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Von der Kritikfähigkeit

Kritikfähigkeit

Von der Kritikfähigkeit

Wie sehr wünschte ich mir, unser Ordensvater hätte in einem Kapitel seiner Regel Anregungen zu diesem Thema gegeben…

Was ist Kritik? – Etymologisch gesehen, ist das Wort vorm altgriechischen Verb „krinein“ abgeleitet und bedeutet „(unter-)scheiden“, „trennen“. Objektiv betrachtet, bedeutet Kritik die Beurteilung einer Sache oder einer Handlung anhand von (eigenen) Maßstäben. Dabei unterscheidet man konstruktive, aufbauende von destruktiver, zerstörerischer Kritik. Vor der Letztgenannten warnt der heilige Benedikt immer wieder, wenn er mahnt, das „Murren“ zu unterlassen (z.B. RB 40,9 u.ö.).

Wir wissen alle, dass Kritik – auch wohlgemeinte – verletzten kann. Gerade eine unbedachte, reflexhafte Antwort auf mir gegenüber geäußerte Kritik kann noch weitaus verletzender sein.

Wie also gehe ich mit Kritik um?

Martin Werlen OSB, der unserem Konvent im Januar die Jahresexerzitien gab, gab auf diese Frage eine praktische Antwort: „In der Regel schlafe ich eine Nacht darüber, bevor ich reagiere“, sagte er. Und er erzählte uns eine anschauliche Anekdote aus seiner Zeit, in der er Abt in Einsiedeln war:

Er hatte einen Brief von einem „besorgten“ Katholiken erhalten, der ihm und der Abtei vorwarf, nicht mehr katholisch zu sein. Getreu seiner Devise „Ich schlafe erst einmal darüber“ legte er den Brief beiseite. Am anderen Tag formulierte er ein Antwortschreiben, in dem er sich für die an ihn herangetragene Kritik bedankte. Und er schrieb weiter: „Da Sie, geehrter Herr X., ein so großes Interesse an unserer Abtei zu haben scheinen, lege ich meinem Brief einen Zahlschein bei, so dass Sie uns gern mit einer Spende unterstützen können…“

Nach einer Woche rief eine Mitarbeiterin der Klosterverwaltung bei ihm an und fragte, ob er einen „Herrn X.“ kenne. Nach einigem Überlegen fiel ihm ein, dass es sich bei dem Herrn um den Absender des vorgenannten Briefes handeln müsse. Dieser, so erfuhr er aus der Klosterverwaltung,  hatte der Abtei eine Spende in Höhe von 1000 Schweizer Franken gemacht.

Am Abend rief er bei diesem Herrn an, hatte zunächst dessen Ehefrau am Telefon, die gar nicht recht glauben mochte, dass ein Abt bei ihnen anrufe. Als er dann mit dem Ehemann sprach, sagte dieser: „Ach wissen Sie, mit Ihrem Brief haben Sie mir vollkommen den Wind aus den Segeln genommen und ich konnte nicht anders, als Ihnen eine Spende zukommen zu lassen.“ (P. Martin erzählte auch, dass Herr X. inzwischen ein großen Förderer und Gönner der Abtei sei…)

Humor versus Kritik

Nun ist es nicht jedem gegeben, auf Kritik mit Humor zu reagieren. Aber vielleicht kann ich das ja trainieren: Anstatt mich beleidigt einzuigeln oder gar noch härter zurückzuschlagen, sollte ich erst einmal darüber schlafen. Dann ist es an der Zeit zu überlegen, ob die begründete Kritik nicht gerade auf Geheiß des Herrn erfolgt ist (vgl. RB 61,4). Weiter ist es dann an mir zu schauen, wie ich – vielleicht auch mit Humor – auf die Kritik antworte; denn (siehe oben) manchmal bringt dies angenehme Überraschungen mit sich…

Wie steht es mit Deiner Kritikfähigkeit?
Kannst Du Kritik zulassen?

Bruder Nikolaus

2 Kommentare

  1. Susanne sagt

    Erwischt! Das ist für mich ein ganz schwieriges Thema. Aber der Ansatz, es erstmal sacken zu lassen, ist wirklich gut und konstruktiv. Wer weiß, was aus einer sofortigen Erwiderung erwachsen wäre.

    • Bruder Nikolaus sagt

      ja, so ist es wohl: „erst mal sacken lassen“! Ich habe damit gute Erfahrungen gemacht. Nikolaus

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