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Fünf Vorschläge wie man schwierige Zeiten überstehen kann

Ich merke eigentlich jetzt erst, was diese letzten Monate mich gekostet haben. Wie subversiv die Atmosphäre in mein Leben eindrang und das, obwohl ich im Grunde sehr geschützt lebe. Digital bin ich schon lange unterwegs und an einem üblichen Arbeitsalltag komme ich nur mit wenigen Menschen so in Berührung, dass ich mich anstecken könnte. Doch diese grundsätzliche Atmosphäre des Gefährdetseins, der Besorgnis, der Vorsicht und des Ausweichens machen vor niemanden halt, so sehr man sich auch geschützt weiß.

Es waren anstrengende Monate, das kann ich sagen. Deshalb tut mir auch die Sonne und Wärme dieser Tage sehr gut. Und die Leichtigkeit der letzten Wochen ohne große Verpflichtung waren sehr erholsam.

Anstrengende Tage kenne wir alle und wir alle haben schon schwere Zeiten durchgemacht. Doch eine solche Zeit kollektiv zu erleben, das ist für uns alle vermutlich neu - außer für die, die den Krieg noch erlebt haben.

Und das, was diese Zeit uns allen noch bringen wird, die so genannten Spätfolgen, von denen können wir noch gar nicht sprechen. Es reicht ja auch schon, was jetzt zu spüren ist.

Ich möchte heute davon sprechen, wie man eigentlich durch solche Zeiten gehen kann,  egal, ob man sie kollektiv oder individuell erlebt. Wie kann man solche Herausforderungen überstehen, sich schützen und unterstützen? Diese Zeiten können uns lehren, was man später einmal gut wird brauchen können.

Und so habe ich überlegt, was stärkt in einer solchen Zeit, welche Haltung ist hilfreich? Und so möchte ich Dir fünf solcher Haltungen vorstellen und erklären, die mir bedeutsam und hilfreich zu sein scheinen.


1. Es kommt auf Deine Reaktion an

Kennst Du den Spruch: Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur schlechte Kleidung? Ungefähr das ist damit gemeint, wenn ich sage, dass es auf Deine Reaktion ankommt. Wir können uns natürlich herrlich über die momentanen Bedingungen aufregen, können das Virus in die Hölle wünschen, können uns ärgern, können uns beschweren. Aber im Kern geht es nicht um das Virus, es geht darum, wie Du darauf reagierst.

Wie gehst Du mit der momentanen Situation um? Fahrlässig, unbeschwert, locker… oder: total ängstlich, zwanghaft, penibel? Ist Deine Haltung eine, die Dich und andere schützt und doch noch Freiraum lässt und wo noch Platz für Humor ist?

Wenn es regnet, und ich weiß, dass das ein hinkender Vergleich ist, dann kannst Du Dich über das Wetter ärgern oder Du holst einfach Regensachen aus dem Schrank . 

Verstehst Du? Der Unterschied ist Deine Reaktion, sie macht Situationen unerträglich, kompliziert oder leicht und überschaubar.

Reagiere also so, dass es Dich stark macht und dass es Deine Möglichkeiten nicht unnötig verkleinert. 


2. Wir sind anpassungsfähiger, als wir meinen

Ich kann mich noch an die erste Woche des Lockdowns erinnern. Ich hatte tatsächlich Angst, ich hatte Sorgen, mein Leben begann irgendwie aus den Fugen zu geraten. Überall war es so ruhig, man huschte schnell einmal nach draußen, um dann schnell wieder in den sicheren Hafen des eigenen Zuhauses heimzukehren.

Eine Woche später hatte ich mich daran gewöhnt und es begann normal zu werden. Und auch jetzt ist mir das Tragen der Maske zur Gewohnheit geworden und zwar so sehr, dass ich mir manchmal schon nackt vorkomme ohne. Ich weiß noch, dass ich ziemlich irritiert war, als ich erstmals nach Monaten einen Supermarkt ohne Einkaufswagen betreten durfte. Ich war immer irgendwie auf der Suche nach meinem Wagen und fühlte, dass etwas nicht stimmt, obwohl es längst erlaubt war.

Gerade wir Menschen sind sehr anpassungsfähig und darauf dürfen wir vertrauen. Und wenn, was ich wahrlich nicht wünsche, das Virus nicht gehen wird und wir noch Jahre damit zu leben haben, dann werden wir Wege finden, damit umzugehen. Wir gewöhnen uns schnell an solche Situationen. 

Darauf dürfen wir vertrauen.


3. Konzentriere Dich auf Dinge, die Du beeinflussen kannst

Wenn etwas von uns Besitz ergreift, wie derzeit das Virus, dann fühlen wir uns zumeist machtlos. Machtlosigkeit finde ich ein ganz unangenehmes Gefühl. Es macht mich wahlweise wütend oder lässt mich frustriert zurück. Beides aber führt nicht wirklich weiter. 

In solchen Zeiten sind es gerade die kleinen Routinen, die unser Leben stabilisieren. 

Ich kann mich daran erinnern, als mein Vater plötzlich starb. Es war fast eine Erholung im Dschungel der Trauer, sich um Beerdigung, Sarg und Trauerfeier kümmern zu dürfen und sich mit Fragen beschäftigen zu dürfen wie: Nehmen wir diese Blumen oder jene? Welche Aufschrift auf der Schleife? Wie war das noch mit dem Kuchen?

Es sind die kleinen Routinen und Tätigkeiten, auf die Du Wert legen solltest, die kleinen Abläufe, die Du beeinflussen kannst, die in Deiner Macht stehen. Und diese kleinen Routinen hat jeder immer und überall. 

Als ich Anfang der 90er Jahre im Uni-Klinikum in Münster auf der orthopädischen Kinderstation arbeitete, war es mir immer wichtig, den Kinder das Gefühl zu geben, Dinge im eigenen Umfeld bestimmen zu können. Über sie wurden so oft hinweg Entscheidungen getroffen, die oft mit Schmerzen verbunden waren, dass sie Inseln brauchten, um das Gefühl zu bekommen, noch etwas im Griff zu haben.

Und genau darum geht es bei der Fokussierung auf die kleinen Routinen zu spüren, ich bin nicht ohnmächtig.


4. Mut, kleine Schritte wertzuschätzen

Ja, in schweren Zeiten wollen wir alle, dass es schnell besser wird, dass die Zahlen einfach immer weniger werden und nicht plötzlich nach oben gehen. Man wünscht sich, dass alle sich an die Regeln halten und keiner ausweicht. Schön wäre es, aber so ist es nicht.

Dennoch dürfen wir die kleinen Schritte sehen und gehen.

Manchmal mag uns das Ganze sehr belasten und manchmal sind wir Buddha in Person. Auch wir gehen einen nicht linearen Weg, einen Weg der kleinen Schritte.

Erlauben wir uns dieses Tempo, erlauben wir uns die kleinen Schritte, die zusammen einst eine große Strecke ausmachen werden.


5. Du brauchst Geduld

Vielleicht mit das Schwierigste, die Geduld. Im Uni-Klinikum in Münster verbrachten die Kinder und Jugendlichen oft viele Wochen, manche Kinder kamen aus anderen Ländern und konnten kein Deutsch. Lange Operationen, lange Wartezeiten, unendlich langweilige Wochenenden.

Zunächst muss ich sagen, dass man es den Kindern ansah, wie sie darunter litten. Aber dort, wo Leid ist, dort wohnt zumeist auch das Heldenhafte. Und so war auch in den Augen der Kinder diese Kraft zu sehen, dieses Wollen und das Durchhalten und, ja, die Geduld, die unendliche Geduld, die man vor allem als kranker Mensch zu lernen hat.

Und manchmal ist es auch die Geduld mit unserer Ungeduld.

Lassen wir uns Zeit, lassen wir den Prozessen Zeit und nutzen wir unser Leben jetzt und nicht erst an einem fernen Tag, wenn alles wieder so ist, wie es einmal war.Wenn es diesen Tag denn je geben wird...

Soweit meine Lehren aus der Corona-Zeit für heute. Vielleicht sage ich in einem Jahr etwas anderes, mag sein. Aber für jetzt fühlen sich die fünf Punkte ganz stimmig an.

Oder würdest Du noch etwas ergänzen?

Solltest Du in dieser besonderen zeit eine Stärkung benötigen, dann empfehlen wir unseren Resilienz-Kurs, an dem Du kostenlos teilnehmen kannst.

  • Avatar Maria Regina sagt:

    Lieber David, danke Dir sehr für diesen unterstützenden Gedanken in dieser so alles Gewohnte umwerfenden Zeit. Ergänzend möchte ich erwähnen, dass mich sehr oft genaues Hinschauen auf ‚Selbstverständliches‘ tröstet. So betrachte ich oft und gern den Himmel, beobachte die Wolken, die unterschiedliche Färbung je nach Tageszeit und Wetterlage. Staune über diese Vielfalt, die mich hoffnungsvoll macht.