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Weitere InformationenMorgenroutinen sind sehr in Mode. Es gibt Bücher, Videos und zahllose Vorschläge dazu, wie ein gelungener Morgen auszusehen habe. Manche Menschen stehen um fünf oder sogar um halb fünf auf und folgen einem ganz strikten Ablauf: Bewegung, Lesen, Schreiben, Frühstück, Körperpflege und vieles mehr.
Wenn all das so stimmt, leben manche Menschen morgens beinahe klösterlicher, als es manche Klöster oder Mönche tun. Wobei natürlich die Frage wäre, ob das Klösterliche wirklich in einem möglichst strikten und regulierten Tagesbeginn besteht.
Auch ich habe eine Morgenroutine. Sie ergibt sich schon daraus, dass wir uns zu einer gemeinsamen Zeit treffen. Jeden Morgen stehe ich um halb sieben auf. Um sieben Uhr meditiere ich mit meinen Brüdern eine Viertelstunde, anschließend singen wir die Laudes, und dann gibt es Frühstück.
Danach kümmere ich mich um meine Katzen. Eine von ihnen braucht morgens Medikamente, und ein wenig Zuneigung brauchen sie natürlich alle. Irgendwann gibt es Kaffee und vielleicht eine Kleinigkeit zu essen. Ich frühstücke morgens meistens nicht gleich, sondern trinke zunächst nur Tee. Später kommt dann der Hunger.
Das alles ist recht unspektakulär. Doch seit einiger Zeit gibt es ein neues Element in meinem Morgen, das sehr einfach ist und vielleicht zunächst ein wenig seltsam klingt.
Ein Blatt Papier, Wasser und ein Pinsel
Auf meinem Schreibtisch liegt ein großes Blatt Papier, das an allen vier Ecken festgeklebt ist. Daneben stehen ein Glas Wasser und ein schöner Pinsel, wie man ihn eigentlich für chinesische oder japanische Kalligraphie verwenden würde.
Das Papier ist etwas Besonderes: Sobald es feucht wird, färbt es sich schwarz. Wenn es wieder trocknet, wird es erneut weiß. Die Linien, die darauf erscheinen, bleiben also nicht bestehen.
Jeden Morgen setze ich mich an diesen Tisch. Zunächst halte ich einen Moment Stille. Ich spüre mich, spüre in meinen Körper hinein und warte, bis ich den Eindruck habe, wirklich bei mir zu sein.
Dann tauche ich den Pinsel in Wasser.
Die Übung: Eine Linie nach der anderen
Ich beginne oben links und ziehe freihändig eine Linie nach rechts. Darunter folgt die nächste. Und dann wieder eine. Meistens sind es sechs oder sieben Linien untereinander.
Es geht dabei nicht um Kunst und auch nicht um ein perfektes Bild. Streng genommen soll die Linie zwar gerade sein, doch das gelingt natürlich nicht immer. Oft ist sie ein wenig verwackelt. Das ist nicht schlimm. Es geht nicht darum, ein makelloses Ergebnis hervorzubringen.
Wichtig ist allein die Art, wie ich die Linie ziehe:
- ruhig
- gesammelt
- konzentriert
- mit der Hingabe, die in diesem Moment möglich ist
Wenn ich unten auf dem Blatt angekommen bin, wird die oberste Linie oft schon blasser. Langsam verschwindet sie wieder. Am Ende bleibt das Blatt weiß.
Warum ausgerechnet Linien ziehen?
Man kann sich natürlich fragen: Was soll das bringen? Warum sollte man jeden Morgen mit Wasser Linien auf ein Blatt Papier malen, wenn sie kurz darauf ohnehin wieder verschwinden?
Zu dieser Übung kam ich durch einen Vortrag von Karl Friedrich Graf Dürckheim. Er sprach in den 1960er Jahren vor der Deutschen Olympischen Gesellschaft über Leistung und menschliche Reifung. Dürckheim entwickelte eine eigene Form der Psychotherapie und einen Weg der inneren Übung, der sich deutlich von herkömmlichen therapeutischen Ansätzen unterscheidet.
Wer sich näher mit seinem Weg beschäftigen möchte, findet beim Dürckheim Zentrum weiterführende Informationen zu seinem Denken und seiner Arbeit.
Dürckheim beschrieb eine erstaunlich schlichte Praxis: Ein Mensch nimmt ein Blatt Papier und zieht eine Linie von oben links nach rechts. Darunter zieht er die nächste. Das wiederholt er mehrere Minuten lang, möglichst täglich.
Seine Überzeugung war, dass ein Mensch nach einem Jahr durch eine solche Übung ein anderer, ein reiferer Mensch sein könne.
Üben heißt nicht nur, etwas zu können
Das klingt vielleicht zunächst groß für eine so kleine Übung. Aber es geht hier um ein anderes Verständnis von Üben.
Gewöhnlich üben wir, um etwas besser zu können: ein Instrument spielen, eine Sprache sprechen, Sport treiben oder eine bestimmte Technik beherrschen. Das alles ist sinnvoll. Diese Übung verfolgt jedoch kein äußeres Ziel.
Hier bedeutet Üben: sich einüben, sich erkunden und bei sich sein.
Während ich den Strich ziehe, merke ich, wie ich gerade da bin. Bin ich zerstreut? Bin ich angespannt? Bin ich ungeduldig? Oder bin ich gesammelt, gegenwärtig und ruhig?
Manchmal gelingt eine erstaunlich gerade Linie. Meistens wird sie etwas unruhig. Doch auch das ist keine Bewertung. Die Linie ist einfach ein Hinweis darauf, wie es in diesem Augenblick um meine Aufmerksamkeit bestellt ist.
Wenn ich wirklich bei mir bin, ohne etwas erreichen zu wollen, dann wird der Strich oft ruhiger. Nicht immer, aber oft. Und selbst wenn nicht, ist die Übung nicht misslungen. Denn sie macht sichtbar, was gerade da ist.
Eine Morgenroutine ohne Leistungsdruck
Gerade darin liegt für mich etwas sehr Wohltuendes. Diese Morgenroutine ist einfach, klar und still. Sie verlangt keine besondere Ausrüstung, kein frühes Aufstehen um jeden Preis und keine lange Liste von Aufgaben, die erfüllt werden müssen.
Ein Blatt Papier, etwas Wasser und ein Pinsel genügen. Natürlich kann auch ein anderer Weg gewählt werden. Entscheidend ist nicht das besondere Papier und nicht die perfekte Linie. Entscheidend ist ein kleiner, wiederkehrender Moment, in dem man nichts leisten muss und doch ganz da ist.
Vielleicht ist das eine gute Frage für den eigenen Morgen: Was hilft mir, für einen Augenblick wirklich bei mir anzukommen?
Es braucht oft nicht viel. Eine einfache, aufmerksam ausgeführte Handlung kann erstaunlich viel bedeuten. Für mich bedeutet diese Übung inzwischen sehr viel.

