Leben
Kommentare 2

Von der Achtsamkeit

Achtsamkeit

Von der Achtsamkeit…

… so könnte die Überschrift eines der Kapitel der Benediktsregel lauten; denn der heilige Benedikt schreibt im Abschnitt über den guten Eifer der Mönche: „Keiner achte auf das eigene Wohl, sondern mehr auf das des anderen.“ (RB 72,7)

Diese Erfahrung konnten am vergangenen Donnerstag unsere Gäste machen. Wir hatten zum „Klostermahl“ in unser Refektorium eingeladen: ein typisch klösterlich-schlichtes Abendessen mit Tischdiener und Tischlesung, was bedeutet, dass bei der Mahlzeit geschwiegen wurde. In der kurzen Einführung zuvor hatte Bruder David den Gästen gesagt, dass natürlich der Tischdiener dafür sorgen werde, dass alle genug zu essen und zu trinken bekämen, dass man aber auch auf seine Tischnachbarn achten und schauen solle, ob etwa jemand Butter benötigte, an die sie oder er nicht herankäme.

Ablenkung verhindert Achtsamkeit

Beim kurzen Rundgespräch nach dem abschließenden Tischgebet wurde unter anderem erwähnt, dass man gut auf das Essen hätte verzichten und sich ganz auf die Tischlesung hätte konzentrieren können. Diese Erfahrung machen die meisten Gäste, die zum ersten Mal in einem Klosterrefektorium bei Tisch sind und dort ein Buch vorgelesen hören.
Tatsächlich stellt sich im Laufe der Zeit aber eine Gewöhnung ein, so dass man beides miteinander gut verbinden kann: in Ruhe essen und zugleich der Tischlesung folgen. Es ist nach einer relativ kurzen Zeit nichts Besonderes mehr, sondern Routine: Ich kann mich auf mein eigenes Essen konzentrieren, die Tischnachbarn im Auge habe und die Lektüre aufmerksam verfolgen, erst recht wenn sie interessant ist.

Routine versus Achtsamkeit

„Aber“, so wird manch Einer einwenden, „wenn etwas zu Routine geworden ist, lässt die Achtsamkeit nach!“ – Ein Einwand, der durchaus berechtigt ist.
Tatsächlich erlebe ich das ab und an bei unseren Gottesdiensten: Die Routine, Woche für Woche die gleichen Psalmen zu singen, hat ganz viel Charme, weil ich oft gar nicht auf den gedruckten Text achten muss; denn nach vielen Jahren des gemeinsamen Betens der immer gleichen Texte, kann ich Vieles auswendig mitsingen. Und dies birgt die Gefahr in sich, dass ich unkonzentriert bin und nicht auf meine Nachbarn achte.
Da erinnere ich mich oft an meinen Noviziatsunterricht vor über dreißig Jahren. P. Michael war damals Erster Kantor in unserer Heimatabtei und als solcher für den Gesang verantwortlich. Damit verbunden war die Aufgabe, die Novizen in den Gregorianischen Choral einzuführen, der ja aus dem gesungenen Psalmengebet entstanden ist. Mehrmals hat er betont, das Choral und Psalmen zu singen in erster Linie kein aktives, sondern ein passives Tun ist: „Der Gesang des Gregorianischen Chorals und das Singen der Psalmen besteht zu 80 % aus ‚Hören‘ und nur zu 20 % aus eigenem ‚Tun‘.“

Die Routine des Alltags verlangt Achtsamkeit

Gerade in der Routine des Alltags, muss ich immer wieder auf meine Mitsänger achten und meine Stimme angleichen, dass ich nicht hinterher hinke und dass ich nicht schneller bin als meine Mitsänger. Aber auch, dass ich so voller Spannung bin, dass ich den Ton halte, oder – wenn mir das momentan nicht möglich ist – dass ich meine Stimme ganz zurücknehme.

Ist bei Dir alles Routine, oder gibt es in Deinem Leben auch viel Achtsamkeit?

Bruder Nikolaus

2 Kommentare

  1. Avatar
    Jutta sagt

    Bei dieser wesentlichen Frage ist mir ein Gedicht wieder eingefallen:

    Lauf´ nicht, geh´ langsam: Du musst nur auf dich zugehen!
    Geh´ langsam, lauf´ nicht, denn das Kind deines Ich, das ewig neugeborene,
    kann dir nicht folgen!

    Es stammt aus dem Gedichtband „Herz, stirb oder singe“ mit Gedichten von Juan Ramón Jiménez.

    Grüße von Jutta

  2. Avatar
    Heike sagt

    Ich brauche ein gewisses Maß an Routine, Übung und Sicherheit z. B. beim singen, um genug Aufmerksamkeit zum wirklichen Hören frei zu haben.
    Dann muss ich nicht mehr nur angestrengt auf die eigene Stimme und die vielleicht noch unvertrauten Töne achten, sondern habe noch genug Kapazitäten frei, wach und aufmerksam auf das zu hören, was ich zugesungen bekomme und selbst singe. Und mich flüssig (ich finde gerade kein besseres Wort) mit dem Singen der anderen auszubalancieren so gut ich kann.

    Und zugleich birgt viel Routine die Gefahr, das Eine routiniert zu tun, aber mit den Gedanken gleichzeitig woanders zu sein. Einfach weil man es kann und die Gedanken ja immer dazu neigen in der Gegend herumzustreunen.

    Ich denke, es ist wohl beim Essen mit Tischlesung und vielen anderen Dingen (Arbeit, Autofahren, Tanzen, …) ähnlich: Eine gewisse Routine und Sicherheit ermöglicht erst eine ruhige Aufmerksamkeit fürs Ganze, die ich dann aber bewusst bewahren muss.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.