Glaube
Schreibe einen Kommentar

Poesie des Lebens

Poesie des Lebens

Poesie des Lebens

„Preiset, Ihr Seine Knechte, Preiset seinen Namen!“
Psalm 113

„Preiset seinen Namen!“ – Der Psalm fährt fort: „SEIN Name sei gesegnet von jetzt bis hin in die Zeit, vom Aufstrahlen der Sonne bis zu ihrer Heimkunft SEIN Name gepriesen!“
Ich habe für diesen Psalm die Übersetzung von Martin Buber (1878-1965) gewählt, dem chassidischen Philosophen des Dialogs zwischen Ich und Du, denn nur am Du werden wir zum Ich.
Das dialogische Prinzip zeigt sich in der Offenheit des Hörens und in der Veränderung, die es in uns selbst bewirkt.
Der Name Gottes hat mich fasziniert, so lange ich denken kann, so lange ich lebe. Was immer im Namen Gottes gesprochen wurde, hat Rückfragen ausgelöst: Woher weiß der andere das so genau? Mit welchem Recht beruft er sich auf den Namen Gottes? Ist hier nicht der Missbrauch des Denkens der Zwillingsbruder des Sprechens? Führt die Berufung auf Gottes Namen nicht immer wieder einmal zum Missbrauch von Macht?
Um Antwort zu finden auf solche Fragen, studierte ich 1974-1979 Theologie, in einer Zeit, die nach Aufbruch drängte. Das II.Vatikanische Konzil war noch nicht lange vergangen. Es gab Wohlstand, aber auch die Mahnzeichen einer nicht unbegrenzt verfügbaren Erde. In meiner Generation war es das Ziel, alles besser zu machen als die Alten, Krieg und soziale Ungerechtigkeit zu beseitigen, nach den Wegen zum Paradies zu suchen.
Ich habe in Rom studiert, und der Name Gottes fällt dort oft. Mich hat das dazu bewegt, in einer Studienarbeit die 99 Namen Gottes in den Psalmen zu studieren. So konnte ich sehen, wie vielgestaltig sich die Wirklichkeit Gottes zeigt, aber auch entzieht. Meine Vorsicht gegenüber allen, die vorschnell den Namen Gottes auf den Lippen führen, wuchs. Und das Paradies kam nicht.
„Preiset, Ihr seine Knechte, Preiset seinen Namen!“ Sind wir denn Knechte? Oder nicht vielmehr Erlöste, Geliebte, Suchende? Gott jedenfalls ist anders, als unser Denken es fassen kann. Wir schnitzen uns Gottesbilder nach den Bildern unserer eigenen Zeit, aber es sind Ausgeburten der eigenen Phantasie, der individuellen oder der kollektiven Sehnsucht. „Was immer wir über Gott sagen können, Gott ist anders und größer“, das steckt hinter der Vielzahl der Namen Gottes.
„Wenn Ihr von Gott redet“, so würde ich es heute sagen, „dann lobt ihn voll Begeisterung“, wohl wissend, dass Gott niemals der ist, den wir zu unseren eigenen Zwecken im Munde führen. „Gott preisen“, das heißt auch, die Schönheit der Welt sehen, nicht allein die Zerstörung, die zärtliche Liebe der Welt, nicht nur ihre Grausamkeit und Gewalt. Gottes Namen preisen, das ist das Gegenteil des Selbstmordattentäters, der in tiefer Verblendung „Allahu akbar“ ruft. Denn Gott ist ein Rätsel, ein Wunder, Anfang und Ende einer neuen Schöpfung.
Den Vers gebe ich denen mit, die allzu selbstgewiss im eigenen Leben stehen, und allen, die unter einem Übermaß an Zweifeln und Skrupeln gebeugt gehen. „Preist seinen Namen“, das ist die Poesie des Lebens. Das alles werden, können und müssen wir nicht verstehen. So ist in diesem Psalmvers auch das Verhältnis von Gott und Mensch, von Welt und Gott angesprochen: Das Ganze im Fragment und das Fragment im Ganzen.
Wäre es ein Film, so würde ich ihn nennen: „Preist Gottes Namen oder- die Poesie des Lebens!“

Poesie des Lebens

Prof. Dr. Dr. Ulrich Hemel
ist ein deutscher katholischer Theologe,
Gründer des Instituts für Sozialstrategie, Unternehmensberater,
Manager und Unternehmer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.