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Herzerfüllend systemrelevant

Herzerfüllend systemrelevant

Ich bin urlaubsreif und freue mich, dass ich bis zu meinem Urlaub nur noch wenige Tage arbeiten muss. In den letzten Tagen frage ich mich aber immer häufiger: Was brauche ich denn in diesem Urlaub nach einem „Corona-Jahr“? Ein bisschen Normalität und möglichst viel wie früher? So einfach wird es vielleicht nicht sein. Was hat denn dem Leib und vor allem der Seele gefehlt in der letzten Zeit? Schließlich waren wir ja alle eingeschränkt auf die systemrelevanten Funktionen der Gesellschaft. Aber wer definiert das eigentlich? Zumindest spüre ich zunehmend in mir die Sehnsucht, die Dinge, die unsere Politiker als systemrelevant betrachten, zumindest mit all den Dingen zu ergänzen, die in meinem Leben relevant sind.

Den Himmel bessrer Zeiten mir erschlossen

Dabei denke ich häufiger an ein Lied von Franz Schubert, dass auch mehrere meiner Patient*innen gerne singen: An die Musik. Der Text stammt von Franz von Schober, einem österreichischen Dichter des neuzehnten Jahrhunderts. 

Du holde Kunst, in wieviel grauen Stunden,
Wo mich des Lebens wilder Kreis umstrickt,
Hast du mein Herz zu warmer Lieb‘ entzunden,
Hast mich in eine bessre Welt entrückt!

Oft hat ein Seufzer, deiner Harf‘ entflossen,
Ein süßer, heiliger Akkord von dir
Den Himmel bessrer Zeiten mir erschlossen,
Du holde Kunst, ich danke dir dafür!

Auch wenn der Text eine für uns altertümliche Sprache hat, passt er doch besonders gut in diese Zeit. Was entzündet in grauen Stunden mein Herz  zu warmer Liebe? Was verbindet mich mit der Freude und Hoffnung auf bessere Zeiten?

Kunst als besonderes Bindeglied unserer Gesellschaft

Ja, bei mir ist es die Musik. Wir haben in der Cella in den letzten Wochen jeden Sonntag eine(n) Musiker*in in unserem Gottesdienst gehabt, und häufiger habe ich diese auf dem Klavier begleitet. Dazu haben wir zusammen geprobt und ich habe so mit vielen unterschiedlichen Menschen gemeinsam Musik gemacht. Bis zum Beginn der Corona-Krise war das für mich etwas ganz Normales, mit dem Lockdown war es leider sehr eingeschränkt.

Kunst und Musik galten für unsere politisch Verantwortlichen nicht als systemrelevant. Anders als viele Arbeitsprozesse, der Unterricht an den Schulen oder sogar die Gottesdienste galt sie sogar als verzichtbar und wurde an vielen Orten einfach verboten, um mögliche Infektionen zu verhindern. In meinem Herzen ist das anders. Ich brauche die Kunst – bei mir ist es besonders die Musik – um meine Gedanken wieder in eine bessere Welt zu entrücken. In meinem Herzen ist sie „systemrelevant“.

Mehr als körperliche Unversehrtheit

Und dann denke ich natürlich sofort weiter: Was ist noch in meinem Herzen systemrelevant? Der Artikel 2 unseres Grundgesetzes spricht davon, dass jeder das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit hat. In den letzten Monaten ist davon fast nur noch das Recht auf körperliche Unversehrtheit übrig geblieben. Diesem Leben jenseits der körperlichen Unversehrtheit möchte ich wieder nachgehen. Das ist mein größter Wunsch für den Urlaub und die Zeit danach.

Und da klingt auch noch ein Satz aus dem Johannesevangelium mit, der für mich dadurch besonders aktuell ist: Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.

Ich wünsche Dir eine erfüllte Urlaubszeit und freue mich zu lesen, was für Dein Herz in dieser Zeit besonders relevant ist.

  • Heike sagt:

    Tatsächlich hat mir Corona sogar ein neues Instrument und auch Unterricht gebracht, das ist sehr herz- und auch hirnerfüllend.
    Und planmäßig werde ich sogar bald mit anderen zusammenzuspielen – falls uns neue Vorschriften keinen Strich durch die Rechnubg machen. Ich bin aber ganz zuversichtlich und voller Vorfreude! ❤