Karl-Leo, Leben
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Gesammelte Tränen

Tränen

Gesammelte Tränen

Tod, Trauer und Tränen gehören ein Stück zum November. Allerheiligen, Allerseelen, Volkstrauertag und Totensonntag sind Tage des gemeinsamen Erinnerns. Zwei weitere Jubiläen intensivieren in diesem Jahr den Eindruck: der 100. Jahrestag des Waffenstillstandes nach dem Ersten Weltkriegs und der 80. Jahrestag der Reichspogromnacht. Wie viel Schmerz, wie viel Leid und wie viele Tränen haben allein die beiden letzten Ereignisse in unserer Welt ausgelöst.

Ich weine selten – und bin damit im guten Durchschnitt für Männer in unserem Land. Bei einer Forschungsumfrage unter 2000 erwachsenen Frauen und Männern in Deutschland gaben 43 % an, im letzten Jahr mindestens einmal geweint zu haben. Frauen heben da klar den Schnitt, bei ihnen sind es 83 %; leicht steigende Tendenz in den letzten Jahrzehnten. Dieser Unterschied entwickelt sich allerdings kulturell. Bis zum 13. Lebensjahr weinen Jungen und Mädchen gleich häufig, erst danach sind signifikante Unterschiede zu erkennen.

Emotionale Tränen sind etwas zutiefst Menschliches

Tiere vergießen keine Tränen. Emotionale Tränen sind etwas zutiefst Menschliches, sie offenbaren die Gefühle eines Menschen. Manchmal sind wir traurig oder gerührt, verzweifelt oder wütend, aber auch glücklich und ausgelassen albern.

Diese emotionalen Tränen unterscheiden sich übrigens auch in der biochemischen Zusammensetzung von den beiden anderen Tränenformen, die bei uns vorkommen:  den basalen und den reflektorische Tränen. Basale Tränen befeuchtet unsere Augen und reinigen sie, reflektorische Tränen reagieren auf Reize von außen wie Zwiebeln, Wind oder Rauch. Emotionale Tränen enthalten mehr Serotonin und bei Frauen ebenfalls Prolaktin, zwei Hormone, die für das Wohlfühlen von großer Bedeutung sind.

Wann kommen die Tränen?

Tränen, so haben die Wissenschaftler weiterhin erforscht, sind ein Signal in der Kommunikation. Weinen erzeugt Mitgefühl und signalisiert Hilfsbedürftigkeit. Dass Weinen Mitgefühl erzeugt, scheint der Mensch im Laufe seiner Kindheit aber erst zu lernen, es ist nicht angeboren. Und so ist auch der Umgang damit entsprechend unterschiedlich – so wie wir es gelernt haben. Denn die Steuerung für die Tränenproduktion entsteht im Zentralnervensystem, wenn ein bestimmter Reiz eine neuronale Verschaltung in Gang bringt. Es wird vermutet, dass im Kleinhirn eine bestimmte Reizschwelle festgelegt wird. Da diese Gehirnzellen aber veränderbar sind, lernen wir also von klein auf, auf welche Reize wir mit Weinen oder Nichtweinen reagieren. Es sind also nicht die Ereignisse allein, es ist auch meine eigene Reizschwelle, die über die Tränen aus meinen Augen entscheidet.

Verborgene und nicht verborgene Tränen

Besonders die Generation unserer Eltern und Großeltern hat, das wird an den Gedenktagen deutlich, sehr viele Situationen erlebt, die im eigentlichen Sinne zum Weinen sind. Dass sich gerade daraus die Gewohnheit entwickelt hat, weniger zu weinen, hängt vielleicht auch mit dem Schmerz zusammen, der natürlich stärker erlebbar ist, wenn die Tränen fließen. Von Indianern wird beispielsweise erzählt, das Weinen zum Begrüßungsritual nach längerer Abwesenheit gehört.

Menschen weinen grundsätzlich nicht gerne in Gegenwart von Fremden, sagen die Forscher. Ja, das kenne ich auch gut. Und ich denke daran, dass meine letzten Tränen vor Rührung sogar bei einem Auszug aus der Kirche nach einem berührenden Gottesdienst waren. Natürlich war mir das peinlich, und ich war froh, dass mich niemand darauf angesprochen hat (und es vielleicht keiner gemerkt hat). Mit etwas Abstand wünsche ich mir, dass ich es mir selber erlauben könnte, vor anderen zu weinen und dass es auch in der Kirche sein darf, vor Rührung, vor Freude und vor Trauer Tränen zu vergießen. Eigentlich ist die Bibel ja voll von Ermutigungen, dass man sich auch vor Gott seiner Tränen nicht schämen muss.

Ich hoffe jedenfalls, mein Kleinhirn in den nächsten Lebensjahren noch etwas prägen zu können. Vielleicht muss die erlernte Reaktionsschwelle für Tränen in Zukunft nicht mehr ganz so hoch sein wie in den letzten 30 Jahren meines Lebens.

Und ich freue mich wieder, von Dir zu hören oder zu lesen, wie es Dir mit den Tränen ergeht.

 

3 Kommentare

  1. Fahlbusch Reinhold sagt

    Mein Freund Jochen, ehem. Arzt und Psychotherapeut, sagte immer: „Wenn Tränen fließen, kommt etwas in Fluss.“ und “ Tränen sind der Stuhlgang der Seele“. Darum kann ich sie auch akzeptieren, auch in der Öffentlichkeit (ganz selten) wie beispielsweise beim Besuch der Halle der Kinder in Jerusalem. Aber im Prinzip lieber allein, je älter, je weniger selten. Danke für diesen Beitrag.

    • Bruder Karl-Leo sagt

      Lieber Reinhold Fahlbusch,
      ja genau so passt es auch bei mir: je älter, je weniger selten.
      Herzlichen Dank für den Beitrag.

  2. Heike sagt

    Ich weine auch umso leichter, je älter ich werde, und das ist gut so.
    Tränen sind ein unmittelbarer Ausdruck von Kummer oder auch glücklichem tiefen Berührtsein. Es ist schön und tut gut, dann weinen zu können.

    Außer bei „öffentlichen Anlässen“ wie Trauerfeiern weine ich aber natürlich auch lieber allein, weil das doch sehr persönlich ist und ich dann ganz unbefangen so weinen kann, wie mir gerade zumute ist. Ich habe weinen auch schon „aufgeschoben“ und dann an einem geschützten Ort in Ruhe nachgeholt. Wenn die Tränen aber einmal hinter den Augen sitzen, möchten sie auch irgendwann heraus.
    Vor vertrauten Menschen ist es mir nicht peinlich zu weinen, nur nehme ich mich da natürlich etwas zurück.

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