im Tempel von Jerusalem zugrunde, die der Evangelist Lukas berichtet: „Als sich für sie die Tage der vom Gesetz des Mose vorgeschriebenen Reinigung erfüllt hatten, brachten sie das Kind nach Jerusalem hinauf, …

alte Bücher

Auf ein Neues!

Warum feiern wir Menschen eigentlich Jahrestage – etwa den eigenen Geburtstag oder den eines uns lieben Menschen? Warum feiern wir bestimmte Tage Jahr für Jahr neu – etwa Silvester-Neujahr? Nun, ich glaube, dass wir Menschen Erinnerungen brauchen, die uns aus dem Alltagstrott herausreißen und innehalten lassen, so dass wir Rückschau, aber auch Ausschau halten können. Das neue Kirchenjahr Am vergangenen Samstag haben wir mit der ersten Vesper zum Ersten Advent das neue Kirchenjahr begonnen. Da erinnere ich immer eine Begebenheit, die schon etliche Jahre zurück liegt, die aber deutlich macht, dass wir in einem stets wiederkehrenden Kreislauf eingebunden sind: Unser P. Michael hatte in der Abtei die Predigt am Ersten Advent. Es ging also zum Ambo, zeigte den Gottesdienstbesuchern sein Graduale, öffnete es, nahm ein Lesebändchen und platzierte es auf der ersten Seite. Es begleitet dies mit den Worten: „Gestern habe ich zum 35. Mal das Bändchen von hinten nach vorne gelegt.“ Er hatte damals einfach sehr banal formuliert, was wir Jahr für Jahr tun: Wir beginnen immer wieder am ersten Advent ein neues Kirchenjahr. …

November – der Trauer- und Totenmonat

Im November finden an verschiedenen Tagen besondere Totengedenken und -ehrungen statt: Da ist direkt nach Allerheiligen der Allerseelentag, bei dem die römisch-katholische Kirche der Verstorbenen gedenkt. Die evangelische Kirche gedenkt der Verstorbenen am letzten Sonntag im Kirchenjahr, dem Totensonntag. Und gesellschaftlich wird zwei Sonntage vor dem 1. Advent – am Volkstrauertag – der Gefallenen der beiden Weltkriege gedacht. Ebenfalls im November liegt der Buß- und Bettag, an dem die evangelische Kirche die Gläubigen einlädt, sich wieder neu Gott zuzuwenden. All das ruft in mir einen Satz des Apostels Paulus in Erinnerung: „Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe.“ (1 Kor 13,13). – Gerade im Totengedenken und in der  Neuausrichtung auf Gott manifestiert sich die Liebe. Darum hat der österreichische Redemptorist, P. Hans Hüter CSSR, die Schlussfolgerung gezogen: Weil ich liebe, hoffe ich und glaube ich. Weil ich liebe… Keiner von uns weiß, ob und wie es nach dem Tod weitergeht. Und dennoch gehen wir immer wieder auf die Friedhöfe zu den Gräbern unserer Angehörigen und Freunde. …

Entdecke den Mönch / die Nonne in Dir…

In der Online-Ausgabe der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung vom 9. Juli fand ich die Überschrift: „Zahl der Single-Haushalte in Hannover wächst“. Im Artikel selbst heißt es dann: „Hannover gilt als deutsche Single-Hauptstadt – und die Zahl der Einfamilienhaushalte wächst weiter. In mehr als der Hälfte (54,3 Prozent) der Haushalte lebt nur eine Person. In Mitte (65,1), Linden-Limmer (63,3) und Südstadt-Bult (62,0) sind es sogar mehr als 60 Prozent.“ – Auch ohne diese Zahlen zu kennen, hatten wir Brüder schon lange die Vermutung, dass dem so ist. Die Menschen sind auf der Suche Keine Vermutung hingegen ist, dass viele Menschen auf der Suche sind: auf der Suche nach Sinn; auf der Suche nach Heimat; auf der Suche nach Geborgenheit; auf der Suche nach Spiritualität – und diese Aufzählung ließe sich beinahe endlos fortsetzen. Nicht zuletzt wegen dieser Suche klopfen viele Menschen an Klosterpforten, um als Kloster-auf-Zeit-Gäste neue Erfahrungen zu sammeln. Auch Wellness-Aufenthalte in Klöstern sind immer mehr gefragt. Seminare, die sich mit der Benediktsregel beschäftigen, sind oftmals ausgebucht. – Wie kommt das? Ich glaube, es ist die …

Wandergruppe

Ich bin dann mal weg…

Wer kennt nicht diesen Titel von Hape Karkelings Buch, in dem er seine Auszeit auf dem Weg nach Santiago di Compostela beschreibt. 103 Wochen lang war das Buch auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste. Worum geht es in diesem Buch? Der Entertainer schildert darin die Erlebnisse auf dem Jakobsweg im Jahr 2001. Auslöser für die Entscheidung, sich auf den Weg nach Santiago di Compostela zu machen, waren ein Hörsturz und eine Operation.Darüber hinaus hatte er das Buch der amerikanischen Schauspielerin Shirley MacLaine „Der Jakobsweg: eine spirituelle Reise“ gelesen, in dem sie von ihren „Wiedergeburten“ schreibt. Ihr Buch und ein Wanderführer waren auf Kerkelings Wallfahrt seine einzige Lektüre. Kerkeling wählte für seine Wanderung den klassischen Jakobsweg, ausgehend von Saint-Jean-Pied-de-Port, etwa 770 km vom Santiago entfernt. Und er beschreibt, wie er sich – wie alle anderen pilgernden Menschen auch – mit den physischen und psychischen Anforderungen einer solchen Wallfahrt auseinandersetzen muss. Dabei lernt er nicht nur sich und seinen Glauben besser kennen. Vielmehr schildert er teils sehr plastisch, welchen Charakteren er auf seinem Weg begegnet ist. Dies geschieht …

„Was glotzt Du?“

Manchmal hört man diese Frage, wenn man an einer Gruppe von Kinder oder Jugendlichen vorbeigeht. In der Apostelgeschichte steht die gleiche Frage – aber deutlich vornehmer formuliert: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor? Dieser Jesus, der von euch fort in den Himmel aufgenommen wurde, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen.“ (Apg 1,11) Was hat es mit der Himmelfahrt Christi auf sich? In den ersten drei Wochen der Osterzeit haben wir in den Gottesdiensten viele Erzählungen gehört, in denen der Auferstandene den Jüngern erschienen ist. Seit dem vierten Ostersonntag lesen wir Abschnitte aus dem Abschiedsreden Jesu, die im Johannesevangelium aufgeschrieben sind.Spannend ist, dass alle vier Evangelisten das Thema Auferstehung, Himmelfahrt und Geistsendung ganz unterschiedlich behandeln:Der Evangelist Lukas schildert die Geistaussendung am fünfzigsten Tag nach Ostern in seinem zweiten Buch, der Apostelgeschichte, als stürmisches Ereignis (vgl. Apg 2) Die Himmelfahrt Christi – zehn Tage zuvor – führt auf diese Geistsendung hin. Aber das ist nur die Sicht des Lukas. Für den Evangelisten Johannes finden Auferstehung …

Hilfe, ich werde alt

„Siebzig Jahre währt die Zeit unsres Lebens, sind wir bei Kräften, werden es achtzig.“ (Ps 90,10)

Vor nicht allzu langer Zeit las ich einen kurzen Zeitungsartikel, in dem darauf hingewiesen wurde, dass ein Drittel der heute dreißigjährigen Frauen ihren einhundertsten Geburtstag erleben würde – so sehr habe sich die Lebenserwartung in den vergangenen Jahren geändert. Die Lebenserwartung hat sich in den letzten Jahrzehnten andauernd verlängert. Dabei spielt der Medizinfortschritt eine wesentlich geringere Rolle als Faktoren wie Friedenszeit, gestiegenes Einkommen, höherer Lebensstandard, bessere Ernährungslage usw. Das Alter in der Bibel An vielen Stellen der Bibel wird über das Alter sinniert, und die Begrenztheit der Lebenszeit des Menschen wird thematisiert; so auch in den Psalmen. Bei Psalm 90 etwa handelt es sich um ein sogenanntes Klagelied des Volkes, in dem die Hinfälligkeit des Menschen im Mittelpunkt steht. Vollständig lautet Vers 10: „Siebzig Jahre währt die Zeit unsres Lebens, sind wir bei Kräften, werden es achtzig. Ihr Bestes aber ist nur Mühsal und Beschwer; rasch geht es vorbei, – wir fliegen dahin.“ Und in Psalm 39 finden sich folgende Verse: „Herr, lass mich doch wissen mein Ende, und welches das Maß meiner Tage ist, …