Allgemein, Glaube, Karl-Leo
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„Höre, mein Sohn / meine Tochter!“

Vor Corona haben wir bei unseren Gottesdiensten wesentlich mehr und häufiger mehrstimmig gesungen. Dabei ist mir vor einigen Jahren aufgefallen, dass ich Schwierigkeiten hatte, meine Stimme sauber zu führen. Und nachdem Karl-Leo mir dann auch einmal gesagt hatte, dass ich unsauber singen würde – spätestens da wusste ich, dass ich zum einem HNO-Arzt gehen müsste. Dieser verordnete mir dann auch ein Hörgerät für mein rechtes Ohr.

Ich erinnere mich noch gut, als ich Ende März 2018 das erste Probegerät bekommen hatte und den Laden der Akustikfachleute verließ, wie ich die Welt ganz anders wahrnahm: Ich konnte deutlich das Geräusch hören, wenn der Stoff des Ärmels sich am Rest meines Anoraks rieb;
ich konnte deutlich das Knirschen des Schotters vom letzten Winterstreu unter meinen Schuhen hören;
und ich konnte deutlich hören, wie laut das Parkett in unserem Refektorium knarrte.

Es war ein ganz neues Lebensgefühl, weil ich vieles wieder verstehen und hören konnte, was mir schon eine geraume Zeit abhandengekommen war.

Solch ein kleines Hörgerät ist schon ein Wunder und eine riesengroße Hilfe. – Einerseits!

Andererseits stellt es oft aber auch ein Hindernis dar, weil es eben nicht nur das eine Geräusch, auf das ich mich konzentrieren möchte, verstärkt, sondern auch die vielen anderen Geräusche, die ebenfalls in der Luft klingen…

„Höre“ – das erste Wort in der Benediktsregel

Unsere Ordensregel beginnt mit dem programmatischen Satz: „Höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters, neige das Ohr deines Herzens, nimm den Zuspruch des gütigen Vaters willig an und erfülle ihn durch die Tat!“

Es ist dieser Dreischritt – höre, nimm an und erfülle – der mich zu Gott und meinem Nächsten führt – erst recht dann, wenn ich das Ohr meines Herzens neige.

Die Folgen des Nicht-Hörens

Im ersten Schöpfungsbericht heißt es, die Schöpfung, wie sie aus der Hand Gottes hervorging, war gut, ja „sehr gut“. Und vier Kapitel weiter wird die Geschichte von Kain und Abel erzählt, in der Jahwe zu Kain spricht: „Warum überläuft es dich heiß und warum senkt sich dein Blick? Ist es nicht so: Wenn du gut handelst, darfst du aufblicken; wenn du nicht gut handelst, lauert an der Tür die Sünde. Sie hat Verlangen nach dir, doch du sollst über sie herrschen.“ (Gen 4,6f)

Mit der Geschichte von Kain und Abel zeigt das erste Buch der Bibel, dass das Unglück damit beginnt, dass der Mensch das Wort Gottes nicht hören will. Ja, Er entfernt sich von Gott so weit, dass er schließlich zum Hören nicht mehr fähig ist; er wird taub, und weil er nichts mehr hört, meint er, Gott sei stumm.

Der Taubstumme im Matthäus-Evangeliums (vgl. Mt 7,31-37) ist das Symbol dieser Situation des Menschen. Zu ihm spricht Jesus das erlösende Wort: Effata – öffne dich!

Huub Oosterhuis hat dieses Evangelium in seiner unnachahmlichen Sprache verdichtet:

Hör. Doch ich kann nicht hören.
Die Ohren zugestopft.
Mein Atem abgeblockt.
Mein leeres Herz wie Blei.
Ich bin noch nicht geboren.
Ich bin nicht ich. Nicht frei.
Hör. Doch ich will nicht hören.
Würd ich dein Wort verstehen,
müsst deinen Weg ich gehen,
dir folgen hier und nun.
Fürchte, noch ungeboren,
das Leben auf dich zu.
Hör, rufst du, und ich höre,
da ist die Angst vorbei.
O Ruf durch Mark und Bein,
erweck mich aus dem Grab,
dein Mensch, aufs neu geboren –
o Zukunft, lass nicht ab.