Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Weitere InformationenIch entstamme einer Generation, die direkt auf jene folgte, die Krieg und Nationalsozialismus unmittelbar durchlebt haben. Mein Vater war an den Schlachtfeldern, meine Mutter hat den Bombenhagel erfahren. Beide haben den Nationalsozialismus erlebt und haben diese Doktrin erlebt.
Meine Mutter war im Bund Deutscher Mädchen, wie fast alle Mädchen zur damaligen Zeit. Sie sind diesen Weg gegangen, geprägt durch diese Indoktrination. Wir dürfen nicht glauben, dass mit 1945 all dies einfach gelöscht war. Selbst wenn man sich dagegen sträubte und es ablegen wollte, blieben Reste im Denken und Bewusstsein, die sich bis in unsere Kinderzimmer fortsetzten.
Wir erkennen erst seit einigen Jahrzehnten, was das tatsächlich bedeutete. Ich möchte darauf hinweisen, da es vielen von uns ähnlich ergangen sein mag. Als ich mich mit diesem Thema beschäftigte, wurde mir erst klar, warum manches in meiner Familie so war. Es war nicht einfach nur der Zeitgeist, sondern es lässt sich auf die Ära des Nationalsozialismus und Faschismus zurückführen.
Das Regelwerk der kalten Erziehung
Ein Buch spielt dabei eine zentrale Rolle. Es spiegelt die Grundhaltung wider, wie Kinder damals erzogen werden sollten: „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ von Johanna Haarer. Dieses Werk wurde bis in die 70er und 80er Jahre hinein millionenfach verkauft. Es trug diese Ideologie fast unverändert in die Nachkriegszeit. Vielleicht kommen dir einige der folgenden Punkte bekannt vor – sei es aus eigener Erfahrung, aus der Anschauung oder aus den Erzählungen deiner Familie.
Ganz typisch für diesen Stil ist eine geforderte Härte oder Abhärtung. Bei einem schreienden Säugling sollte man demnach bloß nicht sofort reagieren. Warum? Um das Kind nicht zu verweichlichen. Um nicht von ihm tyrannisiert zu werden. Stattdessen sollte das Kind isoliert werden, damit es sich ausschreien konnte.
Auch ich habe genau das von meinen Eltern gehört – zwar nicht als strikte Maßgabe für mich selbst, aber als fest verankertes Gedankenmuster bei Erziehungsfragen im Umfeld. Dahinter spürt man eine wesentliche Härte. Diese Abhärtung passte perfekt zur Doktrin einer stahlharten Jugend, die gelernt hatte, jeden Schmerz stumm zu erdulden. Nicht sofort zu reagieren, wenn Kinder schreien oder sich wehtun, war ein elementarer Teil dieser Indoktrination.
Wenn Funktionieren wichtiger wird als Fühlen
Ein weiterer zentraler Punkt ist, dass das Funktionieren immer wichtiger war als das Fühlen. Emotionen mussten unterdrückt werden. Doch was passiert mit einem Menschen, der seine Gefühle systematisch wegdrückt? Nur wer Gefühle wegdrückt, ist manipulierbar. Nur wer nicht fühlt, handelt am Ende gegen eigene Prinzipien.
In einem Krieg war dies gewiss eine Überlebensstrategie, um das tagtägliche Grauen überhaupt zu ertragen. Doch diese Vorbereitung auf eine stahlharte Jugend, das blinde Funktionieren und der absolute Gehorsam waren essenziell für das System.
Auch ich kenne aus meiner eigenen Familie, besonders von meinem Vater, dass Gehorsam ein absolut zentraler Aspekt war. Gehorsam wurde nicht hinterfragt. Dazu kommt eine ausgeprägte Ordnung und eine extreme Rigidität. Die Striktheit, mit der moralische Vorstellungen durchgesetzt wurden, verquickte sich untrennbar mit einem überharten Erziehungsstil.
Die Verfestigung autoritärer Strukturen
Es entstanden autoritäre Strukturen in den Familien, die sich durch genau diese Prägung über Jahrzehnte verfestigten. Wie tief dieser Erziehungsstil in unserer Gesellschaft verwurzelt blieb, zeigt ein Blick auf die Gesetzgebung: Immerhin ist die körperliche Züchtigung in Deutschland erst im Jahre 2000 gesetzlich vollständig verboten worden. Das ist erst wenige Jahrzehnte her.
Es ist wichtig, dies zu bedenken. Es ist wichtig, sich vor Augen zu führen, denn so sind viele von uns erzogen worden. Wir haben es als normal, als selbstverständlich angenommen. Doch es ist nicht selbstverständlich; es ist aus einem faschistischen Weltbild heraus entstanden. Vielleicht ist es gerade heute wichtig, sich das wieder ganz bewusst zu machen.

