Alle Artikel in: Leben

Fühlst Du schon und denkst Du noch?

Eine Möbelkette hatte diesen Satz mit anderen Verben bekannt gemacht. Und immer wieder, meistens zum Spaß, fülle ich diesen Satz mit neuen Verben: Fühlst Du schon oder denkst Du noch. Manchmal auch: Glaubst Du noch oder fühlst Du schon. Mir passiert das meistens in Situationen in der Praxis. Da bitte ich die Patienten häufig, den eigenen Körper oder die eigene Stimme wahrzu-nehmen und ihre Wahrnehmung zu beschreiben. Besonders in den ersten Therapieeinheiten fällt das manchen Menschen gar nicht leicht. Und dann bekomme ich beispielsweise Antworten wie: „Bestimmt ist meine linke Seite heute wieder angespannter als die rechte Seite.“ Manchmal vermute ich dann, dass mein Patient sich vor allen Dingen gut gemerkt hat, was ich in der letzten Therapie gesagt habe – aber leider nicht, wie ich es gewünscht hatte, in seinen Körper gespürt hat. Manche sagen dann auch ganz spontan: „Ich glaube, meine linke Seite ist angespannt.“ Auch bei einer solchen Antwort versuche ich natürlich, genau zu erkennen, welche Bedeutung hinter diesem „ich glaube“ steht. Und manchmal ist in diesem Kontext die Bedeutung von „ich …

Lebensgeschichte als Ressource

Deine Lebensgeschichte als Ressource – 8 Ideen

Deine Lebensgeschichte als Ressource Das Leben hält wahrlich viel für uns bereit. Im Laufe unseres Lebens kommen zahlreiche Erfahrungen auf uns zu. Vor ein paar Tagen hatte ich Geburtstag und ein solcher Tag ist für mich immer Anlass, genau darüber nachzudenken. Was hat mir das Leben gebracht? Woraus lebe ich? Gibt mir mein bisheriges Leben Rückenwind oder nimmt es mir Kraft und Energie? Es sind Fragen, die man sich meistens nicht mit 16 oder 20 stellt. Erst wenn man beginnt, Geschichte zu haben bzw. wenn man sein bisheriges Leben als Geschichte erlebt und wahrnimmt, kommen solche Fragen und Gedanken. Eine Kindheit kann schlimm sein, dennoch! Viele Menschen hadern mit ihrem Leben. Vieles ist geschehen: miserable Kindheit, schlechte Eltern, üble Schulkollegen, unterdurchschnittliche Lehrer, einen Partner zum Weglaufen, der Arbeitsplatz zum übel werden, kein Geld, Krankheit, na, fehlt noch etwas? Vielleicht hast du nur einen Extrakt davon erlebt (ich hoffe es), aber viele haben genügend Gründe, die Vergangenheit als besonders dunkel und schlimm zu beschreiben. Ich will hier nichts wegwischen und schön reden: vieles ist schlimm gewesen …

Passt schon!

Seit fünf Wochen leben nun mit Bruder Cyprian und Bruder Victor zwei Brüder aus Tansania in der Cella und lernen fleißig Deutsch. Und ich lerne kräftig mit. Zum einen kann ich mein Englisch wieder aufpolieren, wenn es darum geht, manche Dinge und Absprachen zu treffen, die auf Deutsch noch nicht funktionieren. Aber ich lerne auch viel über meine eigene Muttersprache: Dinge, die mir erst auffallen, wenn ich sie erklären soll – und dann irgendwie gar nicht richtig erklären kann. Passt schon! ist eine solche Wortverbindung, bei der man fast verzweifeln kann, wenn man einem nicht Muttersprachler den Sinn dieser Worte nahe bringen will. Bedeutungen wie: Habe ich doch gerne gemacht, bitte schön, kein Problem, nicht der Rede wert, aber auch: Lass mal gut sein, habe ich keine Lust mehr, darüber zu reden, mach da nicht so einen Aufstand draus, kann dieser Satz je nach Kontext bedeuten. Wenn die Chemie stimmt Noch vor gar nicht langer Zeit wurde die Aussage: „Das passt schon“eher für frisch Verliebte gebraucht, und zwar meistens von den Außenstehenden, die beobachtet hatten, …

Wenn etwas dazwischen kommt…

Wenn etwas dazwischen kommt… Wir kennen das alle: Termine werden immer langfristiger abgesprochen (ich habe tatsächlich schon einige Anfragen für das Jahr 2021…) und der persönliche Kalender füllt sich mehr und mehr. Wohl dem, der vorab Auszeiten eingetragen hat. Wir können schließlich nicht immer nur produzieren. Wir müssen manchmal auch regenerieren, durchatmen, neue Luft bekommen, damit die grauen Zellen wieder arbeiten können. Ich habe selber schon erlebt, was es bedeutet, wenn ich mir solche Regenrationszeiten nicht reserviere: ich bin abgespannt, werde schnell müde, die Energie fehlt – eine Folge davon ist, dass ich meinen Mitmenschen immer weniger gerecht werde, weil ich angespannt bin und auch manches Mal brüsk reagiere. Wer mir nach meinen wirklich entspannenden und Kraft gebenden Sommerferien begegnet ist, wird vielleicht gedacht haben: „Der ist ja gut drauf!“ – Tatsächlich habe ich mich im vergangenen Sommer sehr erholt und gedacht, ich könne Vieles problemlos stemmen. Aber dann… Es meldete sich der Körper – und zwar zu einer Zeit, die ungünstiger nicht hätte sein können: Eine Woche vor Weihnachten (ich war einer Einladung zu …

6 Tipps für Deine Selbstentwicklung

6 Tipps für Deine Selbstentwicklung

6 Tipps für Deine Selbstentwicklung Kann man menschliche Entwicklung und Spiritualität voneinander trennen? Kann man sich zwar geistlich nennen, fromm und gebetsfreudig sein, aber nicht an sich arbeiten? Nein, natürlich nicht. Glauben und Spiritualität erfordern es, dass wir ständig an uns arbeiten. Wir werden immer wieder aufgefordert, ganz ehrlich auf unser Leben zu blicken und zu schauen, wo es noch Potential zur Weiterentwicklung gibt. Es reicht dabei nicht einfach festzustellen, dass ich bspw. ein Sünder bin – das kann nur ein erster Schritt sein. Der ist natürlich wichtig und sogar notwendig, doch wer dabei stehen bleibt, der entwickelt sich ja nicht weiter. Glaube ist ja nicht etwas wie Sport, wo ich eine Fähigkeit gezielt eintrainiere, die ich aber außerhalb meiner Sportart eigentlich kaum brauche. Oder anders formuliert: Wer gut golfen kann oder Fußball spielen, der muss nicht unbedingt ein höflicher und engagierter Mensch sein – das kann man immer wieder in Zeitungen nachlesen, wenn insbesondere junge Sportler einen immensen Mangel an wirklicher Persönlichkeit vermissen lassen. Für Sportler muss aber der Sport nicht deckungsgleich mit dem …

Die Bahn -. meine Lehrmeisterin

Die Bahn – meine Lehrmeisterin

Die Bahn – meine Lehrmeisterin Man kann es nicht ändern! So ist das Leben halt! Wir möchten uns für alle Unannehmlichkeiten entschuldigen! So ist das halt! Ich sitze im Zug – Rückfahrt Düsseldorf nach Hannover. Eigentlich keine große Sache, nichts Aufregendes. Einsteigen, losfahren, etwas arbeiten und dann ankommen. So dachte ich es mir und so wäre es auch schön gewesen. Doch schon auf meiner Hinfahrt – wie so oft schon, funktioniert das W-LAN nicht. “Dann halt nicht!” könnte man sagen. Doch ich nutze diese Zeit im Zug immer auch als Arbeitszeit. Zeit ist ein kostbares Gut und deshalb fahre ich ungern mit dem Auto, denn das ist vertane Zeit. Im Zug kann ich sehr gut arbeiten, kann Artikel schreiben, Emails beantworten, Mindmaps erstellen und Konzepte entwickeln. Und dann das! Das schlimmste ist gar nicht, dass ich nicht ins Netz kann. Das kann ich verkraften, dann schreibe ich halt einen Artikel, wie diesen hier. Der entsteht genau jetzt, wo ich im Zug Richtung Hannover sitze und mir überlege, was ich jetzt machen soll. Das Schlimmste ist, …

In Sicherheit und gefühlt sicher

In Sicherheit und gefühlt sicher

In Sicherheit und gefühlt sicher Sicherheit ist eine Grundsehnsucht des Menschen. Schon als Kind brauchen wir für unsere Entwicklung Sicherheit. In der Nähe der Eltern lernen wir üblicherweise dieses Urvertrauen, dass für unsere Entwicklung so entscheidend ist. Aber auch Jahrzehnte später, als Erwachsene, reagieren wir oft sehr sensibel und ängstlich, wenn unsere gefühlte Sicherheit gestört wird. Ein Datenleck, ein möglicher Hacker-Angriff, wie wir es in diesen Tagen erlebt haben – und schon fühlen sich Menschen mit ihren persönlichen Daten im Internet unsicher. Zuständige Politiker sind herausgefordert, große Programme zu entwerfen und der ganzen Bevölkerung in diesem Bereich mehr Sicherheit zu versprechen. Wenige Tage zuvor waren es noch prügelnde Jugendliche, die vermeintlich das Sicherheitsgefühl vieler Menschen beeinträchtigt haben und zum Teil die gleichen Politiker herausgefordert haben, mit neuen Programmen zu diesem Thema für mehr Sicherheit zu sorgen. Was brauche ich, um sicher zu sein? Was brauche ich, um mich sicher zu fühlen? Die allermeisten Menschen unserem Land werden bei ehrlichem Nachdenken allerdings feststellen, dass ihnen in den letzten Tagen weder prügelnde Jugendliche begegnet sind noch irgendwelche …

Stress lass nach

Stress, lass nach…

Stress, lass nach… „Ist es bei Ihnen auch so schlimm vor Weihnachten“, wurde ich in den letzten Tagen häufiger gefragt. Meistens schließt sich an diese mitleidsvolle Frage auch gleich der Jammer an, wie stressig die Adventszeit gerade wieder ist. Und tatsächlich könnte ich problemlos in diese Klage einstimmen: In der Winterzeit ist die Praxis deutlich voller, im Kloster gibt es viel mehr Dinge vorzubereiten, in der Verwaltung ist der Jahresabschluss vorzubereiten – die Liste ließe sich fast beliebig verlängern. Also der echte „Advents-Stress“. Allein dieses zusammengesetzte Wort hat im tiefsten Sinne etwas Antagonistisches. Stress ist körperlich gesehen eine Notfallreaktion, die uns befähigt Auseinandersetzungen mit einer Gefahrensituation gut bestehen zu können. Advent ist eigentlich eine Zeit des Wartens auf die Ankunft des Erlösers. Da sollte uns doch überhaupt keine Gefahr drohen – ganz im Gegenteil. Der vererbte Schutzmechanismus Theoretisch alles klar –  und doch kennen viele in diesen Tagen die körperlichen Erfahrungen von Anspannung und Belastung. Der Körper reagiert wie bei Gefahr. Diese Gewohnheit hat der Mensch seit vielen Tausenden von Jahren erlernt und bewahrt. Hormone …

Tränen

Gesammelte Tränen

Gesammelte Tränen Tod, Trauer und Tränen gehören ein Stück zum November. Allerheiligen, Allerseelen, Volkstrauertag und Totensonntag sind Tage des gemeinsamen Erinnerns. Zwei weitere Jubiläen intensivieren in diesem Jahr den Eindruck: der 100. Jahrestag des Waffenstillstandes nach dem Ersten Weltkriegs und der 80. Jahrestag der Reichspogromnacht. Wie viel Schmerz, wie viel Leid und wie viele Tränen haben allein die beiden letzten Ereignisse in unserer Welt ausgelöst. Ich weine selten – und bin damit im guten Durchschnitt für Männer in unserem Land. Bei einer Forschungsumfrage unter 2000 erwachsenen Frauen und Männern in Deutschland gaben 43 % an, im letzten Jahr mindestens einmal geweint zu haben. Frauen heben da klar den Schnitt, bei ihnen sind es 83 %; leicht steigende Tendenz in den letzten Jahrzehnten. Dieser Unterschied entwickelt sich allerdings kulturell. Bis zum 13. Lebensjahr weinen Jungen und Mädchen gleich häufig, erst danach sind signifikante Unterschiede zu erkennen. Emotionale Tränen sind etwas zutiefst Menschliches Tiere vergießen keine Tränen. Emotionale Tränen sind etwas zutiefst Menschliches, sie offenbaren die Gefühle eines Menschen. Manchmal sind wir traurig oder gerührt, verzweifelt oder …

Guten Appetit! Ernten und Essen

Guten Appetit! Ernten und Essen

Guten Appetit! Ernten und Essen Am Sonntag haben wir in unseren Kirchen Erntedank gefeiert. In vielen Gemeinden, auch in einer Großstadt wie Hannover, gibt es oft klare Traditionen und Gewohnheiten für dieses Fest. Teilweise wird der Altar mit verschiedenen Früchten geschmückt und ein besonderer Segen über die Gaben gesprochen. Fast vergessen in all diesem liturgischen „business as usual“ sind die Zeitungsmeldungen, die uns noch vor sechs Wochen beschäftigt haben: Die Bundesregierung sagte den Bauern in dieser Erntesaison eine Nothilfe in Höhe von 340 Millionen Euro wegen der erheblichen Dürreschäden zu und stufte das warme Wetter in diesem Jahr als „Schadensereignis von nationalem Ausmaß“ ein. Die errechnete Schadenssumme soll sogar bei dem doppelten Betrag liegen. Die Ernte bestimmte, ob ich satt werde Über viele Jahrhunderte prägt die Ernte eines Jahres auch im Wesentlichen die Speisen, die ich in der nächsten Zeit essen konnte. Früher hätte also eine solche Ernte auch Hunger und Not zur Folge gehabt. Von dieser Erfahrung sind alle biblischen Hinweise zur Ernte geprägt und sicherlich auch unsere Gewohnheiten des Erntedank. Für mich als …