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Wie ist das mit dem Reich Gottes?

Welches Verhältnis unterhält das Abendland zu seiner eigenen Religion? Der französische Schriftsteller Emmanuel Carrère stellt die Gretchenfrage: In seinem Buch „Das Reich Gottes“ vertieft er sich in die Anfänge des Christentums und fragt nach der Kraft, mit der es gelang, an Dinge zu glauben, gegen die der Verstand rebelliert und eine revolutionäre Ethik zu vertreten, die den Schwachen zum Starken erklärt. Mal ironisch, mal mit dringlichem Ernst zeichnet Carrère das Fresko einer antiken Welt, die in vielen Zügen unserer heutigen ähnelt – und er begegnet dabei sich selbst.

Emmanuel Carrères Buch ist ein Bibelkrimi – aber ein besonderer: Der erste Teil umfasst autobiografische Angaben des Verfassers, die zeigen, warum er sich die Frage stellt, wie es sein kann, dass ein aufgeklärter Mensch des 21. Jahrhunderts noch gläubiger Christ sein kann.

Dann folgt die romanhafte Gegenüberstellung zweier großen Theologen des Christentums in der Beschreibung des Apostels Paulus und des Evangelisten Lukas.

Diese Gegenüberstellung haben mir die Paulusbriefe, das Lukas-Evangelium und die Apostelgeschichte neu auf lehrreich-unterhaltsame und zugleich spannende Art nahegebracht.

Gleichnisse vom Reich Gottes

Gerade im Lukas-Evangelium erzählt Jesus einige Gleichnisse, mit denen er die Dimensionen des Reiches Gottes beschreibt, so auch das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk  15,11-32), oder wie es auch genannt wird: das Gleichnis vom wiedergefundenen Vater.

Für die damaligen Zuhörer ist gerade dieses Gleichnis keine einfach Beschreibung, sondern es stecken Ungeheuerlichkeiten zwischen den Zeilen, die wir heutigen Menschen so erst mal nicht mithören.

Es ist ja ein sehr vertrauter Text: der jüngere Sohn fordert von seinem Vater das Erbteil. Das war damals genau wie heute eine ziemliche Unverschämtheit. Niemand hat ein Recht, zu Lebzeiten der Eltern sein Erbteil zu erhalten. Der Vater hat die Möglichkeit, durch ein Geschenk oder eine Verfügung zu Lebzeiten das Erbe etwas anders zu verteilen, als es die gesetzliche Erbfolge vorsieht – freiwillig, versteht sich. Die Regelungen zum Pflichtteil waren in Israel für den jüngeren Sohn deutlich schlechter als heute bei uns: Wenn er so aus dem Haus in ein fernes Land wegzog, konnte der Vater ihn völlig enterben. Blieb er im Haus, würde er ein Drittel erben, der ältere Bruder erbt dann zwei Drittel und den Hof. Rechtlich einfordern konnte er nichts.

Der Vater scheint in diesem Moment der Forderung die Beziehung zu beide Söhne zu verlieren. Offensichtlich ist der ältere Sohn vor allem ärgerlich über die Großzügigkeit des Vaters, der ihm doch in diesem Moment das ganze Erbe alleine vorbehalten könnte – und scheint seine Ansprüche zu sichern. Das unglaublich passiert: Der Vater teilt sein Erbe auf diese beiden Söhne auf.

Bruch mit der Vergangenheit

Seine materiellen Güter kann er teilen und vererben. Seine Güte und seine Freude kann er offen­sichtlich nicht weitergeben. Der jüngere Sohn rafft das materielle Erbe zusammen, zieht in ein fremdes Land und kann auch eine Zeit vom Reichtum des Vaters leben. Aber schon bald versteht er, das alles, was er zum Leben hatte, nicht eigener Verdienst war, sondern Gabe, Erbteil des Vaters war. Aber weil er in ein fernes Land gezogen ist – also bewusst aus dem Wirkungskreis des Vaters gezogen ist, hat er sich selber von diesem Nachschub abgeschnitten. Und nicht nur das: Er hat auch mit seiner religiösen Vergangenheit gebrochen, verdingt er sich doch als Schweinehüter…

In der Ferne erkennt er, wie die Güte des Vaters nicht nur seine Söhne, sondern sogar noch die Tagelöhner leben lässt. In seiner absoluten Notlage besinnt er sich und erhofft wieder ein Stück die Güte des Vaters.

Die große Güte im Reich Gottes

Der Vater allerdings übertrifft mit seiner Reaktion die Erwartungen bei weitem. Er rehabilitiert den jüngeren Sohn und richtet ein Fest aus. Auch um den älteren Sohn bemüht sich der Vater in aller Güte. Seine Reaktion auf das Fest und die Freude des Vaters lassen jedoch befürchten, dass er sich von den Worten des Vaters nicht über­zeugt lässt. Er hat das wahre Erbe seines Vaters noch nicht ganz angenommen – seine Freude kann er nicht teilen.

Wird er wirklich mitfeiern, mit seinem Vater und seinem Bruder? Im Gleichnis bleibt das Ende offen, von einem familiären Happy End lesen wir nichts…

2 Kommentare

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    Irmhild Richter sagt

    Danke, lieber Bruder Nikolaus, für den ausführlichen Hinweis auf Autor und Inhalt des Buches. Deine kurze, prägnante inhaltliche Ausführung zeigt, wie oberflächlich oft mit dieser viel-schichtigen Geschichte umgegangen wird. Es stecken aktuelle Themen und Fragen drin, an denen die Brisanz und bleibende Aktualität des Evangeliums deutlich werden. Je älter ich werde, desto mehr beschäftigt mich Gottesfrage, sie wird genährt durch diese Perikope.

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