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Genug! – Wann ist es eigentlich genug?

Menschen „ziehen die Reißleine“ und verändern ihr Leben. Sie geben eine verantwortliche Position kurzfristig und plötzlich ab. Wenn es sich dabei um eine Parteivorsitzende handelt, wird das Ganze tagelang medial breit besprochen. Und ich beobachte bei mir selber, wie ich Kommentare und Berichte dazu nachlese und auch irgendwie berührt bin über die Klarheit, die ein Mensch ausstrahlt, wenn er sagt, dass es jetzt genug ist. Die breite Palette zwischenmenschlicher Beziehungen scheint dabei sichtbar zu werden: Worte des Respekts, der Ermutigung zum Durchhalten und zum Zusammenhalt – vielleicht das ein oder andere schlechte Gewissen, durch eigenes Verhalten für diese Entscheidung mitverantwortlich zu sein.

Wahrnehmung für das, was mir gut tut

Ich musste in diesen Tagen darüber nachdenken, wie ich bei mir selber wahrnehmen kann, wann etwas genug ist. Bei den bekannten Fällen der Tagespolitik hat man den Eindruck, dass etwas nicht mehr stimmig ist, das es nicht mehr auszuhalten ist. Also eher ein: Es reicht – ich mache nicht mehr so weiter. Gibt es denn auch ein positives Gefühl von genug? Eine Wahrnehmung für das, was mir im Alltag gut tut, weil es genau im richtigen Maß vorhanden ist?

In Bezug auf Speisen und Getränke fällt es mir relativ leicht, wahrzunehmen und auch zu benennen, wann es für mich genug ist – auch wenn ich zugeben muss, dass ich üblicherweise erst dann sage, dass es genug ist, wenn ich mich bereits am Rande von zu viel bewege. Schwerer ist für mich, in Bezug auf Arbeit oder Schlaf eine gute Wahrnehmung für die Menge zu bekommen, die für mich „genug“ ist. Da bin ich schon leichter gefährdet, das gute Maß zu überziehen und zu viel zu arbeiten oder zu wenig zu schlafen. Und ich denke auch an die Regel des heiligen Benedikt, die besonders vom Abt und vom Cellerar (dem Finanzverwalter der Gemeinschaft) dieses sichere Gefühl für das rechte Maß erwartet.

Zwischen Richtwerten und Selbstwahrnehmung

Gibt es körperliche und seelische Kriterien für das richtige Maß? Wir alle kennen ja vermeintliche Richtwerte für Gewicht, Blutdruck, Cholesterin und vieles mehr. Hier sind es Werte, die Wissenschaftler zusammengetragen haben – oft jenseits von dem, was wir selber wahrnehmen.

Wie finde ich meine inneren Kriterien für das gute Maß? Auch wenn die Beschreibung nicht leicht ist und sicher viele unterschiedliche Gedanken zulässt, gibt es für mich zwei wichtige Kennzeichen: Das richtige Maß lässt wachsen. Wenn ich das richtige Maß gefunden habe, dann wachsen meine Kräfte und meine Freude zur gleichen Zeit an, ähnlich wie wir das bei einem Training im Sport kennen. Sicherlich gibt es im zunehmenden Alter dann auch Momente, wo die Kräfte nicht mehr wachsen können oder sogar zurückgehen. Aber das gute Maß hat Kraft und Freude.

Regeneration: Die Kunst der Wiederherstellung des Gleichgewichts

Und zu dieser Kraft und Freude kommt eine gute Regeneration. Regeneration ist zunächst eine ganz körperliche Erfahrung: Körperliche oder geistige Arbeit hat im Körper einen zehrenden Charakter und führt in dieser Hinsicht zu einem stofflichen Mangel. In einer Phase der Erholung wird dieser Mangel wieder ausgeglichen. Körperlich und seelisch ist gerade dieser Wechsel zwischen einer Phase mit zehrendem Charakter und einer Phase mit erholendem oder wieder versorgenden Charakter ganz entscheidend für das richtige Maß.

Eigentlich genug ist es immer dann, wenn der Körper und die Seele dringend die Erholungsphase brauchen, um keine Mangelerscheinungen und keinen Leistungsabfall zu bekommen. Wie schnell dieses Wechselspiel sein kann und sein soll, ist sicherlich unterschiedlich: In der Praxis für Stimmtherapie sage ich meinen Patienten oft, dass es kein Problem ist, wenn die Stimme abends müde ist, solange sie am nächsten Morgen wieder gut und fit ist. Bei beim Sport kann es durchaus so sein, dass man auch einmal zwei oder drei Tage noch in den Muskeln eine Anspannung spürt. Und bei geistiger Arbeit können solche Phasen durchaus noch etwas länger sein, wenn anschließend eine ausreichende Erholungsphase da ist.

Und ich merke, wie es mir gut tut, wenn ich mich auf diese Regeneration in meinem Körper konzentriere. Denn dann fällt es mir leichter, gute Entscheidungen zu treffen und doch anderen sagen zu können, wann es für mich genug ist.

Und ich freue mich wieder von Dir zu lesen, wie es Dir mit dem „es ist genug“ und „es reicht“ ergangen ist.

1 Kommentare

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    Christine Wagner sagt

    Je länger eine zehrende Zeit gedauert hat, desto schwieriger ist vielleicht der Wechsel in den Erholungsmodus. Körper, Geist und Seele sind noch auf Krise programmiert und hochsensibel – Erosions- und Explosionsgefahr in jede erdenkliche Richtung…
    Mir half und hilft eigentlich immer die Konzentration auf die Stimme der Vernunft, die mir zwar manchmal verspätet, aber dennoch irgendwann zuflüstert, dass die Wellen werden kleiner werden mit der Zeit, wenn ich einfach nur still halte, zunächst noch aushalte um dann meinen Anker zu setzen.
    Liebe Grüße von Christine

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