Karl-Leo, Leben
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Stress, lass nach…

Stress lass nach

Stress, lass nach…

„Ist es bei Ihnen auch so schlimm vor Weihnachten“, wurde ich in den letzten Tagen häufiger gefragt. Meistens schließt sich an diese mitleidsvolle Frage auch gleich der Jammer an, wie stressig die Adventszeit gerade wieder ist. Und tatsächlich könnte ich problemlos in diese Klage einstimmen: In der Winterzeit ist die Praxis deutlich voller, im Kloster gibt es viel mehr Dinge vorzubereiten, in der Verwaltung ist der Jahresabschluss vorzubereiten – die Liste ließe sich fast beliebig verlängern. Also der echte „Advents-Stress“.

Allein dieses zusammengesetzte Wort hat im tiefsten Sinne etwas Antagonistisches. Stress ist körperlich gesehen eine Notfallreaktion, die uns befähigt Auseinandersetzungen mit einer Gefahrensituation gut bestehen zu können. Advent ist eigentlich eine Zeit des Wartens auf die Ankunft des Erlösers. Da sollte uns doch überhaupt keine Gefahr drohen – ganz im Gegenteil.

Der vererbte Schutzmechanismus

Theoretisch alles klar –  und doch kennen viele in diesen Tagen die körperlichen Erfahrungen von Anspannung und Belastung. Der Körper reagiert wie bei Gefahr. Diese Gewohnheit hat der Mensch seit vielen Tausenden von Jahren erlernt und bewahrt. Hormone wie Adrenalin, Noradrenalin, Cortisol werden ausgeschüttet, der Organismus geht in eine erhöhte Alarm- und Handlungsbereitschaft, die sich auf die Muskulatur, die Atmung und den Kreislauf auswirken. Um das eigene Leben zu retten, musste man früher fliehen, kämpfen oder sich tot stellen. Und so reagiert unser Körper heute noch immer. Der Blutfluss wird umverteilt und alle Funktionen, die im Augenblick als nicht lebensnotwendig erachtet werden, werden gehemmt. Auch höhere Hirnfunktionen werden vermeintlich nicht gebraucht und abgeschaltet, es entsteht ein Tunnelblick. Je bedrohlicher und stressiger eine Situation erlebt wird, umso weniger sind wir Menschen zu intelligenten, kreativen oder ethischen Lösungen in der Lage.

Entspannung: Alles richtig gemacht!

Ist die Herausforderung bewältigt, dann reagiert der Körper wie schon seit Urzeiten mit Entspannung. Der Hippocampus im Gehirn zügelt die Stresshormone des Körpers wieder und als Abbauprodukt entsteht körpereigenes Morphium – der Mensch fühlt sich wohl. Und er fühlt: Alles richtig gemacht.
Aber wie kann man „alles richtig machen“ im Advent? Fasziniert hat mich der Gedanke, dass in unserer Evolution Stress und Entspannung unbedingt zusammengehören. Ganz natürlich fällt der Körper nach dem Stress in eine Phase der Entspannung.

Freude an der bestandenen Herausforderung

Ich habe in diesem Advent eingeübt, mich über kleine Herausforderung zu freuen, die ich gut bewältigt habe. Tatsächlich habe ich viel zu tun in diesen Tagen und es ist schön, dass ich an jedem Abend ganz freudig auf eine relativ lange Liste von Dingen zurückschauen kann, die ich gut bewältigt habe. Jeder Tag hat mindestens eine kleine Zeit, in der ich mich entspanne und mich über die Herausforderungen freue, die ich gemeistert habe.

Ich ahne schon, dass ich in den nächsten Tagen noch viel Anlass zur Freude bekommen werde – davor wird dann sicherlich auch ein bisschen Herausforderung liegen. Und ich bemühe mich, meinem Hippocampus immer häufiger zu sagen, er möge doch die Stresshormone etwas zügeln. Schließlich ist mein Leben durch all das sicher nicht bedroht. Außerdem wünsche ich mir zusätzlich, dass immer häufiger auch intelligente, kreative und ethische Lösungen dabei sind, der Tunnelblick sich wieder weitet.

Das wäre dann im guten Sinne ganz adventlich: Eine Zeit des Wartens, wo der Blick sich wieder weitet für die Ankunft des Erlösers.

Und wieder freue ich mich, von Dir zu lesen, wie es Dir in diesem Adventstagen ergeht.

5 Kommentare

  1. Heike sagt

    „Ich ahne schon, dass ich in den nächsten Tagen noch viel Anlass zur Freude bekommen werde.“

    Sehr schön!
    So werde ich mir das in den nächsten Tagen auch denken. (Hier muss man sich jetzt einen breiten Grinsesmiley mit viel Zähnen denken.)

    Heute habe ich so einiges Kurzfristiges und Komplexes geschafft und habe mich darüber gefreut – nur bin ich gar nicht zu dem gekommen, was ich eigentlich erledigen wollte. Aber immerhin. Und nach Feierabend musste ich meinen mentalen Turbo erst mal aktiv herunter regulieren. Bei der Vesper war ich dann zum Glück schon wieder im Normalmodus.

    Auf ein Neues morgen!
    Und was nicht fertig wird bis Weihnachten, bleibt liegen. Schließlich kann ich nicht zaubern, oder? 🙂

    • Danke, Heike, für deinen letzten Satz…Er nimmt mir den Stress 😉

      Eine Woche hatte ich frei und was wollte ich nicht alles erledigen…eine Woche, um eben KEINEN Stress aufkommen zu lassen.

      Es waren aber eher die ungeplanten Dinge die ich geschafft habe, die mich gefreut haben! Alles Andere wird sich ergeben … die Woche hat mich auf jeden Fall aus dem Tunnel geholt, und so bin ich sicher dass ich noch viel Freude haben werde in den nächsten Tagen…

      • Bruder Karl-Leo sagt

        Ich staune auch immer, „wie viel Freude“ der Advent dann noch überraschend einem liefert. Heute war auch wieder ein solcher Tag, an dem ich um diese Zeit noch auf mal auf so einiges Zurückschauen kann….

  2. Evelyn sagt

    Dieses Jahr habe ich mich verweigert! Fasten ist angesagt. Event-Fasten. Adventskonzert, Weihnachtsmarkt (nur mal kurz zum schnuppern), Adventscafé und Freundestreff….nö. Mal nicht. Dafür Sauna – hach, herrlich – und die Geschenke für die Kinder schon einmal eingepackt. Kekse schon in der Büchse….ich bin stolz auf mich! 😉

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