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Ich bin ein großer Freund der Romantik. Fast könnte man sagen: ein Fan. Die Texte von Schlegel, Hölderlin, Arndt und die wunderbaren Gedichte Eichendorffs haben für mich eine ganz eigene Kraft.

Das liegt nicht nur daran, dass sie schön klingen oder sprachlich so reich sind. Es liegt auch an der Haltung, die in ihnen steckt. Die Romantiker lebten in einer Zeit, in der sich Gesellschaft und Wirtschaft grundlegend veränderten. Sie spürten: Das kann doch nicht alles sein. Das darf nicht alles sein. Wohin führt es, wenn alles nur noch nach Nutzen, Leistung und Verwertbarkeit beurteilt wird?

Ihre Antwort war keine bloße Flucht aus der Welt. Sie war eine Gegenbewegung. Eine Bewegung zurück zu Natur, Herkunft, Tiefe, Geheimnis und Poesie. Eine Bewegung gegen die Entfremdung von uns selbst und von unseren Wurzeln.


Die Romantik war mehr als schöne Gefühle

Wenn wir heute von Romantik sprechen, denken viele an Kerzenlicht, Liebesbriefe oder ein schönes Abendessen. Das ist nicht falsch, aber es trifft den Kern der historischen Romantik kaum.

Die Romantik war voller Energie, Ideen und geistiger Aufbruchskraft. Viele junge Menschen schlossen sich ihr an. Es gab sogar Gruppen, die durch Deutschland pilgerten, von Ort zu Ort zogen und ihre Haltung weitertrugen. Nicht unbedingt als Missionare mit fertigen Antworten, sondern indem sie da waren, miteinander lebten, Natur suchten und einen anderen Blick auf die Welt einübten.

Diese Bewegung schätzte den Wald, die Landschaft, das Natürliche und auch das, was aus einem Volk selbst hervorgeht: Geschichten, Lieder, Märchen, Bilder und Überlieferungen. Der Begriff des Völkischen ist heute zurecht belastet und problematisch. Gemeint war in diesem Zusammenhang zunächst etwas anderes: das nicht künstlich Hergestellte, das Gewachsene, das von Menschen über Generationen weitergetragen wurde.

Märchen etwa wurden nicht einfach von einer einzelnen Person erfunden. Sie sind gewachsen. Generationen haben sie erzählt, verändert, bewahrt und weitergegeben. In ihnen liegt etwas Kollektives, etwas, das aus einer tieferen gemeinsamen Seele hervorkommt.

Gerade diese Wertschätzung ist für mich ein wichtiger Kern der Romantik: zu achten, was uns aus einer Tiefe geschenkt wird, die größer ist als unser persönlicher Nutzen und größer als das, was wir technisch herstellen können.


Novalis: Ein Romantiker, der nicht ins Klischee passt

Eine besondere Rolle spielt dabei Novalis. Er war kein Mensch, der weit durch die Welt gereist wäre. Abgesehen von seinen Studien hielt er sich überwiegend in seiner Heimat auf. Er arbeitete im Bergbau, beschäftigte sich mit technischen und handwerklichen Dingen und war als Ingenieur tätig.

Das allein macht schon deutlich, wie wenig die Romantik mit bloßer Weltflucht zu tun hat. Novalis war nicht einfach ein träumender Dichter fernab der Wirklichkeit. Er kannte Arbeit, Technik, Material und die Anforderungen des Alltags.

Gleichzeitig war er einer der großen Romantiker, vielleicht gerade weil er die Tiefe im Gewöhnlichen suchen konnte. Auch zu seiner Zeit wurde er nicht immer verstanden. Seine frühen Vorträge lösten selbst unter Menschen, die sich der romantischen Bewegung verbunden fühlten, Irritationen aus.

Novalis ging es nicht darum, die Realität zu verschönern oder sich in Fantasien zu verlieren. Sein Anliegen war viel radikaler: die Welt zu romantisieren.


Was es heißt, die Welt zu romantisieren

Novalis beschreibt dieses Romantisieren als eine Verwandlung des Blicks. Dem Gemeinen soll ein hoher Sinn gegeben werden. Das Gewöhnliche soll ein geheimnisvolles Ansehen erhalten. Das Bekannte soll wieder die Würde des Unbekannten bekommen. Und im Endlichen soll ein unendlicher Schein aufleuchten.

Das ist kein Programm zur Verklärung der Wirklichkeit. Es bedeutet nicht, Probleme zu leugnen oder alles schönzureden. Es bedeutet, nicht bei der bloßen Oberfläche stehenzubleiben.

Wir leben in einer Zeit, in der fast alles sofort nach seinem Nutzen gefragt wird:

  • Was bringt mir das?
  • Wie kann mir das dienen?
  • Wie effizient ist das?
  • Welchen wirtschaftlichen Wert hat es?

Dieser Blick ist nicht immer falsch. Natürlich müssen wir handeln, planen und mit Ressourcen verantwortlich umgehen. Aber wenn der Nutzen zum einzigen Maßstab wird, verliert die Welt ihre Tiefe. Dann wird Natur bloß noch zum Rohstofflager. Dann wird der Mensch bloß noch zur Leistungsmaschine. Dann wird alles, was uns umgibt, zu einem Ding.

Die romantische Haltung setzt hier an. Sie sagt: Das Einfache ist nicht einfach nur einfach. Das Alltägliche ist nicht bloß Routine. Das, was wir zu kennen meinen, ist nicht vollständig erklärt, nur weil wir es wissenschaftlich beschreiben können.


Den hohen Sinn im Gemeinen entdecken

Im Gemeinen einen hohen Sinn zu sehen, kann zunächst ungewohnt sein. Was ist für dich gemein, alltäglich oder belanglos? Vielleicht der Weg zur Arbeit. Das Abwaschen. Ein Baum vor dem Fenster. Die Stimme eines vertrauten Menschen. Ein stiller Morgen. Ein Handgriff, den du jeden Tag machst.

Die Einladung besteht darin, nicht achtlos darüber hinwegzugehen. Das Gewöhnliche kann eine Würde haben, die wir im schnellen, nützlichen Denken übersehen.

Ein hoher Sinn muss dabei nicht bedeuten, dass wir auf alles sofort eine große Erklärung finden. Es kann schon genügen, wahrzunehmen: Das hier ist gegeben. Es ist da. Es trägt mich. Es ist nicht selbstverständlich.


Das Geheimnisvolle im Gewöhnlichen sehen

Das Gewöhnliche hat ein geheimnisvolles Ansehen. Dieser Gedanke widerspricht unserer Gewohnheit, alles rasch einzuordnen. Wir sehen etwas, geben ihm einen Namen und meinen, es verstanden zu haben.

Aber ein Name ist nicht das Ganze. Eine Erklärung ist nicht die ganze Wirklichkeit. Ein Baum bleibt mehr als seine biologische Beschreibung. Ein Mensch bleibt mehr als seine Eigenschaften, seine Funktion oder seine Leistung. Ein vertrauter Ort bleibt mehr als ein Punkt auf einer Karte.

Romantisieren heißt, wieder offen zu werden für dieses Mehr. Nicht naiv, nicht gegen die Vernunft, sondern mit der Bereitschaft, dass die Dinge ein Geheimnis bewahren dürfen.


Dem Bekannten die Würde des Unbekannten zurückgeben

Wir meinen heute vieles zu verstehen. Wissenschaft und Technik haben uns unendlich viel Wissen eröffnet. Das ist kostbar. Aber Wissen kann auch in die Versuchung führen, alles für verfügbar zu halten.

Novalis erinnert daran, dass selbst im Bekannten immer noch Unbekanntes wohnt. Und dieses Unbekannte besitzt Würde. Es darf uns Grenzen zeigen. Es darf Staunen hervorrufen. Es darf uns demütig machen.

Vielleicht beginnt ein anderer Umgang mit der Welt genau dort: nicht alles sofort beherrschen zu wollen. Nicht alles auf seine Funktion zu reduzieren. Nicht alles nur unter der Frage zu betrachten, wie es uns dienen kann.


Den unendlichen Schein im Endlichen wahrnehmen

Wir begegnen überall dem Endlichen. Dinge vergehen. Menschen altern. Tage beginnen und enden. Jahreszeiten wechseln. Alles hat seine Grenze.

Und doch kann gerade im Endlichen etwas Unendliches aufscheinen. Ein Gedicht. Ein Blick in den Wald. Ein Lied. Eine Erinnerung. Ein Moment echter Nähe. All das ist begrenzt und flüchtig, aber es kann auf etwas hinweisen, das größer ist als der Moment selbst.

Das ist kein billiger Trost. Es ist eine andere Art zu sehen. Die Endlichkeit wird nicht aufgehoben, aber sie wird durchlässig für Tiefe, Sinn und Geheimnis.


Ein romantisches Übungsprogramm für eine Woche

Man könnte diesen Gedanken von Novalis fast als ein kleines Programm für Exerzitien nehmen. Nicht als Theorie, die man einmal schön findet und dann vergisst, sondern als Übung für den eigenen Blick.

Du könntest dir für jeden Tag einen Gedanken vornehmen:

  1. Suche im Gemeinen einen hohen Sinn. Achte auf das, was dir alltäglich und unscheinbar vorkommt. Frage nicht zuerst nach seinem Nutzen, sondern danach, was darin wertvoll sein könnte.
  2. Entdecke im Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen. Nimm dir etwas Vertrautes vor und begegne ihm, als würdest du es zum ersten Mal sehen.
  3. Gib dem Bekannten die Würde des Unbekannten. Erinnere dich daran, dass du einen Menschen, einen Ort oder ein Lebewesen niemals vollständig besitzt oder erklärst.
  4. Sieh im Endlichen einen unendlichen Schein. Achte auf einen kurzen, begrenzten Moment, der dennoch eine große Tiefe in sich trägt.

Man kann diese Übung weiterführen, wiederholen und vertiefen. Es geht darum, sich selbst zu bilden, sich selbst zu erziehen und anders sehen zu lernen.


Weg von Dinglichkeit, Nutzen und Kapitaldenken

Wir brauchen heute keine Kopie der Romantik des 19. Jahrhunderts. Das wäre unmöglich und vermutlich auch nicht wünschenswert. Unsere Zeit ist eine andere. Unsere Herausforderungen sind andere.

Aber das tiefere Anliegen der Romantik ist erstaunlich aktuell. Wir brauchen einen Weg heraus aus der reinen Dinglichkeit. Heraus aus dem Gedanken, dass alles einen Preis haben, Leistung bringen oder wirtschaftlich verwertbar sein muss.

Es geht nicht darum, Vernunft, Wissenschaft oder Technik abzulehnen. Es geht darum, sie nicht zum einzigen Horizont zu machen. Wir dürfen wieder romantisch denken, im tiefen Sinn dieses Wortes.

Romantiker oder Romantikerin zu werden heißt dann: die Welt nicht nur zu benutzen, sondern ihr zu begegnen. Das Einfache zu ehren. Die Natur nicht nur als Material für Wünsche zu behandeln. Das Geheimnis nicht als Mangel an Wissen abzutun, sondern als Würde anzuerkennen.

Vielleicht ist genau jetzt die Zeit, die Welt wieder zu romantisieren. Es würde uns selbst guttun. Und dieser Welt ebenso.

Für die kommende Woche wünsche ich dir den Mut, wenigstens einen Teil dieses Blicks mitzunehmen: im Gemeinen Sinn zu entdecken, im Gewöhnlichen Geheimnis zu sehen und im Endlichen einen Schimmer des Unendlichen wahrzunehmen.

David Damberg


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