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„Hast Du ‘ne Macke, dann sei froh!“

In den vergangenen drei Wochen habe ich in der „Gastpriesterwohnung“ der Pfarrei St. Ludgerus auf Norderney meine Ferien verbracht und im Gegenzug die Eucharistiefeiern und einige Gesprächsangebote übernommen.

Da ich mich für Architektur interessiere, ist die katholische Pfarrei hier auf der Insel schon etwas Besonderes; denn sie hat zwei Kirchorte, die nur etwa 150 Meter voneinander entfernt sind: die neugotische Kirche St. Ludgerus von 1884 und die Bauhaus-Kirche Stella Maris, die 1930/31 nach den Plänen eines der großen Kirchenbaumeister der zwanzigsten Jahrhunderts, Dominicus Böhm, gebaut wurde und (nebenbei gesagt) die größte Kirche Ostfrieslands ist.

Der Altar mit der Macke

Während meines Aufenthalts auf der Insel lud Markus Fuhrmann, ständiger Diakon und Pfarrbeauftragter für Norderney, wöchentlich zu Kirchführungen in Stella Maris mit dem Titel „Bauhaus auf Norderney“ ein. Dabei erzählte er unter anderem von der Umgestaltung der Kirche in den Jahren von 2006 bis 2008 durch den Düsseldorfer Architekten Bruno Braun. Dieser hatte auf die ersten Entwürfe Dominicus Böhms zurückgegriffen und die „Prinzipalstücke“ – Stele für den Tabernakel, Ambo mit Osterleuchter, Vorstehersitz und Altar – in Sandstein ausgeführt.

In einem baden-württembergischen Steinbruch fand er erstklassigen, reinen Sandstein, den er vor Ort bearbeiten und dann nach Norderney bringen ließ. Die Objekte wurden gut verpackt an ihren Bestimmungsorten aufgestellt und die Verschalung entfernt.

Der Altar ist als schlichter, quadratischer Tisch gestaltet. Doch siehe: an einem der „Tischbeine“ war in der Verpackung eine Macke entstanden und ein etwa handtellergroßes Stück Stein herausgebrochen.

Man lernt nie aus…

Wenn Markus Fuhrmann auf die „Macke“ zu sprechen kommt, erzählt er von seinem Besuch im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, das eine große Anzahl an Keramiken ausstellt. Darunter auch Keramik aus Japan. Und siehe da: dort gab es auch beschädigtes Teegeschirr zu sehen, das aber sehr aufwendig „repariert“ worden ist.

„Kintsugi“ nennt man die traditionelle Reparaturmethode für Keramik. Dabei wird einer Kittmasse pulverisiertes Silber oder Gold beigemischt und damit die Keramik repariert – und deren Wert gesteigert!

Die Macke als Mehrwert

Irgendein kluger Kopf wusste wohl um „Kintsugi“ und ließ die Macke am Sandsteinaltar von Stella Maris mit Blattgold veredeln.

Der Begriff „Macke“ kommt übrigens aus dem Jiddischen (makke) und dem Hebräischen (makkä) und bedeutet „Schlag“. Übertragen auf Personen bedeutet das: Wer eine Macke hat, pflegt seine Eigenart. Bei Dingen definiert eine Macke die Beeinträchtigung der Brauchbarkeit: Was eine Macke hat, ist zweite Wahl oder defekt.

Wenn man aber an repariertes japanisches Teegeschirr denkt, kann das ja wohl nicht ganz stimmen. Und wenn ich an meine eigenen Macken denke – und diese vergolde – macht mich das doch einzigartig.

Das Gedicht von der Macke

Der im Januar dieses Jahres gestorbene Schriftsteller Josef Reding hat das in einem Kindergedicht wunderbar zum Ausdruck gebracht:

Deine Puppe fiel auf die Backe.
Jetzt hat sie ‘ne Macke
und jetzt sagst du „Kacke!“
Und: Aus ist‘s mit dem Schöngesicht!
Nun wein mal nicht!

Um Macken und Wunden,
um Narben und Schrunden,
um Dellen und Beulen
soll man nicht heulen.
In einem Puppen-Großkaufhaus
sieht eine wie die andre aus.
Doch mit ‘ner Macke irgendwo
am Kopf, am Bein oder Popo
und mit ‘nem Riss im Seidenkleid
ist sie eine Besonderheit.

Auch bei uns Menschen ist es so:
Hast du ‘ne Macke, dann sei froh,
dann kannst du hier auf Erden
kaum mehr verwechselt werden!

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