David, Zeit
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Wer werde ich als alter Mann sein?

Autofahren habe ich bei Herrn Buxot gelernt. Er hatte seine Fahrschule in Soest in einem Parkhaus mit angeschlossenen Büro- und Wohnräumen. Er war ein verständiger und freundlicher Mann, der mir mit etwas Geduld das Autofahren beibrachte. Und wenn man gezeigt bekommt, wie man lenkt, bremst, kuppelt und schaltet und das alles zur gleichen Zeit oder in der richtigen Reihenfolge, dann bleiben manche grundsätzlichen Lebensweisheiten nicht aus. Auch das Autofahren kann als Metapher für das Leben dienen und dafür muss man sich nicht einmal besonders anstrengen.

Ich kann mich beispielsweise daran erinnern, als Herr Buxot mir erklärte, wie man sich als Autofahrer auf der Autobahn verhält. Er sagte mir, dass wir immer dorthin fahren, wohin wir gucken. Und wenn ich einen LKW überholen will, dann soll ich nicht den LKW anschauen, sondern auf die Straße etwa 100 Meter vor mir, denn dort will ich ja hin – wer will schon einen LKW küssen?
Das habe ich mir gemerkt und mache das bis heute.

Innere Bilder

Und später, während einer meiner Fortbildungen, musste ich wieder an Herrn Buxot und seine Lebensweisheit denken. Denn in dieser Fortbildung ging es um innere Bilder, die wir alle produzieren. Und auch hier hieß es fast wortgleich, dass wir uns dahin entwickeln, was wir als innere Bilder in uns entstehen lassen.

Welches innere Bild habe ich vom Altwerden und Altsein?
Wie sehe ich mich mit 80 oder gar 90? Welchen Ängste und Sorgen gebe ich Raum und erlaube ihnen, innere Bilder entstehen zu lassen, die mich nicht erfreuen und mir nicht gut tun?

Durch ein Gespräch in der Vorbereitung auf unseren Themenmonat bin ich mal wieder auf ein Buch von Luise Reddemann gestoßen. Frau Reddemann hat sich um eine neue Form der Traumatherapie sehr verdient gemacht. Und in ihrem ersten sehr bekannten Buch schlägt sie vor sich vorzustellen, dem alten Mann oder der alten Frau zu begegnen, der wir oder die wir einmal sein werden.

Wer bin ich als alter Mann?

Eine wunderbare Idee, mir vorzustellen, wie ich als alter Mann sein werde und was ich mir aus dieser Perspektive für heute empfehle. Und wenn meine Entwicklung dahin geht, was ich mir vorstelle – frei nach meinem Fahrlehrer – dann hieße das, dass ich sehr genau überlegen sollte, was ich als inneres Bild zulasse und was ich besser verwerfe.

Es gibt natürlich sehr unterschiedliche Bilder, die uns fast täglich präsentiert werden. Die Apotheken-Rundschau zeigt mir meistens agile grauhaarige Männer und Frauen, die dank der fürsorglichen Hilfe des Apothekers vor Ort auch im hohen Alter noch Berge besteigen und tanzen gehen. Und wenn ich meine Angst befrage, dann sehe ich einen alten Mann im Bett liegend, gelangweilt, unzufrieden, leidend, alleine und was mir sonst noch alles einfällt an schlimmen und angsteinflößenden Umständen.

Wie werde ich sein, wie will ich sein?

Reicht es, sich das Alter einfach rosig auszumalen und schon wird alles gut?
Natürlich nicht – auch beim Autofahren und 100 Meter weiterblicken kann der LKW ja immerhin selber ausscheren oder einen  Fehler machen. Und so ist es auch im Leben. Die Vorstellung, gesund bis zum letzten Atemzug zu bleiben ist nett, wird aber Krankheit nicht gänzlich verhindern können. So einfach ist das mit der Gesundheit nun auch nicht. Gesundheit ist ein System und reagiert selten linear.


Ich habe mir vorgenommen, natürlich auf meine Gesundheit zu achten und für viel Bewegung in meinem Leben zu sorgen. Vor allem aber will ich ein Bild in mir erzeugen nicht davon, ob ich gesund oder krank sein werde, sondern davon, mit welcher Haltung ich alt sein möchte.

In vielen Bereichen wird viel zu sehr auf das Verhalten geschaut und man versucht, Verhalten anderer Menschen oder bei sich selber zu ändern. Aber viel wichtiger ist es, Haltungen zu verändern, denn aus einer Haltung entspringt das Verhalten.

Und das ist meine Liste an Haltungen, die mir wichtig sind – egal ob krank oder gesund, bettlägerig oder bergsteigend:

1. Bewahre Dir Themen und Ziele in Deinem Leben – mögen sie auch noch so klein sein.

Als ich über das Älterwerden nachdachte und mir alte Menschen vor Augen führte, die ich im Laufe meines Leben kennenlernen durfte, da wurde mir folgendes bewusst: Die Menschen, die auch im hohen Alter noch agil waren, waren meistens Menschen, die noch Ziele hatten und Themen, für die sie sich begeisterten. Das verhindert das dahinvegetieren, wie ich es von einigen Mitbewohnern meiner Mutter im Altenheim miterlebt habe.

Wenn ich Themen habe, für die ich mich interessiere, dann habe ich immer auch etwas, um darüber zu lesen und mehr zu erfahren.

Vielleicht werde ich mich noch intensiver der Oper widmen, die mich seit einigen Jahren begleitet und mich noch intensiver mit den Werken Richard Wagners beschäftigen. Das wäre ein schönes Thema, dem ich folgen kann, auch wenn ich nicht mehr zu laufen und zu gehen vermag.

2. Eigne Dir eine kontemplative Grundhaltung an.

In unserer Klosterküche hing früher ein kleiner Cartoon auf dem stand: Besser meditieren als herumsitzen und gar nichts tun.

Sollte ich in eine Lebenssituation kommen, wo ich viel alleine werde sitzen müssen, dann möchte ich in meiner kontemplativen Haltung soweit geschult sein, dies als Meditationszeit zu nutzen und nicht einfach zu verträumen und zu warten, bis es Abend wird. Dann ist es Zeit, wirklich zu einem kontemplativen Mann zu werden, der quasi an einem fortlaufenden Meditationskurs teilnimmt. So könnte ich diese Zeit und all das Warten auf Ärzte und Anwendungen, Essen und vielleicht darauf, dass das Leben endlich enden möge, nutzen.

3. Lass die anderen Feiern und Fehler machen.

Ich wünsche mir eine Haltung, die nicht besserwisserisch und nicht neunmalklug ist, sondern den anderen ihre Erfahrungen lässt. Ich hoffe, dass ich andere leben lassen kann, feiern, Zeit verschwenden und Fehler machen, um daraus zu lernen. Ich habe es auch getan und es war gut so. Ich möchte kein alter Mann sein, der zu allem sein Senf dazu gibt, der es ohnehin besser weiß und der ungefragt Ratschläge gibt.

4. Ich will meinen Humor bewahren.

Früher häufiger als heute sagte man mir, man könne mich schon hören, bevor ich da bin, weil ich so herzhaft lache. Ich weiß jetzt nicht, ob das weniger geworden ist, dass man es mir nicht mehr sagt, aber ich weiß auf alle Fälle, dass es noch genügend Anlässe gibt, bei denen ich lache – auch wenn es vielleicht niemand mehr hört. Es gibt so viel urkomische Situationen und so viel, was mein Herz erfreut. Ich will auch als alter Mann viel lachen und viel Freude haben und dafür sorgen, dass das in meinem Leben vorkommt. Und wenn ich dafür lustige Komödien gucken muss oder die Witze aus der Zeitung – die leider nicht immer urkomisch sind.

Humor macht so vieles leichter und netter. Und wenn dazu noch ein ausgeprägter Spieltrieb kommt, dann kann man jede Situation neu gestalten und mehr Leichtigkeit ins Leben bringen. Möge ich es mir bewahren.

5. Ich will nicht nur aus Erinnerungen leben.

Wenn man älter wird, und das wird man ja bekanntlich von der ersten Sekunde des Lebens an, dann häuft man mit jedem Augenblick ein Mehr an Erinnerungen und gelebtes Leben an, das hinter einem liegt und die Perspektiven werden meistens immer kleiner und schmaler. Das ist der Lauf der Dinge. Was ich aber nicht will, ist nur noch in Erinnerungen zu leben, wie es einmal war, was mir schon alles passiert ist, was meine Mutter damals getan hat oder nicht getan hat und wie es im Noviziat zu meiner Zeit war – natürlich besser oder strenger oder schlimmer, Hauptsache eine Steigerung zu heute.

Ich will ein gegenwärtiger Mensch sein und ich bin immer auch ein zukünftiger Mensch, der aus Zielen und Perspektiven lebt. Das will ich auch mit 90 noch – wenn ich so alt werden sollte.

6. Vergiss nie: Es kann alles ganz anders kommen.

Nun bin ich nicht naiv und ich weiß, dass ich nichts weiß, vor allem nicht, was das Alter von mir verlangen wird. Manche Krankheit kann einen Menschen zermürben und Schmerzen setzen jedem Menschen zu. Ich weiß daher, dass meine hehren Haltungen vielleicht nicht alle zu verwirklichen sind. Vielleicht kommt es also ganz anders. Dann möchte ich nicht hart mit mir ins Gericht gehen, sondern mir sagen: So kann es passieren.

Ich will mir dann auch Zeiten des Jammerns gönnen – nicht den ganzen Tag, aber ein oder zwei Stunden am Tag, dann aber richtig. Und zu anderen Zeiten versuche ich es weiter mit meinen Haltungen.

Und vielleicht wächst mit der Zeit ein neues inneres Bild in mir, ein Bild von meiner Zukunft. Ein Bild, wie ich es schon häufiger von Menschen gehört und gelesen habe, die eine Nahtoderfahrung hatten. Dann sehe ich das Licht und ich kann ein wenig von der Liebe spüren und erahnen, von denen diese Menschen sprechen. Und dann weiß ich vielleicht, wohin ich fahren werde – egal, was der LKW neben mir macht und das Leben von mir verlangt. Dann sehe ich es ganz deutlich vor mir, dass am Ende immer Licht steht und immer Liebe.
Ein schönes Ziel, finde ich.

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