Glaube
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Mit weitem Herzen…

Mit weitem Herzen…

… schreibt der heilige Benedikt im 6. Jahrhundert seine Ordensregel, „die sich“, wie Papst Gregor der Große im Jahr 593 in seiner Lebensbeschreibung des Ordensgründers betont, „durch die Gabe der Unterscheidung (discretio) und durch die Leuchtkraft der Rede“ auszeichnet.
Mit weitem Herzen ordnet Benedikt so das klösterliche Zusammenleben, nimmt gerade auf die Schwachen Rücksicht und sucht, keinen seiner Mönche zu überfordern.
Auf das Vorwort folgen 73 kürzere und längere Kapitel unterschiedlichen Inhalts. Auffällig ist, dass Benedikt in fast einem Fünftel seiner Regel die verschiedenen Gottesdienste im Laufe des Tags regelt, und zwar bis in kleinste Kleinigkeiten. So gibt er genau vor, in welcher Gebetszeit welche Psalmen zu singen sind. Da ist nicht viel zu spüren von der Weite des Herzens – oder vielleicht doch?

Keine starre Ordensregel, sondern viel Gestaltungsfreiheit

Schauen wir in das 18. Kapitel seiner Regel: „Wir machen ausdrücklich auf folgendes aufmerksam: Wenn jemand mit dieser Psalmenordnung nicht einverstanden ist, stelle er eine andere auf, die er für besser hält. Doch achte er unter allen Umständen darauf, dass jede Woche der ganze Psalter mit den 150 Psalmen gesungen und zu den Vigilien am Sonntag stets von vorn begonnen wird. Denn Mönche, die im Verlauf einer Woche weniger singen als den ganzen Psalter mit den üblichen Cantica, sind zu träge im Dienst, den sie gelobt haben. Lesen wir doch, dass unsere heiligen Väter in ihrem Eifer an einem einzigen Tag vollbracht haben, was wir in unserer Lauheit wenigstens in einer ganzen Woche leisten wollen.“ (Benediktsregel 18,22-25)
Aber warum soll ich in einer Woche 150 Psalmen singend beten? Und das Woche für Woche!

Die Psalmen betrachten alle menschlichen Regungen

Ich glaube, dass der Vater des abendländischen Mönchtums intuitiv gespürt hat, dass gerade der Psalmengesang etwas sehr Meditatives hat. Diese alten Gebete des Judentums, denen keine menschliche Regung fremd ist, sondern die Lobpreis und Fluch, Klage und Jubel, Freude und Dankbarkeit, Vertrauen und Bitte vor Gott zur Sprache bringen, thematisieren die geheimsten Gedanken unseres Inneren.
Dabei bedienen sie sich eines Stilmittels der orientalischen Poesie: des sogenannten „parallelismus membrorum“, des Parallellaufens von zwei Satzgliedern; denn alle Psalmen sind in Verse eingeteilt, die wiederum in Halbverse aufgeteilt sind. Dabei verdeutlicht zum Beispiel der zweite Halbvers mit gleichen oder ähnliche Worten, was im ersten Halbvers bereits ausgesagt wurde. Mit weitem Herz trete ich also betend vor Gott hin, lobe und preise, fluche und klage, bitte und danke.

Psalmengebet als Meditationsübung

Dabei kommt es im Stundengebet nicht in erster Linie auf die einzelnen Wörter an, sondern auf den Atem: Luft (der Lebensodem) fällt in mich ein, die ich – in das (Psalm-)Wort Gottes gekleidet – an Gott zurückschenke, die Restluft strömt aus, neu Luft füllt meine Lunge und auch diese schenke ich – in das Wort Gottes gekleidet – an Gott zurück. So wird aus meinem Psalmengesang eine Atemmeditation – und die macht mir das Herz weit…

Hast Du schon einmal bewusst einen Psalm (mit-)gesungen und dabei auf Deine Atmung geachtet? Hat sich dadurch in Dir etwas verändert? Bist Du ruhiger nach einem solchen Gebet?
Probier es aus und sag uns Deine Erfahrung!

Bruder Nikolaus

1 Kommentare

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    Komplett fremd war mir das Singen von Psalmen beim ersten Mal nicht, aber ich wusste nur sehr ungefähr wie das geht und musste erstmal unsicher beobachten, wie man das macht, was man tut, wo es langgeht.
    Und trotzdem hat es mich direkt bewegt. Mich wieder still gemacht. Und nicht wieder losgelassen. Dabei wollte ich doch nur mal gucken…

    Ich habe mir dann sehr bald dein Büchlein dazu gekauft. Der Satz mit dem „den Atem von Gott geschenkt bekommen und in sein Wort gekleidet zurückzuschenken“ war mir ganz wichtig.

    Das Stundengebet macht längerfristig etwas mit mir, das ich gar nicht so genau fassen kann.

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