Autor: Bruder Nikolaus

Erntedank

Am vergangenen Sonntag war das Erntedankfest. Ich hatte – wie in den letzten Jahren – die Gottesdienste in St. Joseph, weil Pfarrer Plochg in Urlaub ist. Seit einigen Jahren steht nun schon um den Erntedanksonntag herum ein Einkaufswagen vom Supermarktvor dem Altar, in den viele Menschen Konserven und andere haltbaren Lebensmittel legen, die dann an Bedürftige weitergegeben werden. Als ich heute Morgen zur Kirche ging, kam mir die Frage von Pfarrer Plochg von vor ein paar Jahren in den Sinn, über die ich nach wie vor schmunzeln muss. Die Frage lautete: „Kürbis oder Kühlschrank?“. – Ich entschied mich damals für den Kühlschrank, um einen besonderen Aufhänger für die Predigt zu haben. Erntedank in der Abtei Und ich erinnere mich noch gut an die Erntedankgottesdienste, die ich in der Abtei erlebt habe: Zelebrant war jahrelang unser Pater Reinald, der die Bauern der Umgebung eingeladen hatte, die dann nach dem Gottesdienst durch unseren Klostergarten zur Landwirtschaft gingen, um dort bei Blasmusik das ein oder andere Glas Bier zu trinken und so auf die Ernte anzustoßen. Insgesamt also …

„Höre, mein Sohn / meine Tochter!“

Vor Corona haben wir bei unseren Gottesdiensten wesentlich mehr und häufiger mehrstimmig gesungen. Dabei ist mir vor einigen Jahren aufgefallen, dass ich Schwierigkeiten hatte, meine Stimme sauber zu führen. Und nachdem Karl-Leo mir dann auch einmal gesagt hatte, dass ich unsauber singen würde – spätestens da wusste ich, dass ich zum einem HNO-Arzt gehen müsste. Dieser verordnete mir dann auch ein Hörgerät für mein rechtes Ohr. Ich erinnere mich noch gut, als ich Ende März 2018 das erste Probegerät bekommen hatte und den Laden der Akustikfachleute verließ, wie ich die Welt ganz anders wahrnahm: Ich konnte deutlich das Geräusch hören, wenn der Stoff des Ärmels sich am Rest meines Anoraks rieb;ich konnte deutlich das Knirschen des Schotters vom letzten Winterstreu unter meinen Schuhen hören;und ich konnte deutlich hören, wie laut das Parkett in unserem Refektorium knarrte. Es war ein ganz neues Lebensgefühl, weil ich vieles wieder verstehen und hören konnte, was mir schon eine geraume Zeit abhandengekommen war. Solch ein kleines Hörgerät ist schon ein Wunder und eine riesengroße Hilfe. – Einerseits! Andererseits stellt es …

Jesus war nicht einzuordnen

„Er war nicht einzuordnen, dieser Jesus aus Nazaret. Er legte die Bibel aus, aber er tat es anders als die überall tätigen Ausleger“, so schrieb der vor fünf Jahren gestorbene evangelische Theologe Jörg Zink einmal. Tatsächlich war Jesus ja kein „studierter“ Gesetzeslehrer. Und dennoch deutete er das Gesetz Gottes und legte es aus – in einer vollkommenen anderen Weise, als die Gesetzeslehrer seiner Zeit. Mehrfach sprach Jesus vom kommenden Gottesreich. Aber anders als die Propheten seiner Zeit, sagte er, dieses Gottesreich liege nicht in ferner Zukunft, sondern sei schon längst angebrochen. Jesuanische Freiheit Jesus sprach auch davon, dass wir Menschen frei seien. Aber seine Freiheitsbotschaft war eine andere als die der Zeloten, jenen religiösen Eiferer seines Landes. Auch sprach Jesus immer wieder neu von Gerechtigkeit, und meinte mit diesem Begriff etwas vollkommen anderes als die Rechtsgelehrten seiner Zeit. Jesus versuchte, seine Zeitgenossen aufzubauen, indem er sie von der Knechtschaft der Gesetzesfrömmigkeit zu befreien suchte – hinein in die Freiheit der Kinder Gottes. Und seine Botschaft gilt bis heute! Haben wir Jesus verstanden? „Was er sagte“, …

Trinitatis

– so wird der Sonntag nach Pfingsten in der evangelischen Kirche genannt – und von ihm aus werden dann die Sonntage im Kirchenjahr gezählt, bevor mit dem ersten Advent ein neues Kirchenjahr beginnt. In der römischen Tradition lautet der genaue Namen dieses Sonntags Sollemnitas Sanctissimae Trinitatis, zu Deutsch: Hochfest der allerheiligsten Dreifaltigkeit. Vor der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils hatten Hochfeste eine Oktav und der achte Tag wurde besonders begangen. Ursprünglich ist das Dreifaltigkeitsfest also der Oktavtag zu Pfingsten. Dreifaltigkeitsfest: ein Ideenfest Wie etwa Fronleichnam oder das Herz-Jesu-Fest – beides Hochfeset, die in Kürze folgen – ist das Dreifaltigkeitsfest ein sogenanntes Ideenfest. An diesen Festen feiert die Liturgie kein konkretes Heilsereignis aus dem Leben Jesu oder den besonderen Gedenktag einer oder eines Heiligen, sondern sie feiert eine Glaubenswahrheit. Bereits bei der Entstehung des Gregorianischen Chorals vor über 1.200 Jahren wurden eigene Gesänge geschaffen, die die drei göttlichen Personen zum Gegenstand haben: Beneditca sit sancta Trinitas, atque indivisa Unitas, beginnt der Introitus: „Gepiesen sei die heilige Dreifaltigkeit und ungeteilte Einheit. Lasst uns ihr danken, denn sie …

„Meinen Bogen setze ich in die Wolken.“

Vor einigen Wochen hat das Verbot der Glaubenskongregation, homosexuelle Paare zu segnen, vor allem in Deutschland hohe Wellen geschlagen. Als Reaktion auf die Meldung aus Rom tauchten gleichsam als Protest an vielen Kirchen Regenbogenfahnen auf. Diese sind ja seit den 1970-er Jahren ein internationales schwul-lesbisches Symbol. Nicht wenige Engagierte der LGBT-Gemeinde sahen darin eine Vereinnahmung „ihrer“ Fahne. Der Regenbogen Gottes Wer vor dem Portal unserer Hauskirche steht, sieht über dem stilisierten Regenbogen, der sich über beide Seiten der Tür zieht, zunächst hebräische Buchstaben: das Schema Jisrael – „Höre, Israel! Der HERR, unser Gott, der HERR ist einzig.“ (Dtn 6,4). Und unter dem Regenbogen liest man: „Das ist das Zeichen des Bundes, den ich stifte zwischen mir und euch und den lebendigen Wesen bei euch für alle kommenden Generationen: Meinen Bogen setze ich in die Wolken; er soll das Bundeszeichen sein zwischen mir und euch.“ (Gen 9,13). Dieses Bundeszeichen besiegelt nach der Sintflut den erneuten Bund Gottes mit den Menschen. So nimmt der Regenbogen als Zeichen des Friedens zwischen Mensch und Gott eine altorientalische Tradition auf, …

Da fehlt was

Am vergangenen  Wochenende haben wir das Triduum paschale, die drei österlichen Tage, gefeiert. Für unsere evangelischen Schwestern und Brüder ist der Karfreitag der höchste Feiertag im Jahr, für uns Katholiken ist es der Ostertag. Zwischen beiden Tagen liegt dieser merkwürdige Karsamstag, ein „Nicht-Tag“ quasi, an dem es neben den Tagzeitgebeten keine weitere Liturgie gibt. Es ist der Tag, an dem dieser Jesus nicht da ist. „Hinabgestiegen in das Reich des Todes“ – so beten und bekennen wir im Apostolicum. Was auch immer mit dem „Reich des Todes“ gemeint ist, Jesus ist den gleichen Weg gegangen, den auch jede und jeder einzelne von uns einmal gehen muss. Aber Jesus bleibt nicht in diesem Reich, sondern er ist „am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.“ Da fehlt was! Im Evangelium der Osternacht beschreibt Markus, dass Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome frühmorgens, nachdem der Sabbat vorüber war, zum Grab gingen, …

„Auf ihn sollt ihr hören!“

Am vergangenen Sonntag wurde das Evangelium von der Verklärung Jesu auf dem Berg Tabor vorgetragen (Mk 9,2-10). Dieses Evangelium begründet ja auch das gleichnamige Fest der Verklärung des Herrn, das wir jedes Jahr am 6. August feiern. Man kann das Geschehen auf dem Berg Tabor, der in keinem der drei synoptischen Evangelien namentlich genannt wird, sogar zeitlich einordnen: Der Perikope geht auf die Frage Jesu, wofür ihn die Jünger hielten, zunächst das Christusbekenntnis des Petrus voraus. In der alten Einheitsübersetzung lautete es: „Du bist der Messias!“; in der revidierten Fassung nun genauer: „Du bist der Christus!“ (Mk 8,29). Darauf kündet Jesus zum ersten Mal sein Leiden und seine Auferstehung an. Gerade das Christusbekenntnis deutet eine bewusste Komposition der drei Synoptiker an; denn es verweist auf die Verbindung von Jom Kippur, dem großen Versöhnungsfest – bei dem der Hohepriester im Tempel feierlich den Namen Jahwes ausspricht – und dem jüdischen Sukkot, dem Laubhüttenfest, das als einwöchiges Erntefest gefeiert wird. In diesem zeitlichen Umfeld erzählen die ersten drei Evangelisten von der Verklärung Jesu: nach dem Christusbekenntnis und …

Der Weihnachtsbaum in der guten Stube

Im Februar ein Beitrag zum Weihnachtsbaum? Nun, am 2. Februar feiert die Liturgie das Fest der Darstellung des Herrn, ein von Weihnachten abhängiges Fest. Doch dazu weiter unten mehr… Mein Vater ist in einem Dorf in der Eifel, unweit der Abtei Maria Laach, aufgewachsen. Oft sind unsere Eltern mit uns dort hingefahren, um die Großmutter und die Familie einer Schwester meines Vaters zu besuchen. Das Haus war aus robusten Bruchsteinen errichtet. Das Plumsklo befand sich in einem Verschlag neben dem Haus. Ab und an hat mein Vater Anekdoten aus seiner Kindheit erzählt. Das Familienleben fand gewöhnlich am Küchentisch statt, denn die gute Stube wurde nur zu ganz besonderen Anlässen benutzt. Und so war es, dass meine Großmutter in einem Jahr kurz vor Ostern diese herrichten wollte. Und in der Stube stand noch der Weihnachtsbaum – ziemlich skeletthaft, denn die Nadeln lagen alle auf der Erde. Die Weihnachtszeit endete am 2. Februar Bis zur Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils endete die Weihnachtszeit am 2. Februar mit dem Fest der Darstellung des Herrn, im Volksmund auch gern …

Auf ein Neues – 2.0

Das neue Jahr ist nun schon in der zweiten Woche. Und doch ist alles ganz anders als in den vergangenen Jahren… Normalerweise wären wir Brüder an Neujahr in die Abtei gefahren und hätten dort mit unseren Brüdern zusammen unsere Jahresexerzitien begangen. Unsere Exerzitien sollte eine Schwester aus der Abtei St. Hildegard begleiten. Aber dort mussten die Schwestern alle in Quarantäne weil zwei Mitarbeitende auf Covid-19 getestet worden waren. Außerdem: unsere Cella in Hannover liegt bekanntlich in der Landeshauptstadt von Niedersachsen, unsere Abtei hingegen befindet sich in Nordrhein-Westfalen: Zwei unterschiedliche Bundesländer bedeutet auch zwei unterschiedliche Verordnungen Relativ früh war daher klar, dass in der Abtei die Exerzitien in diesem Jahr als „Stille Tage“ mit einigen spirituellen Angeboten durchgeführt werden. Wir haben uns dem angeschlossen und „Stille Tage“ in der Cella verbracht.GebetszeitenWährend dieser Tage haben wir unser Stundengebet hinter verschlossenen Türen gehalten, hatten jedoch immer im Hinterkopf, dass wir mit vielen Menschen verbunden sind, die sonst unser Beten und Arbeiten teilen. Da die Infektionszahlen nach wie vor sehr hoch sind, haben wir uns auch entschlossen, ab dem 7. Januar, an dem …

Auf ein Neues…

Am vergangenen Sonntag, oder genauer gesagt, am Samstagabend mit der ersten Vesper hat ein neues Kirchenjahr begonnen. Das vergangene stand größtenteils unter dem Schatten des Corona-Virus und hat uns im ersten Lockdown ja selbst Kirchen ohne Gottesdienste erleben lassen. Vor allem das höchste Fest, Ostern, war für viele eine eigenartige Erfahrung: Eine Mitfeier der Kar- und Ostertage war, wenn überhaupt, nur per Livestream möglich. Sehr eindrücklich stehen mir noch die Bilder vom Karfreitag vor Augen, als Papst Franziskus einsam auf dem Peterplatz vor dem „Pestkreuz“ steht – im Regen. Nun können wir zwar schon eine geraume Zeit wieder Gottesdienste miteinander feiern, aber es ist so ganz anders als vorher… Auf dem Weg zur Freiheit Mit dem ersten Advent wechselt auf das Evangelium. Haben wir im vergangenen Jahr an den meisten Sonntagen Abschnitte aus dem Matthäusevangelium gehört, lesen wir in diesem Jahr in erster Linie Abschnitte aus dem Markusevangelium. Anselm Grün hat seine Auslegung des Markusevangeliums „Jesus – Weg zur Freiheit“ überschrieben. In der Einleitung schreibt er: „Das ganze Matthäusevangelium ist durchzogen von der Auseinandersetzung Jesu …