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Wie soll ich Dich empfangen?

Ein Wort für „herzlich empfangen“ mit sieben Buchstaben im Kreuzworträtsel? Das ist kein wirklich schweres Rätsel und die Lösung lautet in den meisten Fällen „umarmen“. Wenn es bei dieser Frage allerdings nicht um ein schriftliches Lösungswort geht, sondern um die Art und Weise, wie ich mich verhalte, dann finde ich die Antwort zusehends schwieriger. Viele Formen und Gewohnheiten der herzlichen Begrüßung, die ich jahrelang gepflegt habe, sind in diesen Tagen der Corona-Pandemie nicht mehr angemessen. Denn gerade bei den Zeichen körperlicher Nähe und liebevoller Vertrautheit breitet sich auch das Corona-Virus besonders schnell aus.

Schmerzvolle Unsicherheit für Zeichen der Vertrautheit

Oft muss ich in diesen Tagen deshalb an das Adventslied denken: „Wie soll ich Dich empfangen und wie begegnen Dir?“. Johann Sebastian Bach hat es in der ersten Kantate seines Weihnachtsoratoriums unterlegt mit der Melodie, die wir aus einem Choral der Passionszeit kennen: „O Haupt voll Blut und Wunden“. Ursprünglich ist diese Melodie von Hans Leo Haßler sogar für ein Liebeslied komponiert: „Mein Gemüt ist mir verwirret.“ Die schmerzvolle Unsicherheit einer Begegnung ist in dieser Musik eindringlich zu erleben. Und ich erlebe sie gerade in meinem Alltag.

An ganz vielen Stellen muss ich für herzliche Begegnung, für herzliches Empfangen neue Zeichen finden. Ich spüre bei mir selber, dass ich eine gewisse Erfahrung gesammelt hatte, in unterschiedlicher Qualität Menschen die Hand zu geben, auch in unterschiedlicher Qualität Menschen in den Arm zu nehmen, sie zu umarmen – um die verschiedenen Grade von Herzlichkeit und Nähe angemessen auszudrücken. Aber wie gelingt berührungslose Herzlichkeit? Wie öffnet sich das Herz für einen Menschen, wenn ich ihm körperlich nicht so nahe kommen darf, wie ich das innerlich möchte?

Auch das Gesicht ist oft „maskiert“

Als erstes sind natürlich die Augen wichtig in der Begegnung. In den Augen unseres Gegenübers lesen und deuten wir oft die Zuneigung und Ablehnung. Leider sind auch die Augen in diesen Tagen oft in doppelter Weise eingeschränkt: Mit einem Mund-Nasen-Schutz sind meine Augen und mein Gesichtsausdruck deutlich schlechter zu erkennen. Vor allen Dingen aber stehe ich als Brillenträger relativ häufig im Nebel, kann also deutlich schlechter sehen. Diese berührungslosen Signale meines Gegenübers kann ich oft leider auch nur sehr erschwert erkennen und deuten.

Die berührende Stimme

So bleiben mir also nur die Körpersprache und die Stimme. Beides sind natürlich sehr schöne Möglichkeiten, herzliche Begegnung zu gestalten. Im übertragenen Sinne gibt es eine berührende Stimme, einen Stimmklang, der mich herzlich berühren kann. Als Stimmtherapeut arbeite ich mit Menschen an ihrem Stimmklang – allerdings meistens mit der Maßgabe, einen höheren beruflichen Erfolg zu haben. Oft habe ich in den letzten Tagen nachgedacht, wie man eine Stimme schulen müsste, damit sie herzlicher und freundlicher klingt. Die gleichmäßige Verteilung von Teiltönen, die ausbalancierten Mischungen von hellen und dunklen Klanganteilen machen unsere Stimme üblicherweise angenehm – wir sprechen dann gerne von einer warmen Stimme.

Wie könnte ich einen Menschen weihnachtlich warm empfangen mit meiner Stimme? Gäbe es ein Äquivalent zu einem Kuss auch im Klang der Stimme, in der Wahl der Worte? Unterstützt oder verstärkt durch eine Geste und Körperhaltung?

Zum Glück habe ich noch ein paar Tage Zeit zum Üben und ich hoffe sehr darauf, dass mir auch in diesem Jahr die herzlichen weihnachtlichen Begegnungen gelingen werden – und alles wirklich Corona-konform.

Und ich freue mich wieder, von Dir zu lesen oder zu hören, wie es Dir mit den herzlichen Begegnungen in den Advents- und Weihnachtstagen ergangen ist.