Glaube
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„Es darf wieder ruhig werden in mir.“ Gedanken zu einem Psalmvers von Regina Bäumer

Welcher Psalm-Vers gefällt Dir besonders gut?

Der Vers, der mich immer wieder beglückt ist Psalm 85,11 , ich zitiere aus der Einheitsübersetzung der Bibel
„ Es begegnen einander Huld und Treue; Gerechtigkeit und Friede küssen sich.“

Wie würdest Du den Vers in Deiner eigenen Sprache formulieren und welche Bedeutung hat der Vers für Dich persönlich?

In anderen Übersetzungen finde ich statt „Huld“ auch „Erbarmen“ (Jerusalemer Bibel) oder „Gnade“ (Kurt Marti). Huld ist eher altertümlich und man versteht es schlecht, aber ich glaube, zusammen genommen zeigen die Übersetzungen, dass etwas gemeint ist wie:
etwas das wir geschenkt bekommen und das es gut mit uns meint, was erkennt und versteht, auch die Schatten und die dunklen, unerlösten, ungewollten und ungemochten Seiten von uns.
Und das begegnet der Treue, meint, die beiden verbinden sich, tun sich zusammen! So bekommt diese Zuwendung große Verläßlichkeit und wird zu einem beglückenden Geschenk!
Ähnlich ist es mit Frieden und Gerechtigkeit – auch sie tun sich zusammen, sie werden quasi intim miteinander, zärtlich, sie verbinden sich mit einem Kuss, besiegeln die Verbindung!
Darin scheint für mich Glück auf, Sehnsucht und Verheißung: was muss das für eine wunderbare Zeit sein, welch wunderbarer „Zustand“, wenn sich Gerechtigkeit, die wir nicht machen können, um die wir uns so angestrengt bemühen müssen und die wir doch nicht erreichen, wenn diese Gerechtigkeit „auftaucht“, kommt und sich mit Frieden trifft – unvorstellbar, unerreichbar und doch so schmerzhaft vermisst.
Wie oft wünschen wir uns Gerechtigkeit, wollen vielleicht selbst mal richtig hinlangen, um für Recht und Ordnung zu sorgen oder leiden einfach nur still an all der Ungerechtigkeit in der Welt und unter uns Menschen. Wie oft und wie sehr wünschen wir uns Frieden, ringen wir um Frieden miteinander, mühen wir uns, wenigstens Streit zu vermeiden oder danach wieder friedlich miteinander zu werden! Ein Glück und ein Geschenk, wenn es gelingt, oft so vergeblich und wir bleiben hilflos zurück; und angesichts der Welt und der „Weltgeschichte“ – wie sollen wir es nur anstellen???
Und dann steht da diese Verheißung! In einem kurzen Vers, wird ein Bild kurz genannt und angerissen: Gnade und Treue begegnen sich, Gerechtigkeit und Friede küssen sich!
Alles kommt zusammen und darin wird für mich die Zusage Gottes an uns deutlich, die für jeden Einzelnen und für alle, für die ganze Schöpfung wahr werden wird: Wir sind gemeint und angesprochen, so wie wir sind, immer und in unverbrüchlicher Treue, auch wenn wir es selbst nicht mehr glauben. Und es wird Friede und Gerechtigkeit herrschen, eine „Mischung“, von der wir nur träumen können und die nur Gott wirken kann!
Das Beglückende daran erschließt sich mir in diesem Bild von der Begegnung und dem Kuss
und ich muss, will und kann es immer wieder nur wirken lassen, in mir entstehen lassen und darin seinen Trost spüren.

In welcher Lebenssituation könnte man diesen Vers jemandem an die Hand geben?

Wie mir selbst, kann das Bild Zuversicht, vielleicht Hoffnung oder Trost geben in all den Situationen, wo wir mit unserer Ohnmacht konfrontiert sind, wo wir uns hilflos und überfordert fühlen! Immer wieder erleben wir doch , dass wir hin und her gerissen sind zwischen Zuversicht und Enttäuschung, Hoffnung und Niedergeschlagenheit, Gerechtigkeitssinn und Ohnmacht! Das erleben wir in ganz privaten Situationen und das erleben wir auch in der Politik und der Gesellschaft! So ist das Leben! Und wir können es allein und mit noch so viel gutem Willen nicht ändern! Da kann man wirklich mutlos und traurig werden, oder auch zornig! Und dann kann manchmal das Bild seine Wirkung strahlen lassen – Gnade und Treue begegnen einander, Gerechtigkeit und Friede küssen sich! – und es darf wieder ruhiger werden in mir!

Angenommen, der Vers wäre der Titel eines Files – wovon würde der Film handeln?

Zu dieser Frage fällt mir bei allem Überlegen leider nichts ein!

 

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Dr. Regina Bäumer, geb. 1956
ich wohne in Münster und arbeite dort als Dozentin,
Gesprächspsychotherapeutin und Supervisorin

 

 

Foto: Max Gudczinski

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