Karl-Leo, Leben
Kommentare 9

Bitte berühren!

Bitte berühren!

Mit Feingefühl vom Handschlag zum Händchenhalten…

Wo gibt es denn so etwas, ein Schild mit der Aufforderung: „Bitte berühren“? Vielleicht auf einem Erlebnispfad im Wald oder in einem Kinderspiel. Viel häufiger begegne ich in meinem Alltag Schildern mit der gegenteiligen Aufforderung: „Bitte nicht berühren“. In unserer Gesellschaft ist die Berührung mit der Hand als Form der Begrüßung etwas ganz Normales. Üblicherweise berühren wir uns mit den Händen, mit den Handinnenflächen zur Begrüßung. Und auch bei näheren oder intimeren Formen der Begrüßung wie der Umarmung oder dem Kuss ist es üblich, dass ich zunächst mit der Hand mein Gegenüber berühre.

Muss ich mich schützen?

Die Innenflächen der Hand gehören bei uns Menschen zu den besonders differenzierten Arealen für die Sinneswahrnehmung. Im groben Bereich wird in der Berührung sofort entschieden, ob irgendeine Bedrohung vorliegen kann. Die Mediziner sprechen von der protophatischen  Wahrnehmung. Dies sind insbesondere Meldungen der Temperatur und des Schmerzes, wie bei einer heißen Herdplatte oder einem scharfen Gegenstand. Mit der Wahrnehmung kann ich entscheiden, ob ich meine Hand und meinen Körper besser schützen muss. Etwas feiner betrachtet passiert dies auch schon im Händedruck zur Begrüßung. Von vielen Menschen, die ich regelmäßig treffe, kenne ich den Händedruck. Und bei Menschen, denen ich neu begegne, ahne ich im Moment des ersten Händedrucks, ob von dieser Begegnung eher Gefahr oder eher Verbindendes ausgeht.

Feingefühl macht den Weg frei

Aber wenn meine Handinnenflächen gemeldet haben, dass ich mich nicht schützen muss, können die gleichen Areale auch viel feiner wahrnehmen. Es ist das epikritische System, das mein Feingefühl ermöglicht. Da gibt es die Meissnerschen Körperchen in der Haut, die leichte Berührungen wahrnehmen, die Pacinikörperchen, die großflächige Berührungen und den Druck wahrnehmen, weitere Zellen melden den exakten Ort und Unterschiede in der Temperatur. Wenn die Berührung etwas länger dauert, kann der Körper auf diese feine Wahrnehmung umschalten. Es beginnt eine Berührungswahrnehmung und eine Erkundungswahrnehmung, die dann viele Millionen Reize sofort ans Rückenmark und ans Gehirn weiterleitet.

Glück der Berührung

Darum passiert so viel, wenn sich zwei Menschen an den Händen halten oder „Händchen halten“, wie wir es in der Alltagssprache sagen. Leider ist diese Verniedlichungsform meiner Meinung nach nicht wirklich treffend für das, was dann alles in uns vorgeht. Auf die Länge der Zeit kommt es dabei gar nicht an. Schon wenige Augenblicke, in denen die beiden, die sich berühren, wirklich im Feingefühl sind, können ausreichen, um mit ihren Reizen den Muskeltonus und das Wohlgefühl im ganzen Körper zu verändern. Üblicherweise reduziert sich sehr schnell der Cortisolspiegel im Körper, wir fühlen uns weniger gestresst, ebenfalls wird Oxytocin freigesetzt, das manchmal gerne als Kuschelhormon bezeichnet wird und in uns das Gefühl von Glück und Geborgenheit stärkt.

Und auch wenn manche Zeichen und Berührungen sicherlich der intimen Partnerschaft vorbehalten bleiben mögen, schenkt es ganz viel Kraft im Alltag, wenn es mir gelingt, in Begegnungen an passender Stelle dieses Feingefühl meiner Hand zu ermöglichen.

Bis Weihnachten möchte ich der Kostbarkeit von Berührung in unseren Begegnungen nachgehen. Ich freue mich, von Deinen Erfahrungen mit dem Feingefühl in der Hand und allem, was daraus für Dich entsteht, zu lesen.

9 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.