Dienstag nach Paris

Ich wollte heute eigentlich einen anderen Beitrag veröffentlichen, ich habe ihn auch schon fertig – aber ich kann es nicht. Mir fällt es schwer hier einfach so weiter zu machen. Klar, das Leben geht weiter und irgendwann werden wir allen zu unserem ganz “normalen” Alltagsleben zurückfinden. Vielleicht hast Du selber schon wieder zurückgefunden – jeder hat da eigene Rhythmen und Formen mit dem Schrecklichen umzugehen.

Die ersten traurigen und wütenden Emotionen liegen hinter mir – heute werde ich um 12.00 Uhr schweigen. Was aber geschieht danach, was werde ich danach mach. Klar, ich muss noch zur Post, das ein oder andere muss ich noch schreiben: das Leben geht ja weiter.
Was aber wird bleiben? Was wird sich bei mir ändern?
Angst um mein Leben habe ich nicht – das hatten die Opfer in Paris, Beirut oder sonst wo vermutlich auch nicht – bis zur besagten Stunde.
Ich kann und will mir auch nicht alle Sendungen zu dem Thema angucken. Ich bin schon hypnotisiert genug und muss eher schauen, wieder zu Verstand und Sinnen zu kommen.
Ich kann die Reaktion Frankreichs menschlich nachvollziehen: in solchen Augenblicken will man Rache.
Ich kann nachvollziehen, dass jetzt schärfere Gesetze gefordert werden, dass an den Grenzen kontrolliert wird und Geheimdienste noch größer und mächtiger werden. Nicht, dass ich das alles will und für gut heiße. Aber verstehen kann ich es.

Nein, ich will nicht den Weg der Hassprediger, der Terroristen, der Angstmacher und Skeptiker, nicht den Worten der Unglückspropheten, der Rechthaber und Rechtsextremen oder Linksextremen folgen.
Nein, ich will nicht meiner Angst zu viel Raum geben.
Nein, ich will nicht pauschalisieren – weder so noch so.
Ich will weder auf die einen noch auf die anderen schimpfen, ihnen etwas unterstellen oder ihnen gute Absichten absprechen.
Das gilt nicht für die Terroristen.

Aber auch hier: Ich verabscheue eure brutale Tat. Was um alles in der Welt hat Euch dazu bewegt, Euer junges Leben und das der anderen so einfach wegzuwerfen?
Warum geht Ihr nicht in die Kneipen und Bars, in die Konzerte und zum Fußball? Natürlich gerne gesehen seid ihr auch in Moscheen, Synagogen, Tempeln, Kirchen oder wo auch immer ihr beten und meditieren wollt. Gerne setzt Euch ein für eine Sache, die Euch wichtig ist. Solche jungen Menschen braucht es.
Aber so…..?

Ich verstehe Euch nicht! Ich kann und irgendwie will ich Euch auch nicht verstehen…

Aber etwas Schreckliches muss passiert sein, dass so junge Menschen nicht feiern, sich freuen, sich für eine gerechte Sache einsetzen, ihr Leben aufbauen, sondern in den Tod gehen und viele mitnehmen wollen.
Etwas Schreckliches muss passiert sein, dass ihr nicht an Eure Väter und Mütter, an Freunde und Zukunft dachtet, sondern einfach töten wolltet.
Etwas Schreckliches muss passiert sein, dass Ihr Euch habt einfangen lassen von einer Ideologie, einer Art des Glaubens von Menschen, die es nicht gut mit Euch meinen.

Aber bei und trotz allem:
Ich will an dem Ziel der Versöhnung festhalten,
ich will mich überall für Versöhnung einsetzen,
ich will in jedem das Antlitz Gottes erkennen,
ich will verzeihen,
ich will geben und wirken, vielleicht verborgen, unscheinbar – egal!

Das ist meine Antwort und das ist mein Auftrag als Christ. Wenn das einige für zu wenig betrachten – ich bin bereit das hinzunehmen.
Es gibt genug Hass in der Welt, den möchte ich nicht auch noch vergrößern – in keine Richtung.

Ehrlich, ich würde mich freuen von Euch dazu etwas zu lesen.

Bruder David


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Kommentare

  • Ich find den Beitrag wunderschön und schliesse mich einfach an. Ich bin der gleichen Meinung. Der Beitrag spricht mir aus vollem Herzen und der Seele. Lg Corinna Stahr

  • Hallo, Die Ereignisse machen mich wütend, traurig, hilflos, verzweifelt und besorgt. Wie kann man an einen Ort wo Menschen sich zusammenfinden um gemeinsam Fussball zu schauen, nutzen um so etwas zu planen. Es macht mich echt sprachlos…soviele unschuldige Menschen die in Restaurants usw. einen schönen Abend verbringen wollten und vielleicht mit ihrem Leben bezahlt haben. Mir gehts genauso. Ich kann es einfach nicht begreifen. Es ist UNFASSBAR…Es macht mich sprachlos und unendlich betroffen…Es dauert eine Weile bis ich wieder zur Normalität übergehen kann. Es ist klar das man seinen normalen Alltag weiterlebt, aber vergessen tut man es nicht. Ich finde die Solidarität mit der Bevölkerung von Frankreich schön und mein Mitgefühl dient den Familien von den Betroffenen…Ich würds schön finden, wenn alle jetzt noch näher zusammenrück und halten. Einen schönen Abend wünscht Corinna Stahr

    • Jetzt ist es wichtig die Angst nicht zu groß werden zu lassen und Ruhe zu bewahren. Angst ist das Ziel der Terrotisten. Ich wünsche eine ruhige und behütete Nacht!

  • ja, das sehe ich auch so…So schlimm auch alles ist und es schade ist um ein schönes Fussballspiel, erleichtert es mich doch das die Menschen wieder heile nach Hause gekommen sind und DAS FINDE ICH AM ALLERWICHTIGSTEN…

    Ich wünsche auch eine richtig schöne ruhige gute Nacht…

  • Danke, David, das hast Du sehr anschaulich und passend in Worte gefasst, was auch mir so in den letzten Tagen durch den Kopf geht und was manchmal schwer fällt, gut auszudrücken. Mir gefällt besonders gut Dein Blick auf die Menschen, die es ja sind, die zu Tätern werden – diese Worte berühren mich sehr…

  • Lieber Bruder David,
    gerade las ich Deine Zeilen, die genau das ausdrücken, was mich so bewegt. Da ich gerade an meinem Weihnachtsrundbrief sitze, fiel mir eine Zeile von Andreas Knapp in die Hände: “Warum – warum so ohne Antwort – wo ER doch das Wort ist”
    Liebe Grüße
    Sr. Teresa Benedicta

    • Liebe Schwester Teresa, vielen Dank für die Rückmeldung – allein zu wissen, das andere ebenso fühlen finde ich einen Trost in diesen dunklen Zeiten. Die Welt braucht das Licht und ein gutes Wort, das gute Wort!
      Liebe Grüße
      Bruder dDvid

  • Lieber Bruder David, danke für diese Worte, die ich jetzt schon mehrmals gelesen habe. Ich bin froh darüber, dass ich mit meinen Gefühlen und Gedanken da nicht allein stehe. Zuviel habe ich von Hass und Vergeltung gehört.
    Liebe Grüße
    Susanne Wehrmaker

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