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Weitere InformationenIch habe mir für heute ein Thema vorgenommen, das uns allen eigentlich total vertraut ist, das aber oft so eine schwere, fast schon ein bisschen staubige Note hat. Es geht um das Mitgefühl.
Wenn wir über Mitgefühl sprechen, dann landen wir ganz oft sofort in der Moral. Wir landen bei der Frage: Was soll ich tun? Was muss ich tun? Wie muss ich sein, um ein guter Mensch zu sein? Und genau da möchte ich heute mit dir mal ganz anders ansetzen.
Das Christentum hat eine wahnsinnig lange Geschichte, 2000 Jahre, und in dieser Zeit wurde unglaublich viel moralisiert. Es wurde alles in Kategorien von Richtig und Falsch gepresst, in Gebote und Verbote. Du sollst dies, du musst jenes. Wir merken in unserer heutigen Zeit, in unserer Gesellschaft, dass das nicht mehr wirklich zieht. Diese moralischen Zeigefinger – „Der liebe Gott will, dass du brav bist“ – lösen bei den meisten Menschen keine positive Resonanz mehr aus. Es überzeugt einfach nicht mehr.
Das ist verständlich. Wer will schon ständig gesagt bekommen, was er zu tun hat, nur damit er am Ende als moralisch wertvoll gilt?
Moral als Lehre vom guten Leben
Dabei ist Moral an sich nichts Schlechtes. Ganz im Gegenteil. Eigentlich ist Moral die Lehre vom guten Leben. Es ist die Frage: Wie kann ich gut leben? Für mich selbst und natürlich auch mit den anderen zusammen. Das ist eine der aktuellsten und zentralsten Fragen überhaupt.
Aber wenn wir das alles immer nur mit diesem harten Anspruch versehen, mit diesem „Du musst“, dann wird es toxisch. Es engt uns ein, statt uns zu befreien. Es fühlt sich eher wie eine Last an, die wir mit uns herumschleppen, als wie eine Kraft, die uns beflügelt. Vielleicht ist das in Extremsituationen, wo es um Leben und Tod geht, noch mal anders, um jemanden davon abzuhalten, etwas Schreckliches zu tun. Aber für unser ganz normales, alltägliches Leben hilft uns dieser moralische Druck oft nicht weiter. Er blockiert uns eher.
Und das gilt eben auch für das Mitgefühl. Wir alle wissen: Mitgefühl ist gut. Das wird in unserer Gesellschaft kaum hinterfragt. Es gilt als wertvoll, als edel. Aber wenn wir ehrlich sind, betrachten wir Mitgefühl meistens nur einseitig. Wir denken: Ich schenke jemandem Mitgefühl, und der andere hat dann etwas davon. Er fühlt sich gesehen, er fühlt sich angenommen, vielleicht ein bisschen getröstet. Das ist wunderbar und wichtig.
Aber die entscheidende Frage ist doch: Hat Mitgefühl auch etwas mit mir zu tun? Mit mir, der ich dieses Mitgefühl übe und verschenke? Hat Mitgefühl eine spirituelle Ebene, die meine eigene innere Welt verändert?
Ein Blick zum Buddhismus
Ich schaue da manchmal ganz gern zum Buddhismus rüber. Da werden viele Dinge ganz ähnlich gesehen wie bei uns, aber oft ohne diesen moralischen Beigeschmack. Da wird Mitgefühl nicht gefordert, weil es irgendeine Regel so will, sondern weil es begründet wird. Es wird gesagt: Tu das, übe dich darin, weil es dich öffnet, weil es dir hilft für dein eigenes spirituelle Leben.
Es ist eine ganz sachliche, fast schon praktische Begründung. Es ist eine Übung, die gut für dich ist. Ich glaube, genau deshalb finden viele Menschen diesen Ansatz so attraktiv. Er befreit uns von diesem Bravsein-Müssen und führt uns hin zu einer inneren Logik des Wachstums.
Die Weite in unserem Gehirn
Wenn wir uns das mal genauer anschauen, auch von der wissenschaftlichen Seite, dann wird es richtig spannend. Wir wissen heute, dass unser Gehirn verschiedene Areale hat, die für ganz unterschiedliche Zustände zuständig sind. Man kann das grob in vier Bereiche unterteilen. Und hier kommt das Mitgefühl ins Spiel.
Mitgefühl ist wie ein Tor. Es ist ein Türöffner für ein ganz bestimmtes Areal in uns, in unserem Gehirn. Und gleichzeitig ist es ein Hinweis darauf, dass wir uns bereits in diesem Bereich befinden.
- Es ist das Areal, das für die Weite zuständig ist.
- Für die Großzügigkeit, für die Liebe, für die Weisheit.
- Das ist der Ort in uns, wo auch Schönheit, Kunst und Lyrik zu Hause sind.
Wenn du Mitgefühl übst, dann öffnest du dieses Tor. Du trittst ein in einen Raum, in dem dein inneres Erleben plötzlich ganz anders wird. Du kommst in Kontakt mit Qualitäten, die dich über dein kleines, oft ängstliches Ego hinausheben.
In diesem Bereich gewinnt deine Spiritualität an Weite. Da geht es nicht mehr um restriktive Regeln, nicht mehr um den ständigen Wunsch nach eindeutiger Klarheit, die ja meistens nur aus Angst geboren wird. Wer im Mitgefühl ist, wer in diesem weiten Areal seines Gehirns und seines Herzens verweilt, der spürt weniger Angst. Er entwickelt ein tieferes Vertrauen in das Leben.
Du merkst plötzlich, dass du mehr geben kannst, als du vielleicht im Moment empfängst, und dass dich das nicht schwächt. Im Gegenteil: Es macht dich reich. Das ist das eigentliche Geheimnis hinter dem Mitgefühl. Es ist gut für deinen Nächsten, klar. Er wird durch deine Freundlichkeit und deine Wahrnehmung gestärkt. Aber es ist eben auch unendlich gut für dich selbst. Es hilft dir, in deine eigene spirituelle Weite zu kommen. Es befreit dich aus der Enge deiner eigenen Sorgen und deiner eigenen Selbstbezogenheit.
Das „Du darfst“ statt des „Du musst“
Weißt du, ich glaube, vielleicht hat Jesus das damals genau so gemeint. Natürlich konnte er nichts von Gehirnphysiologie wissen, aber er hatte ein tiefes Gespür dafür, was den Menschen innerlich verwandelt. Wenn er von Barmherzigkeit spricht – was ja eigentlich nur ein anderes Wort für ein tiefes, aktives Mitgefühl ist –, dann meint er damit nicht, dass wir jetzt alle brav und nett sein sollen, weil der liebe Gott das so will.
Nein, er zeigt uns ein Übungsfeld. Er sagt uns: Wenn du barmherzig bist, dann öffnest du in dir selbst einen Raum der Freiheit. Es geht darum, immer wieder dieses Tor zu öffnen, das uns hineinführt in die Weite und in die Verbindung mit allem, was ist.
Es ist also kein „Du musst“, sondern ein „Du darfst“.
Du darfst und du kannst dieses Tor öffnen. Du darfst dich in diese Weite begeben. Und jedes Mal, wenn du einem anderen Menschen, einem Tier oder vielleicht sogar dir selbst gegenüber echtes Mitgefühl zeigst, dann trainierst du diesen inneren Muskel. Du gewöhnst dich an diese Weite. Mit der Zeit verändert das deine ganze Ausstrahlung, dein ganzes Sein. Du wirst zu einem Menschen, der nicht aus dem Mangel heraus lebt und ständig schauen muss, dass er genug bekommt, sondern du lebst aus einer Fülle heraus, die einfach da ist, weil du den Zugang zu ihr gefunden hast.
Ein Versuch für die kommenden Tage
Vielleicht magst du das in den nächsten Tagen einfach mal ausprobieren. Achte mal darauf, wann sich dein Herz eng macht, wann du in den Modus von Urteil und moralischer Härte gehst. Und dann schau mal, ob du stattdessen ganz bewusst dieses Tor des Mitgefühls einen Spalt weit öffnen kannst.
Nicht weil du musst, sondern weil du neugierig bist, was es mit dir macht. Weil du spüren willst, wie sich diese Weite anfühlt. Ich bin mir sicher, du wirst merken, dass sich dein Blick auf die Welt und auf dich selbst dadurch verändert. Es macht das Leben weicher, freundlicher und am Ende auch viel sinnhafter.
Ich wünsche dir, dass du in dieser Woche viele solche Momente erlebst, in denen du dieses Tor weit aufstoßen kannst. Dass du die Weite in dir spürst und merkst, wie gut es tut, einfach mal barmherzig zu sein. Mit den anderen und ganz besonders auch mit dir selbst.

