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Weitere InformationenMit den Verstorbenen zu leben, ist in unserer Zeit nicht mehr selbstverständlich. Wer betet noch für sie? Wer geht regelmäßig an ihre Gräber, erinnert sich an ihren Todestag oder lässt eine Messe für sie feiern? Vieles, was frühere Generationen ganz selbstverständlich gepflegt haben, verschwindet. Oft auch deshalb, weil uns der Sinn dieser Formen nicht mehr einleuchtet.
Und doch bleibt eine Frage: Können die Menschen, die vor uns gelebt haben, für unser heutiges Leben wichtig sein? Nicht nur durch das Schwere, das sie hinterlassen haben. Sondern auch durch etwas Gutes, das uns stärkt.
Es gibt nicht nur transgenerationales Trauma. Es gibt auch transgenerationalen Segen. Diesem anderen Blick auf unsere Herkunft möchte ich Raum geben.
Die Verstorbenen als Teil des Lebens
Ich bin in einem sehr katholischen, traditionellen Elternhaus aufgewachsen. Für die Verstorbenen zu beten, gehörte zu meiner Kindheit. Wir gingen regelmäßig zum Grab meiner Großeltern, die ich selbst nicht mehr kennengelernt hatte, und beteten dort das Vaterunser. An ihrem Todestag dachten wir an sie, beteten oder ließen eine Messe feiern.
Die Verstorbenen waren auf diese Weise nicht einfach verschwunden. Sie hatten einen Platz im Leben der Familie.
Auch im Kloster spielt das Totengedenken eine große Rolle. Gerade in der benediktinischen Tradition hat die Erinnerung an die Verstorbenen einen besonderen Stellenwert. Die Beziehung endet nicht einfach damit, dass jemand stirbt.
Nun bröckeln viele dieser überlieferten Formen weg. Gleichzeitig entstehen andere Zugänge. Im Schamanismus etwa wird mit Verstorbenen gearbeitet. Und wenn wir uns mit transgenerationaler Traumatisierung beschäftigen, fragen wir danach, wie Erfahrungen früherer Generationen unser Leben berühren können.
Die Formen verändern sich. Die Frage nach unserer Verbindung mit den Generationen vor uns bleibt.
Müssen wir wissen, ob Verstorbene uns aktiv helfen?
Können Verstorbene uns unterstützen? Bei dieser Frage bin ich vorsichtig. Ich kann nicht behaupten, dass sie im Himmel umhergehen und uns dann und wann zur Seite stehen. Ich möchte da nichts konstruieren und nichts als Gewissheit ausgeben, was ich nicht wissen kann.
Aber von unserer Seite aus lässt sich die Frage anders stellen: Kann es hilfreich sein, innerlich mit den Verstorbenen und den Generationen vor uns in Beziehung zu leben?
Davon bin ich überzeugt. Dafür müssen wir nicht zuerst klären, was die Verstorbenen von ihrer Seite aus tun. Wir können bei dem beginnen, was wir selbst wahrnehmen. Bei einer Beziehung, die wir innerlich aufnehmen. Bei einer Kraft, die uns im Blick auf unsere Herkunft entgegenkommt.
In unserer Familiengeschichte liegt nicht nur das Schwere
Wenn wir auf frühere Generationen schauen, suchen wir häufig nach Verletzungen. Wer hat anderen geschadet? Wo gab es Krieg, Gewalt, Terror oder Hunger? Welche Erfahrungen wirken möglicherweise bis heute nach?
Das alles gehört zu unseren Familiengeschichten. Es geht nicht darum, es zu übersehen oder schönzureden. Aber es ist eben nicht alles.
Wir können auch fragen:
- Welche Kraft kommt mir aus meiner Herkunft entgegen?
- Wo nehme ich etwas Gutes wahr, das bisher wenig Raum bekommen hat?
- Gibt es eine Qualität in meiner Familienlinie, auf die ich mich heute beziehen kann?
Vielleicht finden wir diese Kraft nicht bei den Generationen, die wir noch persönlich kennen. Zu ihnen haben wir meist ein sehr bestimmtes, oft auch widersprüchliches Verhältnis. Unsere Erinnerungen und Erfahrungen prägen, was wir in ihnen sehen können.
Dann kann es hilfreich sein, innerlich weiter zurückzugehen. Acht, neun oder zehn Generationen. In eine Zeit, an die in der Familie niemand mehr eine persönliche Erinnerung hat.
Eine innere Beziehung braucht keinen historischen Nachweis
Vielleicht spürst du bei diesem inneren Zurückgehen an einer Stelle etwas, das sich anders anfühlt. Eine Kraft, die in den späteren Generationen nicht mehr so deutlich erscheint. Etwas, zu dem du dennoch einen Zugang findest.
Du kannst dieser Wahrnehmung ein Gesicht geben. Du kannst dir einen Menschen vorstellen, einen Mann oder eine Frau, und dieses Bild als Ausdruck der Kraft verstehen, die du gerade spürst. Vielleicht bekommt dieser Mensch sogar einen Namen.
Dabei geht es nicht darum, anschließend in Kirchenbüchern nachzuweisen, dass genau diese Person existiert hat. Du musst nicht herausfinden, wie sie tatsächlich hieß, wo sie lebte und wo sie begraben wurde.
Das innere Bild ist keine historische Behauptung. Es gibt einer wahrgenommenen Qualität eine persönliche Gestalt.
Der Ausgangspunkt ist das Spüren. Du nimmst etwas wahr und gibst ihm eine Form, auf die du dich beziehen kannst. Nicht der Nachweis einer bestimmten Person steht im Mittelpunkt, sondern die Bedeutung dieser Erfahrung für dich.
So kann aus einer zunächst noch unbestimmten Empfindung eine innere Beziehung entstehen. Etwas bekommt ein Gegenüber. Du kannst dabei bleiben, dich darauf beziehen und es vielleicht als Unterstützung erleben.
Eine Übung: Den Segen der Vorfahren erkunden
Du kannst dieser Möglichkeit in Gedanken nachgehen. Nicht mit dem Anspruch, etwas Bestimmtes finden zu müssen. Sondern mit der Bereitschaft, wahrzunehmen, ob dir neben dem Bekannten auch etwas anderes begegnet.
- Gehe innerlich Generation für Generation zurück. Beginne bei deiner Familie und bewege dich gedanklich weiter in die Vergangenheit. Du darfst dabei über die Menschen hinausgehen, deren Namen und Lebensgeschichten du kennst.
- Achte auf einen Unterschied. Vielleicht bemerkst du irgendwann etwas Gutes, Positives oder überraschend Neues. Etwas, das sich von dem unterscheidet, was dir bisher begegnet ist.
- Bleibe dort einen Augenblick. Du musst nicht immer weitergehen. Verweile an dieser Stelle und erkunde, was du wahrnimmst.
- Frage nach der Qualität. Welche Kraft kommt dir entgegen? Was ist hier anders? Was berührt dich daran?
- Gib der Erfahrung bei Bedarf ein Gesicht. Ein inneres Bild eines Menschen kann dir helfen, mit dieser Qualität in Beziehung zu bleiben. Es muss keine historisch belegbare Person darstellen.
- Nimm wahr, was dich unterstützt. Frage dich, was aus diesem Erleben dein heutiges Leben bereichern könnte.
Es geht dabei nicht um eine möglichst vollständige Reise durch deine Ahnenreihe. Und auch nicht darum, eine eindrucksvolle Geschichte zu erfinden. Entscheidend ist der Moment, in dem du etwas wahrnimmst und ihm Aufmerksamkeit schenkst.
Was aus der Vergangenheit in den Alltag hineinwill
Unsere Familienlinien reichen sehr viel weiter zurück als zehn Generationen. In ihnen liegt Schweres. Aber wir müssen unsere Herkunft nicht ausschließlich unter diesem Vorzeichen betrachten.
Vielleicht ist da auch eine Kraft, die du bisher nicht beachtet hast. Eine Qualität, die dich überrascht. Etwas Gutes, auf das du dich beziehen und aus dem du für dein Leben schöpfen kannst.
Das meine ich mit transgenerationalem Segen: nicht die Verklärung der Vergangenheit, sondern die Offenheit für das Unterstützende, das wir in der Beziehung zu den Generationen vor uns erfahren können.
Die Vergangenheit enthält nicht nur das, was uns belastet. Sie kann auch zu einer Quelle von Kraft werden, die mitten in unseren Alltag hineinreicht.
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