Es gibt Momente, in denen ich merke: Ich leide an unserem Land. An Wahlergebnissen, aber auch an der Art, wie wir miteinander umgehen. An fehlender Fürsorge. Und an dem Eindruck, dass selbst kleine Regeln, die unser Zusammenleben tragen, immer weniger selbstverständlich eingehalten werden.
Vielleicht kennst du dieses Gefühl. Du bist diesem Land verbunden, magst die Menschen und siehst seine Möglichkeiten. Gerade deshalb schmerzt es, wenn etwas verloren zu gehen scheint. Wie lässt sich mit diesem Schmerz leben, ohne bitter zu werden oder sich ganz zurückzuziehen?
Für mich haben sich einige Antworten herausgebildet: dranbleiben, mich schützen, Veränderung zulassen und nach dem tieferen Geheimnis suchen, das uns verbindet.
Was mir fehlt, ist der Respekt füreinander
Manchmal fällt mir die Veränderung an ganz alltäglichen Dingen auf. Etwa daran, mit welcher Selbstverständlichkeit Autos über rote Ampeln fahren. In meiner Wahrnehmung war das früher nicht in dieser Weise üblich.
Ich möchte die Vergangenheit nicht verklären. Früher war nicht alles besser. Trotzdem halte ich es für wichtig, wahrzunehmen, wenn sich etwas verändert, und ehrlich zu benennen, was das mit uns macht.
Ich habe mich oft über dieses Land gefreut: über sein Potenzial, seine Fähigkeiten, über das, was sich entwickelt hat, und über die Menschen, die hier leben. Auch die Genauigkeit und Pünktlichkeit, die uns nachgesagt werden, bedeuten mir etwas. Für mich sind das keine bloßen Nebensächlichkeiten.
Verlässlichkeit ist eine Form von Respekt. Wenn ich pünktlich bin, nehme ich die Zeit des anderen ernst. Wenn ich gemeinsame Regeln beachte, berücksichtige ich, dass ich nicht allein lebe. Diesen Respekt vermisse ich manchmal.
Vermutlich würde es mir in manchen anderen Ländern ähnlich gehen. Polarisierung und ein schwieriger Umgang miteinander sind nicht allein unser Thema. Aber mein Leben findet hier statt. Deshalb stellt sich mir hier die Frage, wie ich damit umgehen kann.
1. Dranbleiben: Verbundenheit statt Resignation
Auswandern ist für mich keine Antwort. Es steht nicht an und entspricht auch nicht meiner Art. Als Benediktiner habe ich das Gelübde der Stabilitas abgelegt. Darin liegt für mich mehr als die Vorstellung, irgendwie stabil zu sein. Es bedeutet: bleiben, nicht einfach weggehen, dranbleiben.
Dieses Bleiben ist kein Wegsehen. Es bedeutet nicht, den Kopf in den Sand zu stecken. Im Gegenteil: Ich möchte bewusst und achtsam da sein, auch wenn mir manches schwerfällt.
Das ist meine erste Antwort auf das Leiden am eigenen Land. Ich möchte mit diesem Land sein und bleiben, ohne daran zu verzagen. Resignation hilft niemandem. Gerade jetzt ist es wichtig, mich weiterhin als Teil des Ganzen zu verstehen.
Verbundenheit heißt dabei nicht, alles gutzuheißen. Ich kann Entwicklungen kritisch sehen und trotzdem sagen: Ich gehöre dazu. Ich bin nicht nur jemand, der von außen urteilt.
2. Mich schützen: Nicht jede Nachricht muss zu mir
Zum Dranbleiben gehört für mich auch eine Grenze. Ich darf mich schützen. Verbunden zu bleiben verlangt nicht, dass ich jede Nachricht aufnehme und jede neue Aufregung mittrage.
Ich habe schon lange aufgehört, ständig Nachrichten zu hören. Einmal am Tag verschaffe ich mir kurz einen Überblick. Mehr möchte ich gewöhnlich nicht erfahren, es sei denn, etwas Dramatisches oder Besonderes ist geschehen.
Das Wesentliche bekomme ich auf diese Weise mit. Die dauernde Beschäftigung mit allem, was passiert, tut mir dagegen nicht gut. Und sie hilft mir auch nicht.
Für mich gehören deshalb zwei Dinge zusammen:
- Ich bleibe verbunden mit den Menschen und dem Land, in dem ich lebe.
- Ich begrenze die Nachrichtenmenge, die ich an mich heranlasse.
Das ist kein Widerspruch. Ich muss nicht alles wissen, um aufmerksam und verantwortlich da zu sein.
3. Veränderung zulassen, auch wenn sie mir nicht gefällt
Ein weiterer Schritt fällt vielleicht besonders schwer: Ich darf diesem Land erlauben, sich zu verändern.
Es darf anders werden, auch wenn sich dieses Anderswerden für mich nicht wie eine Verbesserung anfühlt. Andere Menschen erleben dieselben Entwicklungen womöglich anders. Was mich schmerzt, mag für manche eine positive Veränderung sein.
Das bedeutet nicht, dass ich meine Haltung aufgeben muss. Ich darf benennen, was mir fehlt. Aber meine Vorstellung davon, wie dieses Land sein sollte, ist nicht die einzige.
Verbundenheit muss auch dort möglich bleiben, wo die Wirklichkeit meinen Wünschen nicht entspricht.
4. Das innere Geheimnis eines Landes wahrnehmen
Dann gibt es noch einen Gedanken, der mir besonders wichtig geworden ist. In der christlichen Tradition werden Länder mit Schutzheiligen verbunden. Für Deutschland hat der Erzengel Michael als Schutzpatron eine besondere Bedeutung. Vielleicht liegt darin auch eine Verbindung zum Bild des „deutschen Michel“.
Diese religiöse Vorstellung lässt sich auch weniger personifiziert betrachten: als Hinweis darauf, dass ein Land ein innerstes Geheimnis besitzt.
Bei einem Menschen sprechen wir vom Selbst, von seiner Seele oder seinem Wesen. Die Begriffe sind unterschiedlich. Gemeint ist für mich etwas, das den ganzen Menschen betrifft und sich nicht auf psychische Vorgänge oder das Geschehen im Gehirn reduzieren lässt.
In ähnlicher Weise glaube ich, dass auch die Gemeinschaft der Menschen, die hier leben, ein solches Geheimnis hat. Die christliche Tradition gibt dieser Vorstellung im Erzengel Michael eine persönliche Gestalt.
Eine Kraftquelle jenseits der täglichen Aufregung
Als Christ und als Mönch sehe ich darin eine Aufgabe: an dieses tiefere Geheimnis zu glauben und meinen Blick darauf zu richten.
So wie ich an meine Seele glaube und versuche, aus ihr zu leben, möchte ich auch das tiefere Wesen der Menschen dieses Landes wahrnehmen. Nicht nur das, was gerade laut ist, nicht nur Konflikte und Enttäuschungen.
Das verändert für mich den Blick. Wenn ich mich diesem Geheimnis zuwende, kann es stärker in den Vordergrund treten. Darin liegt eine wirkliche Kraftquelle, gerade wenn ich mich tiefer damit beschäftige.
Es ist keine Erklärung, die alle Schwierigkeiten auflöst. Aber es hilft mir, die Menschen und das Land nicht auf das zu reduzieren, worunter ich gerade leide.
Was trägt dich in deiner Verbundenheit?
Meine Antworten sind nicht für jeden dieselben. Vielleicht leidest du ähnlich an den Veränderungen in unserem Land. Vielleicht erlebst du sie ganz anders. Vielleicht hast du eigene Wege gefunden, verbunden zu bleiben.
Mich tragen das bewusste Bleiben, der Schutz vor zu vielen Nachrichten, die Bereitschaft, Veränderung zuzulassen, und der Glaube an ein Geheimnis, das uns miteinander verbindet.
Vielleicht ist das eine gute Ausrichtung für diese Woche: diesem verbindenden Geheimnis etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Nicht wegzugehen im Inneren, sondern tiefer hinzusehen.

