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Einen langen Atem haben

Einen langen Atem haben

Einen langen Atem haben

Wer in der Voßstraße einen Laden aufmachen will, der muss einen langen Atem haben. Diesen Satz habe ich oft zu hören bekommen vor fünf Jahren, ehe wir unseren Klosterladen aufgemacht haben. Nun ist es schon anderthalb Jahre her, dass wir unseren kleinen Laden wieder schließen mussten. Und doch denke ich als Atemtherapeut mit Schmunzeln an diesen Satz: Ob wir in Bezug auf unseren Klosterladen einen genügend langen Atem hatten, darüber mag man geteilter Meinung sein. Ich glaube schon, dass ich einen ziemlich langen Atem habe. Zu mindestens sind meine Messwerte ziemlich ordentlich.

Ausdauer als „langer Atem“?

„Einen langen Atem haben“ oder „einen langen Atem brauchen“ ist in unserer Sprache zu einer Redewendung geworden. Überraschend ist allerdings, dass diese Redewendung von vielen nur noch im übertragenen Sinne gebraucht wird, als Synonym für „Ausdauer haben“ oder „geduldig sein“. Besonders, wenn diese Redewendung im Zusammenhang mit Dingen verwendet wird, die mehrere Monate oder Jahre dauern, gibt es gefühlt keinen Bezug zur Atmung mehr. Aber, wo gibt es Menschen mit einem langen Atem im ursprünglichen Sinn des Wortes? Was macht es so besonders und wie kann ich es üben, einen langen Atem zu haben?

Auf die Muskeln kommt es an

Aus meinem Alltag denke ich natürlich als erstes an Menschen, die einen gesungenen Ton sehr lange aushalten können. Während der gesunde Normwert bei mindestens 8 Sekunden definiert wird, erlebe ich in der Praxis Menschen, die einen Ton weit über 40 Sekunden aushalten können, also mehr als fünf  Mal so lang. Die Mediziner erläutern dazu, dass die Größe der Lunge bei gesunden Menschen keinesfalls so unterschiedlich ist. Entscheidend für die Länge der Ein- und der Ausatmung ist, (wenn keine Erkrankung der Lunge vorliegt), wie meine Atemmuskeln die Lunge auseinander bewegen und wieder zusammenführen. Wer also seine Atemmuskeln sehr langsam und sehr weich bewegen kann, die Luft sehr gleichmäßig und langsam aus der Lunge entlassen kann, der hat einen langen Atem. Die Größe des Lungenvolumens selber sagt wenig über einen langen Atem aus.

Atemmuskeln prägen die Persönlichkeit

Offensichtlich ist diese Fähigkeit zu sehr langsamen und gleichmäßigen Muskelbewegungen eine besondere Eigenschaft. Sobald ich angespannt, nervös oder aufgeregt bin, wird diese Fähigkeit geringer oder sie geht ganz verloren. Und so müsste man eigentlich sagen: Jemand, der einen langen Atem hat, ist einer, der mit seiner Atemmuskulatur nicht so leicht in Anspannung gerät. Er wirkt ausgeglichener, ruhiger und entspannter. Östliche und westliche Mönche haben diesen langen Atem zu allen Zeiten geübt. Man denkt zum Beispiel an die gregorianischen Gesänge mit ihren langen Tonfolgen, sie sind eine tägliche Übung der entspannten Ausatmung (natürlich sind sie auch noch viel mehr). Und in der östlichen Tradition wird die Verlängerung des Atems mit bestimmten Worten, Lauten oder dem Zählen geübt. In dieser einfachen Weise kann sich das jeder vornehmen: Für den Anfang schlage ich vor, 4 Sekunden ganz langsam durch die Nase einzuatmen und dann 10 Sekunden durch den Mund auf ein [f] auszuatmen. Wer merkt, dass diese Zeiten für den Beginn zu groß sind, kann kleiner beginnen, und wer viel Erfahrung hat, wird schon bald deutlich längere Zeiten schaffen. Wichtig dabei ist, dass man spätestens nach 5 bewussten Atemzügen die Atmung zunächst wieder frei lässt, so wie sie alleine atmen will, und erst, wenn die Atmung ganz in die Entspannung zurückgekehrt ist, eine weitere Einheit übt. (Wer beim Üben Luftnot oder irgendein Unbehagen spürt, sollte diese Übung sofort beenden und sich einen erfahrenen Anleiter suchen, der ihn einführt.)

Und wieder freue ich mich über Deine Kommentare und Ergänzungen, wie Du in Deinem Alltag einen langen Atem bewahren kannst.
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