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Wie ich inneren Frieden finden kann

Wie ich inneren Frieden finden kann

Wie ich inneren Frieden finden kann

Als ich vor einigen Jahren an einem Seminar teilnahm, kam es zu einem für mich wichtigen Dialog zwischen einer Teilnehmerin und der Kursleiterin. Bei diesem spirituellen Seminar ging es unter anderem auch darum, wie man sich emotional gut schützen kann, man könnte auch fragen: Wie ich inneren Frieden finden kann. Das war für viele ein sehr wichtiges Thema und auch mich interessierte das sehr. Wer macht nicht immer wieder die Erfahrung, dass andere Menschen in einem viel Wut und Missgunst auslösen, dass Menschen eine Atmosphäre aufbauen, die unangenehm und teilweise sogar aggressiv ist. Im Zug, im Wartezimmer bis hin zum ganz privaten Umfeld kann einem das passieren. Und ohne dass man viel dazu tun muss, dringt diese Atmosphäre in unser Inneres und verdunkelt unsere Stimmung, macht uns traurig, lustlos oder selber aggressiv.
Wer mit Menschen arbeitet, wird das besonders gut kennen.
Die Teilnehmerin stellte also genau diese Frage, wie kann man sich am besten emotional schützen. Die Antwort darauf hat mich seither nicht mehr verlassen und ist so lebendig in mir wie damals: „Wenn Du Dir erlaubst alles zu fühlen, dann bist Du am besten geschützt.“
Die Tragweite dieser Antwort ist mir ehrlich gesagt erst in den letzten Jahren wirklich bewusst geworden.
Mein erster Impuls war noch: “Klar bin ich bereit alles zu fühlen, ist ja ohnehin da.” Aber je ehrlicher ich mich der Antwort stellte, umso klarer wurde mir, dass dem nicht so ist.
Die meisten Menschen sind eben nicht bereit, alles zu fühlen, was in ihnen schlummert. Ich auch nicht.

Ersatzgefühle entdecken

Traurigkeit? Wut? Zorn? Niedergeschlagenheit? Missgunst? Neid? Das sind keine Gefühle, die ich gerne habe, sie machen mich lustlos, verdunkeln mein Inneres, holen das Schlechteste in mir zum Vorschein. Diese Gefühle will ich wegwerfen, verdrängen sagen die Psychologen, ich will sie nicht wahrhaben. Was dann passiert, nenne ich Ersatzgefühle. Wenn ich bestimmte Gefühle nicht haben will, dann können dafür andere Gefühle entstehen. das kann Traurigkeit sein oder Aggression.
Viele Menschen werden aggressiv, wenn sie sich eigentlich ohnmächtig fühlen. Andere werden traurig, wenn sie eigentlich enttäuscht sind. Die Ersatzgefühle folgen aus dem Verdrängen des Ursprungsgefühls. Sie sind meistens mit sehr viel Energie gefüllt und führen nicht zu einer fruchtbaren Auseinandersetzung oder zur Klärung von Fragen.
Ganz im Gegenteil, sie bringen Unruhe ins Innere und haben die Neigung, andere zu verletzen, weil sie in gewisser Weise blind sind.
Tatsächlich kann man es beobachten, dass Ersatzgefühle dann verschwinden, wenn man die entsprechende Person, die unsere Wut evoziert hat, direkt in die Augen schaut. Es verschwindet die Aggression, es kommt etwas zum Fließen, vielleicht Tränen – auf alle Fälle wird Energie frei und das eigentliche Gefühl kommt zum Vorschein: der Ursprungsschmerz.
Mir sind diese Erkenntnisse und die Erfahrung aus dem Seminar in Münster sehr wichtig geworden. Seit langer Zeit schon bete ich um Frieden – nicht nur global, sondern in meinem Leben und vor allem in meinem Inneren. Mir ist bewusst, dass Frieden nur möglich ist, wenn ich selber Zeuge und Vermittler dieses Friedens sein kann.
Dann aber gehört es für mich dazu, bereit zu sein, alles zu fühlen. Ich möchte im Frieden mit meinen Gefühlen sein, mit meinen Neigungen, Sehnsüchten und Begierden.
Erst wenn ich bereit bin, alles zu fühlen und auf Ersatzgefühle verzichte, kann ich Frieden finden und weitergeben.
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Gefühlen ein Zuhause schenken

Wofür ich die Buddhisten immer wieder bewundere, ist ihre konkrete Art und Hilfestellung. Sie haben eine lange Tradition an Übungen und Hinweisen, die helfen das zu leben, was auch Jesus gelehrt hat. Und dazu gehören der Friede, das Mitgefühl und die Liebe.
Im Buddhismus kann man sich dazu viele wirklich wirksame Übungen zur Hilfe holen.
Auch die Bereitschaft, alles zu fühlen (was niemals heißt, auch alles zu agieren!), ist eine Übung aus einer Richtung des Buddhismus.
Es ist kein leichter Weg. Wenn ich erst mal im Sturm von Wut und Enttäuschung gefangen bin, dauert es oft lange bis ich mir sagen kann: Ich gebe meiner Wut ein Zuhause. Ich gebe meiner Enttäuschung ein Zuhause. Mehr muss gar nicht sein, als dem Gefühl ein schönes Zuhause zu bieten, die Erlaubnis, da sein zu dürfen. Und indem ich mir das sage, schaffe ich nicht nur eine Distanz zum Gefühl ohne die Verbindung zu kappen, sondern öffne einen inneren Raum, da sein zu dürfen, sich zu entfalten, ohne mich zu überfluten. Ich muss diesen Zustand nicht genießen, sondern eher einfach beobachten und wahrnehmen – ganz ohne Bewertung, sei es nun eine positive oder eine negative Bewertung.
Und dann kehrt der Friede ein, indem ich mit mir selber Frieden geschlossen habe. Der innere Friede heißt nicht, nicht mehr wütend zu sein, keinen Neid mehr zu spüren und keine Enttäuschung, es heißt, im Frieden zu sein mit der Wut, mit dem Neid und mit der Enttäuschung – aber sie haben keine Macht mehr über mich, weil ich ihnen ein inneres, körperliches Zuhause gebe, wo sie sein dürfen. Mit dieser Erlaubnis zu sein, begrenze ich zugleich den Raum der Entfaltung und schaffe so auch einen Schutz vor Überflutung.

Frieden in der Welt

Die großen Religionen – unter ihnen das Christentum und auch der Buddhismus – sagen, das was dann übrig bleibt, wenn ich alle Gefühle zulasse, die dann dadurch immer weniger Macht haben und letztlich wieder verschwinden, ist die Liebe. Nicht die leidenschaftliche, stürmische Liebe eines jugendlichen Paares, nicht die reine Emotionalität, sondern die Liebe, die von Gott kommt, die tiefe Verbundenheit, der Zusammenhalt des Seins, die Beziehung des Menschen zum Menschen. Es ist der natürliche Impuls im Menschen, der Wirklichkeit wird, wenn wir bereit sind uns allem zu stellen.
Entscheidend ist es, dass wir diesen Raum öffnen, in dem die Gefühle zu Gast sein dürfen, so wie sie sind. Ohne zu belehren, ohne zu maßregeln, sondern einfach sein lassen.
Wir leben in einer unfriedlichen Welt – die Welt war immer irgendwie unfriedlich – höchstens ein paar Jahre gab es, wo weniger Unfrieden da war. Aber schon brauten sich dunkle Gewitterwolken am Himmel und neue Kriege, Unruhen und Terrorismus breiteten sich aus.
Vielleicht haben wir in den letzten dreißig oder sogar vierzig Jahren in dem Glauben gelebt, alles würde sich immer mehr zum Besseren entwickeln, Fortschritt, mehr Freiheit und der Rest würde schon sehen, wohin Unfreiheit, Versklavung, Populismus und Ausgrenzung führen.
Aber die Welt entwickelt sich nicht linear. Technisch geht es immer weiter – aber wer kann schon sagen, dass das immer wirklichen Fortschritt bedeutet?
Wer in dieser Welt nicht gerade an den Schalthebeln steht, der kann sich fragen, was er denn tun kann, damit mehr Frieden in diese Welt kommt.
Ich finde die Antwort liegt auf der Hand: sei selber jemand, der Frieden schenkt, indem er selber Frieden gefunden hat. Daher lautet dir Frage auch nicht, wie ich Frieden in die Welt bringen kann, sondern: Wie ich inneren Frieden finden kann

Schmerz zulassen

Dazu kann auch gehören, auch dem Leid und dem Schmerz Raum zu geben und zu erlauben, da zu sein, Gastgeber für diese emotionale Seite des Lebens zu sein. Das würde dann zu Jesu Wort passen: „Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein.“
Damit ist in letzter Konsequenz gemeint, dass unsere Liebe nicht davon abhängen soll, ob ich im Schmerz bin oder nicht.
Und um es gleich zu sagen: das ist keine moralische Forderung, als könnte ich das schon und als müsste man das nur streng genug verlangen und schon gelingt es. Es ist ein Weg, für den ich mich entscheiden darf. Was auch immer ich tue, es ist meine Entscheidung und niemand hat das Recht, darüber zu urteilen.
Aber wenn ich es tue, dann kann etwas Geschehen.
Friede, der ausstrahlt.

6 Kommentare

  1. Avatar

    Gastgeber für die emotionale Seite des Lebens zu sein. Der Gedanke führt mich zu einem anderen Gedanken, der da hieß: Das Leben ist durch Spannung gekennzeichnet. Ein Erschlaffen bedeutet Tod.
    In unserer heutigen Welt, die auf das Optimum im Positiven ausgerichtet ist, trifft die Spannung des Lebens auf Unverständnis, bzw auf eine Verneinung des sogenannten „Negativen“. Vielleicht führt das zu Frieden in uns, wenn wir erkennen und annehmen, dass die „negativen“ Facetten des Lebens zum. System „Leben“, zur Schöpfung Gottes, gehören und wir nicht durch sie bedroht sind. Dann sind wir Gastgeber der emotionalen Seite des Lebens. Ich werde daran arbeiten, mich immer wieder daran zu orientieren. Danke Bruder David für die Initialzündung.

  2. Avatar

    Manchmal muss man die eigentlichen Gefühle ja überhaupt erst entdecken. Und dann sind sie damit oft schon angenommen, jedenfalls bei kleineren Dingen.

    Hätte ich meine Gefühle neulich in einer schwierigen Situation gleich richtig wahr- und angenommen, müsste ich mich Montag nicht für meine allzu scharfe Reaktion entschuldigen.
    Ich hätte stattdessen gelassen und freundlich die Grenze setzen können oder das Thema geschickt verlassen, statt nachher mit Herzklopfen und Ärger über mich selbst aus der Situation zu gehen … seufz.

    • Bruder David
      Bruder David sagt

      Wichtig ist aber auch das Gefühl in einer Situation versagt zu haben oder einen Fehler gemacht zu haben als solches liebevoll wahrzunehmen und Raum zu geben. Innerer Ärger ist immer ein Anzeichen dafür, dass ein bestimmtes Gefühl nicht gewoll ist. Das sind dann meiner Erfahrung nach auch die schwierigsten Situationen, wenn man inneren Freiden übt. Bruder David

  3. Avatar

    Genau, so isses.
    Es ist schon eine ziemliche Weile her, Gott sei Dank, dass ich mich von etwas oder jemandem so unverhofft habe aufscheuchen lassen. Es war nur unschön, aber nicht dramatisch. Und wäre eben leider mit ein bisschen mehr Aufmerksamkeit gut zu vermeiden gewesen. 🙁
    Ein guter Grund, da noch mal genauer hinzugucken. Kritisch u n d liebevoll.
    Welcher „rote Knopf“ da bei mir gedrückt worden ist, war mir eh schon klar. Aber ich habe noch eine ziemliche Auswahl an unterschiedlichen anderen Gefühlen und Bezügen entdeckt.

  4. Avatar

    Jetzt muss ich noch mal was zum „emotional schützen“ sagen.
    Mein Wunsch wäre ja, irgendwann so weit zu sein, dass ich mich stattdessen ganz verletzlich halten kann. Annehmen, was immer da kommt.
    … oder zumindest dem noch ein gutes Stück näher zu kommen bis ich achtzig werde. 😉

  5. Avatar

    Friede haben wir eben, wenn wir nicht kämpfen. Zunehmenden inneren Frieden, wenn wir weniger innerlich kämpfen. Zuweilen nehmen wir aber war, keinen inneren Frieden zu haben, während sich Emotionen in uns ausbreiten. Und wir glauben uns dem inneren Frieden näher, wenn wir gewisse Emotionen nicht zulassen. Also doch mehr Frieden durch Ankämpfen gegen den Ärger in uns? Durch Antrainieren einer Opferhaltung, durch annehmen, was immer da kommt?

    Wir nehmen inneren Frieden wahr, wenn wenig Emotionen diesen Frieden stören, und wenn wir annehmen können, was da kommt, weil wir dem weniger Bedeutung geben. Soviel kann ich bestätigen.

    Doch vergessen wir dabei oft uns selber. Wir dürfen wir selber sein. Auch wenn immer noch der Glaubenssatz wütet, wir müssten und sollten uns auf Erden etwas verdienen und uns aufopfern. Jesus sagt, wir dürfen uns abwenden, bevor unser Strahlen zu sehr leidet. Und wir dürfen großzügig sein mit uns selber, wenn Emotionen einmal da sind, wie sie zuvor konditioniert wurden. Auch können wir nur so mit dem Nächsten großzügig sein, ohne gleich wieder Emotionen wegschieben zu müssen. Die ja deswegen nicht „weg“ sind.

    Da wir nun zwischen Himmel und Erde leben, gibt es auch immer ein Bedürfnis an Sicherheit und Selbsterhaltung. Und damit auch Spannungen bis zum Ende. Und damit die Emotionen, die aus dem Verstand heraus entstehen. Vertrauen in das Unbekannte und dass alles gut ist, wie es ist, letztlich Glaube, hilft. Wir kommen zu Haltung und wir konditionieren uns gelassener. So dass die störenden Emotionen weniger erscheinen.

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