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Vertraue mir!

Als Kind habe ich mit großer Freude den Film „Das Dschungelbuch“ geschaut. Die Lieder konnte ich natürlich alle auswendig mitsingen. Da waren vor allem die Lieder von Balu oder King Louie meine Hits, auch das Lied der Schlange Kaa habe ich natürlich mitgesungen: „Hör auf mich, glaube mir! Augen zu, vertraue mir.“ Auch wenn die Szene im Film eher wenig vertrauenerweckend wirkt und man Mogli wünscht, schnell wieder von dieser Schlange loszukommen, rettet sie ihn doch vor dem Tiger Shir Khan. In diesen Tagen fällt mir dieses Lied immer wieder ein, wenn ich in den Nachrichten und von vielen Politikern so viel über das Vertrauen höre.

Auch für mich gehört Vertrauen zu den wesentlichen emotionalen Grunderwartungen beim Start von gemeinsamen Initiativen und Projekten. Von daher ist das, was wir derzeit in der Politik erleben, irgendwie sehr normal:  Alle Beteiligten versichern sich immer wieder ihrer Übereinstimmung, ihrer Entschlossenheit und ihrer Verlässlichkeit für das geplante Vorhaben. Denn dadurch entsteht die erforderliche Begeisterung für gemeinsame Dinge, die dann auch durch schwere Phasen trägt.

Vertrauen ist ein Schatz

Vertrauen ermöglicht mir, stärker zu sein, als ich es allein wäre. Vertrauen führt Menschen zusammen. Es ist, als wohne diesem Gefühl eine segnende, Frieden stiftende Kraft inne. Aber: Wenn ich vertraue, entscheide ich mich auch bewusst dafür, mich verletzbar zu machen.

In extremen Situationen ist uns das ganz deutlich: Schwingt sich etwa ein Artist über eine Manege, gehalten allein von der Hand eines Partners, so tut er dies nur, weil er davon ausgeht, dass der andere sein Möglichstes geben wird. Doch wissen kann er es nicht. Er kann nur vertrauen und wählt gewissermaßen den Mittelweg zwischen Wissen und Nichtwissen, zwischen Sicherheit und Unsicherheit.

Ohne Vertrauen kann ich nicht glücklich leben

Jede Entscheidung zum Vertrauen birgt auch die Möglichkeit, zu Schaden zu kommen. Das gilt für viele Bereiche – etwa wenn man einem Partner vertraut, der einen aber betrügt; wenn man einem Politiker vertraut, der seine Versprechen anschließend nicht hält.

Die vielleicht wichtigste Funktion von Vertrauen ist die Verminderung von Auseinandersetzungen. Der Sinn vertrauensvollen Verhaltens ist ja gerade, dass Enttäuschungen und Konflikte vermieden werden. Wir können in einer Gruppe letztlich nicht überleben, wenn wir nicht den anderen Mitgliedern ein Mindestmaß an Vertrauen schenken – etwa, dass sie uns beschützen, zum Beispiel in der Familie oder auch im Kloster. Vertrauen ist ein Gefühl, das Bindungen stärkt, Harmonie und Einigkeit schafft.

Der Vertrauende gibt Kontrolle ab, er hat keinen Einfluss auf das, was passiert. Er kann nur annehmen, dass alles in seinem Sinne geschieht. Vertrauen ist also ein riskantes Gefühl. Sein Gegenspieler ist die Angst. Denn auch die kann sich entfalten, wenn wir nicht die volle Kontrolle haben.

Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser?

Da sind wir bei dem anderen Satz, dem großen Gegenspieler des „Vertraue mir“: Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser! Natürlich gibt es zu manchen Zeiten die berechtigte Wahrnehmung, einem Menschen besser nicht zu vertrauen. Und doch ist die Grundaussage, das Kontrolle besser ist als Vertrauen, zutiefst von dem Gegenspieler des Vertrauens geprägt: der Angst.

Von daher freue ich mich, wenn in der großen Politik nach Zeiten der Angst und der Verbote wieder eine Zeit des einander Vertrauens anbricht – und da möchte ich in meinem Alltag gerne mitmachen – auch wenn ich weiß, wie riskant das ist. Aber ist Vertrauen nicht dieses Risiko wert?