Karl-Leo, Leben
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Guten Appetit! Ernten und Essen

Guten Appetit! Ernten und Essen

Guten Appetit! Ernten und Essen

Am Sonntag haben wir in unseren Kirchen Erntedank gefeiert. In vielen Gemeinden, auch in einer Großstadt wie Hannover, gibt es oft klare Traditionen und Gewohnheiten für dieses Fest. Teilweise wird der Altar mit verschiedenen Früchten geschmückt und ein besonderer Segen über die Gaben gesprochen. Fast vergessen in all diesem liturgischen „business as usual“ sind die Zeitungsmeldungen, die uns noch vor sechs Wochen beschäftigt haben: Die Bundesregierung sagte den Bauern in dieser Erntesaison eine Nothilfe in Höhe von 340 Millionen Euro wegen der erheblichen Dürreschäden zu und stufte das warme Wetter in diesem Jahr als „Schadensereignis von nationalem Ausmaß“ ein. Die errechnete Schadenssumme soll sogar bei dem doppelten Betrag liegen.

Die Ernte bestimmte, ob ich satt werde

Über viele Jahrhunderte prägt die Ernte eines Jahres auch im Wesentlichen die Speisen, die ich in der nächsten Zeit essen konnte. Früher hätte also eine solche Ernte auch Hunger und Not zur Folge gehabt. Von dieser Erfahrung sind alle biblischen Hinweise zur Ernte geprägt und sicherlich auch unsere Gewohnheiten des Erntedank. Für mich als Großstädter kann ich das kaum noch erleben: In den Supermärkten, beim Obst- und Gemüsehändler auf der Lister Meile oder auf den Stadtteilmärkten nehme ich kaum einen Unterschied in der Angebotspalette war. Vermutlich wird also auch die Ernte dieses Jahres (so schlecht sie auch sein mag) meine Ernährung in den kommenden Monaten kaum verändern. Möglicherweise werden die Ausgaben für Lebensmittel leicht steigen.

Verantwortung für das Wachsen und Gedeihen

Trotzdem ist für mich das Erntedankfest auch immer ein wichtiger Zeitpunkt, nachzudenken über die Speisen, die ich zum Essen habe oder mit denen ich mich ernähre. Anders als Juden und Muslime haben wir Christen von unserem Glauben her keine unreinen und verbotenen Speisen. Wichtig für uns als Christen sind Dankbarkeit und Verantwortung in Bezug auf alle Lebensmittel und alle Nahrung.

Wer selber Obst oder Gemüse anbaut, weiß um die Erfahrungen, dass er nur von Bäumen und Pflanzen ernten kann, die er auch selbst gesät und gepflanzt hat. Mehr noch, er muss sie auch gepflegt und gegossen haben über eine lange Zeit. Bei manchen Bäumen darf ich ernten, was ein anderer vor mir gepflanzt und gepflegt hat. So hatte Ernährung in der Geschichte immer zu tun mit Entscheidungen für die Zucht und Pflanzung, mit einer Treue in der Pflege und Versorgung der Pflanzen und mit dem Fleiß bei der Ernte.

Diese Verantwortung ist vielen Menschen in unserem Land heute abgenommen. Wir können kaufen, was wir wollen, und in unseren Geschäften finden wir nahezu alle Früchte, die wir haben wollen –  sogar ganz unabhängig von der Jahreszeit und der Region, in der sie wachsen. Gibt es für uns überhaupt noch eine Verantwortung, bei dem was wir essen?

Verantwortung bleibt auch heute

Für mich gibt es dazu nur ein eindeutiges Ja. Verantwortlich zu handeln ist heute vielleicht schwieriger und oft nicht mehr so eindeutig. Ich entscheide mit jedem Einkauf von Lebensmitteln über ökologische Fragen wie beispielsweise den Einsatz von Dünger und Schädlingsbekämpfungsmitteln, über Transportwege von Lebensmitteln, über Verpackungsaufwand und Plastikmüll, über soziale Fragen wie die Ausbeutung von Erntearbeitern zu Dumpinglöhnen und über vieles mehr.

Aber ist das nicht eine Überforderung, all diese Fragen erwägen zu wollen? Wäre es dem gutwilligen Laien überhaupt möglich, eine gereifte und fachlich abgewogene Entscheidung in allen Lebensmittelkäufen zu treffen?

Wichtig finde ich, sich von der Komplexität unserer Lebensmittelvermarktung nicht entmutigen zu lassen, im Kleinen anzufangen. Wenn es mir gelingt, jeden Tag ein Lebensmittel zu essen, bei dem ich nach bestem eigenen Wissen meine Verantwortung wahrgenommen habe, ist der Anfang gemacht. Und wenn ich dankbar sein kann, dass ich dieses Lebensmittel essen darf. Vielleicht werden es nach ein paar Tagen dann zwei oder drei oder fünf Lebensmittel. Und dann Woche für Woche immer mehr. Dann wäre Erntedank mehr als ein liturgischer Gedenktag einmal im Jahr – dann könnte der Erntedank ein Stück meiner Haltung werden.

Ich freue mich wieder, von Dir zu hören und zu lesen, welche Erfahrung Du damit gemacht hast.

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