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Die Quelle des Wortes – über ein Gedicht von Ingeborg Bachmann

Quelle des Wortes

Die Quelle des Wortes – über ein Gedicht von Ingeborg Bachmann

Ein etwas anderer Psalm: „In die Mulde meiner Stummheit leg ein Wort“

Mein Lieblingspsalm? Ein großartiges Gedicht von Ingeborg Bachmann, das den schlichten Titel trägt: „Psalm“. Die Lyrikerin greift auf die Lieder der Bibel zurück, die sie als „eine Bewegung aus Leiderfahrung“ bezeichnet. Lieder, die das schmerzliche Zerbrechen und die Grausamkeit des Lebens beklagen, aber auch die Verheißungen Gottes und den Dank für das Glück des Lebens ins Wort bringen. Psalmen haben etwas Poetisches, sie sind ein großer Gesang. Sie entstammen der jüdisch-christlichen Tradition, sind zugleich aber auch ein Weltkulturerbe der Menschheit. Darum stelle ich im Folgenden den etwas anderen Psalm von Bachmann vor, der auf die biblische Tradition antwortet.

Bachmanns Psalm beginnt mit dem Aufruf: „Schweigt mit mir, wie alle Glocken schweigen!“ Damit setzt sie einen Kontrapunkt zum Psalm 117, der die Völker zum Lobpreis Gottes aufruft. Zugleich schließt sie an das biblische Schweigegebot an (vgl. Zef 1,7), das Gott wegen der Freveltaten der Menschen verhängt. In Bachmanns Psalm läutet das Verstummen der Glocken das Schweigen ein. Hier kommt das Entsetzen zum Ausdruck über die unsägliche Grausamkeit, zu der Menschen fähig sind. „In der Nachgeburt der Schrecken sucht das Geschmeiß nach neuer Nahrung.“, heißt es in der 2. Strophe des Gedichts. Verrat liegt in der Luft. „Verstelle dich, um der Bloßstellung zu entgehen.“ Wer Erfolg haben will, übergeht den Schmerz und leugnet das Verbrechen, das er selbst begeht. Aber dies ist nicht Sache der Lyrik. Sie rückt vielmehr in den Blick, wo die Augen verbrennen und verschleiert werden:
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  • „O Augen, an dem Sonnenspeicher Erde verbrannt,
    mit der Regenlast aller Augen beladen,
    und jetzt versponnen, verwebt
    von den tragischen Spinnen
    der Gegenwart …“

Erfahrungen von Gewalt, Leid und Tod bringen zum Schweigen. Denn das Gespinst der „tragischen Spinnen der Gegenwart“ ist undurchsichtig, sie verkleben die Augen und verschleiern die Wahrheit. Aber das Verstummen soll nicht das letzte Wort haben. Deswegen bittet die Verstummte:
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  • „In die Mulde meiner Stummheit
    leg ein Wort
    und zieh Wälder groß zu beiden Seiten,
    dass mein Mund
    ganz im Schatten liegt.“

Die Stummheit ist bedrängend; aber sie führt nicht in die Verzweiflung. Vielmehr kommt sie in einer Bitte zur Sprache, die über das Verstummen hinausführt. Dass Bachmann hier eine Bitte ausspricht, ist bemerkenswert. Sie ruft eine Macht an, die die Not des Lebens zum Segen wandelt. Ihre Bitte bringt die Stummheit so zur Sprache, dass sie das noch nicht sagbare Wort herbeiruft. Eine Mulde ist ein offener, einladender Ort. Sie bietet Schutz vor allzu rauem Wind. Mulden sind Biotope, ein Ort der Geburt. Hier sammeln sich Wasser und Nahrung. Der Mulde des schweigenden Mundes stehen Wälder zur Seite – lebendige Worte, in anderen Mulden gewachsen. Die Mund-Mulde öffnet sich für das Wort, das sich zeigt; das die Verstummte erbittet, um es erhören zu können. Die Mulde der Stummheit ist die Leerstelle der Sprache, die auf das verweist, was noch nicht sagbar ist.

Wenn jemand verstummt, heißt das nicht, dass er oder sie nichts zu sagen hat. Im Gegenteil. Nur wo es notwendig ist, etwas Neues, bisher Unsagbares zu sagen, verschlägt es die Sprache. Das zeigt sich sehr gut in Liebeserklärungen, die nicht ohne Unterbrechungen, Stammeln und Schweigen auskommen. Wenn Menschen verstummen, will etwas zur Sprache kommen; aber die Sprache fehlt noch, mit der es gesagt werden könnte. Aus diesem Grund setzt die Verstummte ihre Hoffnung darauf, dass ihr das Samenkorn des Wortes in den Mund gelegt wird. Sie hat das Wort, das gesprochen werden will, nicht in ihrer Hand. Deswegen erbittet sie es. Das Gedicht lässt die Frage offen, an wen sich diese Bitte richtet. Es wird kein Name genannt. „Leg ein Wort“ ist die Anrufung einer Unbekannten, Namenlosen. Sie unterscheidet sich vom Plural „Schweigt mit mir“ in der ersten Strophe des Gedichts, das die Leserinnen und Leser des Psalms anspricht. Der Wechsel zum Singular in der letzten Strophe markiert einen Wechsel des Gegenübers, mit dem sie spricht. Der Psalm, der mit einem Aufruf zum Schweigen beginnt und den Klageruf über die Nachgeburt der Schrecken erhebt, endet als Bittpsalm.

Das Gedicht ruft die Quelle des Wortes an, ohne ihr einen Namen zu geben. Das Subjekt, von dem hier eine Handlung erbeten wird, bleibt anonym. Bachmanns Psalm trägt damit zu einer Gottesrede bei, die man „verschwiegen“ nennen kann. Vielleicht eröffnet gerade diese zurückhaltende Art zu sprechen einen Weg, Gott heute ins Wort zu bringen? Die „Mulde der Stummheit“ verweist auf das beredte Schweigen in der Gottesrede, das heute vielerorts begegnet. Es spricht verschwiegen von Gott, weil kein Mensch über das Wort verfügt, das die Mulde der Stummheit ersehnt. Wie in einer Liebeserklärung kann dieses Wort nicht gefordert oder erzwungen, aber es kann erbeten werden.

Bachmann, Ingeborg 1993: Werke in vier Bänden. Hg. von Christine Koschel; Inge von Weidenbaum; Clemens Münster. 5. Aufl. München: Piper

Hieraus die Zitate zum Gedicht „Psalm“ (Werke I, 54f) sowie die Definition von Psalm als Bewegung aus Leiderfahrung (Werke IV, 208).

 

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Prof. Dr. Hildegund Keul
Leiterin der Arbeitsstelle für Frauenseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz

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