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Spiritualität als Lernprozess

Während meiner Zeit auf der Fachhochschule gehörte das Studium Didaktischer Modelle zu einem wesentlichen Inhalt unseres Lernstoffs. Solche Modelle versuchen Bedingungen des Lernens zu beschreiben, die der Pädagoge zu berücksichtigen hat. Dazu gehört die Situation des Menschen, die Umstände, in denen das Lernen stattfindet, grundlegende Prozesse, Feedbackschleifen und vieles andere mehr. Ich habe es geliebt, mich in solche Modelle hineinzudenken, sie verstehen zu wollen, sie zu kritisieren und ggf. natürlich auch anzuwenden. 

Ich muss allerdings zugeben, dass in der Praxis dann solche Modelle eine sehr untergeordnete Rolle gespielt haben. Aber ich kann schon sagen, dass die Grundlagen meines pädagogischen Handelns durch die Beschäftigung mit diesen Modellen gelegt wurden.

Spiritualität ist für mich auch eine Art pädagogischer Prozess, den ich selber gestalte. Wenn man Lernen so versteht, dass es stets um eine Verhaltensänderung geht (und das nicht nur im beobachtbaren Sinne), dann kann man meines Erachtens auch Spiritualität als einen Lern- oder Transformationsprozess beschreiben. Es geht um die Veränderung des Menschen in seiner Haltung, seinem Tun und letztlich darum, dass er sich weiterentwickelt. Was wiederum Ausdruck von Veränderung ist.

Oft habe ich den Eindruck, dass Spiritualität als ein eher statisches Tun angesehen wird. Man macht dies oder das und es wird nicht hinterfragt: man betet, meditiert, geht in den Gottesdienst und ob dieses Tun meiner Weiterentwicklung dient oder nicht, diese Frage stellt sich nicht. Dabei ist jegliches spirituelle Tun dazu da, mir zu helfen - “der Sabbat ist für den Menschen da” nicht umgekehrt. Das heißt, dass jegliches spirituelle Tun etwas in mir bewegen und verändern will.

Spiritualität ist ein Veränderungsprozess und ein Reifungsprozess!

Dazu gehört auch, dass ich mit der Zeit manches lasse, einiges neu aufnehme und es gehört dazu, dass ich das ein oder andere für mein ganzes Leben als Übungsweg betrachte. Meditation ist beispielsweise eine solche Tätigkeit oder der Besuch eines Gottesdienstes kann es sein.

Wenn Spiritualität ein Lernprozess ist (im Sinne eines existentiellen Lernens), dann gehören natürlich auch didaktische und methodische Fragen dazu.

Wie kann Spiritualität in meinem Leben wirksam werden?
Welche Formen und Grundlagen gibt es, die spirituelles Lernen ausmachen?
Wie geschieht Lernen im spirituellen Leben überhaupt?

Ich möchte Dir heute einige Aspekte eines solchen Überlegens mitteilen. Mein Denken ist dabei nicht abgeschlossen und es bleiben noch Fragen und Aspekte offen, aber ich möchte hier einmal den Versuch wagen, eine erste grobe Skizze einer solchen prozessualen Spiritualität anhand von einigen Grundbegriffen und Grundübungen zu entwerfen.

Ich mache das, indem ich 6 Aspekte herausgreife und diese in diesem Kontext erschließe. Nichts davon wird Dir völlig fremd sein - aber das wäre ja auch verwunderlich kann ich doch davon ausgehen, dass Du selber Dein Leben spirituell gestaltest.

Übung


Das Grundwort spirituellen Lebens und die Grundmethode heißt für mich Üben. Spiritualität wird geübt oder auch eingeübt. Leider haben wir eine sehr verkürzte Vorstellung von dem, was Üben bedeutet. Wir üben das Fahrradfahren und wir hören mit dem Üben auf, wenn wir es können. Ebenso üben wir uns darin zu nähen, zu kochen oder Auto zu fahren. Sobald wir in der Fertigkeit zu einer gewissen “Vollkommenheit” gelangt sind, hören wir mit dem Üben auf und beginnen den Vollzug dessen, was wir geübt haben. Das ist unsere übliche  Vorstellung von Üben - auch in der Schule.

Üben können wir aber auch noch anders verstehen, nicht als ein Einüben einer Fertigkeit. Wir können üben als ein Reifen und Wachsen an einer bestimmten Tätigkeit und Fertigkeit sehen. Vielleicht kennst du Beppo, den Straßenkehrer aus Momo, der in einem Abschnitt über das Straßenkehren philosophiert. Darin kommt zum Ausdruck, dass er beim Straßenkehren viel gelernt hat. Die Bewegung, das hin und her, Schritt für Schritt - das alles ist Ausdruck einer geistigen Haltung zum Straßenkehren.

In einigen japanischen Klöstern gehört es dazu, jeden Tag mit einem Tuschpinsel einen Kreis zu zeichnen. Es geht nicht darum, diesen Kreis perfekt zu machen, sondern durch das Üben dieses Kreises sich selbst zu vervollkommnen, weiter zu entwickeln, zu reifen. Die Fertigkeit ist schnell erlernt, aber das wirkliche Zeichnen dieses Kreises ist ein lebenslanger Prozess.

Wenn es uns gelingt, all unser tun - gerade die regelmäßigen und einfachen Tätigkeiten -  so zu sehen und zu vollziehen, dann wird schnell alles zu einer Übung auf dem Reifungsweg und zu einem spirituellen Tun.

Langsamkeit

Schnecke


Yoga, Tai Chi, Qi Gong, Kinhin, all diese Körperübungen haben eine Sache gemeinsam, sie werden langsam vollzogen. Auch der Einzug in eine Kirche, die Bewegungen im Gottesdienst haben eine gewisse Langsamkeit in sich.

Langsamkeit ist ein Schlüssel zur Achtsamkeit, da ich in schnellen Bewegungen gar nicht nachfühlen kann, was ich empfinde. Auch das oben beschriebene Üben braucht Langsamkeit, weil es sonst schnell in einen Automatismus verfällt. Das ist etwas, was auf alle Fälle vermieden werden muss, dass ich etwas tue, ohne zu spüren, dass ich es tue und was ich dabei empfinde. Nur in der langsamen Bewegung ist mir das möglich. Daher gehört es beim Yoga auch immer dazu, nach jedem Asana inne zu halten, nachzuspüren und erst danach weiter zu machen.

Du kannst jede Bewegung zu einer spirituellen machen, wenn Du sie langsam machst. Das Geheimnis von Yoga, Tai Chi etc. ist die Kombination aus Langsamkeit, Körper, inneren Bildern und Wiederholung (natürlich sind auch noch jeweils andere Aspekte wichtig). Beginne morgens den Weg vom Bett zum Bad gaaaanz langsam zu gehen. Das kann eine wunderbare Übung sein.

Wiederholung


Zur Langsamkeit gesellt sich die Wiederholung. Die ganze Tiefe einer Übung wirst Du erst erfahren, wenn Du sie über lange Zeit vollzogen hast. Täglich einen Kreis zu zeichnen ist beim ersten Mal noch spannend und irgendwie auch verblüffend. Nach einer Woche beginnt es, langweilig zu werden und nach einem Monat hört man vielleicht auf. Wenn man sich aber für eine solche Übung entscheidet und treu dabei bleibt, dann wird diese Übung erst nach vielen Jahren, dann aber ganz substanziell, ihre positive Wirkung auf Dich zeigen.

Wiederholungen wirken ganz besonders intensiv und sprechen unseren Urgrund an. Daher gehören Wiederholungen in jeder Religion unbedingt dazu.

Symbole


Mit Symbole sind jetzt gar nicht so sehr die klassischen Symbole gemeint. Gemeint ist, all mein Tun auch als etwas Symbolhaftes anzusehen. Jedes Tun hat auch eine geistige Ebene. Wie bei Beppo dem Straßenkehrer, der im Straßenkehren mehr sieht, als nur das Säubern einer Straße. Es wird plötzlich zu einer Lebensschule.

Man kann das Putzen der Wohnung sehen als ein Reinigen und Säubern und endlich wieder Ordnung schaffen. Du kannst es auch als ein Tun sehen, dass dem Leben dient, dass Erfahrungen vorbereitet und Atmosphäre ermöglicht. Es ist die gleiche Tätigkeit, bekommt aber durch eine symbolhafte Sichtweise eine besondere Tiefe.

Egal, was Deine Aufgabe ist, Du kannst in allem einen Dienst an der Menschheit sehen und Dein Tun als einen Übungsweg ansehen. Schon wird alles Teil Deines spirituellen Übens und Lebens.

Das mag nicht immer leicht sein und man verliert solche Sichtweisen gerne, wenn man ganz im Geschehen eingewoben ist. Aber auch das ist ja ein Üben, ein Weg, der nicht allein davon lebt, dass ich etwas schaffe, sondern dass ich voranschreite.

Fokussierung


Ein wesentlicher Teil spirituellen Lebens geschieht durch Fokussierung, das heißt, dass ich meine Aufmerksamkeit auf etwas lenke. Wenn bei einer Messfeier die Gaben empor gehoben werden, dann ist das eine Fokussierung der Aufmerksamkeit der Anwesenden. Wenn ich vor dem Mittagesse bete, dann fokussiere ich mich vor dem Essen auf Gott hin, wenn ich eine Yoga-Übung mache, dann fokussiere ich mich auf diese Übung, auf einen bestimmten Teil meines Körpers.

Spiritualität fokussiert uns vor allem nach innen - siehe Meditation, Rosenkranz etc. Und damit ist nicht allein eine Fokussierung auf die eigene Psyche gemeint, sondern auf die geistige Ebene natürlich.

Zerstreuung hat in der Spiritualität keinen Platz - auch wenn wir dennoch manchmal zerstreut werden und Zerstreuung suchen. Der Spiritualität geht es ja gerade darum, dass wir unser ganzes Leben auf Gott und unser Inneres fokussiert bleiben.

Absichtslosigkeit


Spirituelles Üben hat nicht das Ziel, dass ich am Ende etwas besser kann als alle anderen, dass ich schöne Bilder male, vollendet runde Kreise, dass ich durch Yoga zu einem Schlangenmenschen werde etc. Der Geist braucht zwar eine Ausrichtung (und damit eine Absicht), aber diese Ausrichtung ist nicht auf ein äußeres Vermögen gerichtet, sondern allein auf den Fortschritt auf dem Weg. Es braucht die absichtslose Absicht. Wie beim Bogenschützen. Er zielt das Ziel genau an, aber wenn er nur beim Zielen bleibt und nicht selbst auch das Ziel noch loslässt, wird er das Ziel nicht treffen. Er muss zielen ohne zu zielen. Dieses Paradox gilt es zu verstehen und genau hier ist oft das Missverständnis und beginnt der Irrtum mancher. Dann werden doch wieder Pläne gemacht, dann werden Fertigkeiten ins Zentrum gerückt und gute Absichten formuliert. 

Erst, wenn Du das Ziel ansteuerst und dann loslässt, wirst Du treffen - und zwar im übertragenen Sinne: Dich selbst!
Und um nichts anderes geht es!

Das waren nur ein paar Aspekte meiner grundlegenden Gedanken, wie Spiritualität als Reifungsweg aussehen kann und welche Grundvollzüge dabei wichtig sind. Es fehlt noch einiges, aber das würde an dieser Stelle zu weit führen.

  • Avatar Lydie sagt:

    Danke, sehr schöner, einleuchtender und inspirierender Text…

  • Avatar Ursel sagt:

    Die Einstellung zu den Dingen ändern….. hat in letzter Zeit schon mehrfach geholfen. So lapidare Dinge wie“ ich habe keine Lust zum Hausputz“ kann wunderbar in „jetzt mache ich das wieder fein gemütlich“ geändert werden. Oder: O man… dieser schöne Aufenthalt ist schon wieder beendet, traurig, dass ich wieder zurück muss in: Wie schön, dass ich diesen Aufenthalt erleben durfte, aber jetzt ziehe ich meine Lebensspur wieder zu Hause, und das ist gut so.
    Langsamkeit…. bewusste Schrittte -Handlungen- , sind erfahrungsgemäss ein (lebens)wichtiger Schritt zur inneren Ruhe…..
    Danke für den Beitrag