David, Glaube
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Die Tageszeitung – Anleitung zur spirituellen Lektüre

Die Tageszeitung – Anleitung zur spirituellen Lektüre

Es gehört seit langem zu meinem persönlichen Credo: Wer dem Profanen nichts Spirituelles abgewinnen kann, der hat Spiritualität gründlich missverstanden. Wenn wir nämlich davon ausgehen, dass es die Trennung von spirituellen und weltlichen Räumen nicht gibt und Gott alles mit seiner Präsenz durchdringt und überall gegenwärtig ist, dann kann ich alles als spirituellen Ort erfahren und für mich nutzen.
Deshalb war es auch folgerichtig, dass in unserem ehemaligen Kuhstall in der Abtei ein Kreuz hing – nicht anders als in einer Kapelle, im Speisesaal der Mönche oder auf den Zimmern. Es war zwar reichlich mit Spinnweben behangen, das machte das Kreuz aber viel echter und stimmiger.
Wenn dem also so ist, dann muss es doch auch möglich sein, die Tageszeitung spirituell zu nutzen. In vielen Büchern kann man zwar nachlesen, dass gerade bei der Lektüre der Tageszeitung Vorsicht geboten ist. Ich meine aber: Wer die Tageszeitung nicht als spirituelle Lektüre lesen kann, braucht auch die Bibel nicht aufzuschlagen.
Dabei muss ich zugeben, dass ich immer wieder Phasen habe, in denen ich nur mit Widerwillen die Zeitung am Morgen aufschlage. Nicht selten lasse ich es dann ganz. Die Entwicklung der Politik, der Gesellschaft sowie der Kirche insgesamt in den letzten Jahren macht mir keine Freude und nur wenig Hoffnung. Umso wichtiger auch für mich, die Tageszeitung neu zu sehen und für mich zu nutzen.

Katastrophen und Schicksale

Das ist es ja, was mich vom Zeitunglesen abhält. Die dauernde Konfrontation mit den Krisen in der Welt. Doch ich muss mir zugleich eine Frage stellen: Will ich in einem Elfenbeinturm leben, dort, wo alles nett und lieb ist, wo ich mich sicher fühle und niemand mir etwas anhaben kann?
Die Tageszeitung konfrontiert mich mit dem Leben, mit Tod, Leid, Intrige, Ungerechtigkeit, Rechtlosigkeit. Es gilt, nicht die Augen davor zu verschließen und zugleich ist es wichtig, sich nicht damit so zu verbinden, dass ich darunter leide. Mut zur Nähe und Kraft zur Distanz empfahl uns unser Dozent während meines Studiums im Fach Methodik und Didaktik der Sozialpädagogik und meinte damit, dass es wichtig ist, Menschen in ihrem Leid Nahe zu sein und zugleich immer wieder die Distanz zu suchen, um darin nicht unterzugehen, sondern den weiten Blick zu behalten. Und das gilt meines Erachtens auch für das Lesen der Tageszeitung.

Ich bin der Welt, deren Teil ich ja bin, nahe, ohne darin aufzugehen. So lese ich über all die Katastrophen, dramatischen Entwicklungen und Schicksale.
Und durch die Distanz kann ich beginnen, für all das zu beten, es mit in die Meditation zu nehmen, eine Kerze anzuzünden (und sei es nur in Gedanken) und still zu bitten:
Mögen die Menschen tiefen Frieden finden.

Natur und Wetter

Ach ja, das Wetter. Ein schönes Thema, nicht wahr? Morgens zu schauen, wie das Wetter wird – heute und an den Folgetagen. Aber auch die Nachrichten über den Klimawandel, über Umweltzerstörung und Tierquälerei gehören zur Berichterstattung dazu.
Wir leben nicht auf einer Insel und wir müssen endlich verstehen, dass Natur ein spirituelles Thema ist, nicht nur etwas für bischöfliche Arbeitshilfe, sondern es muss ein Teil unseres spirituellen Lebens werden.
Wir stammen alle aus der gleichen Quelle und kehren alle wieder ein ins gleiche Ziel.
Diese tiefe Verwandtschaft von allem, was lebt, sollte uns demütig machen und uns erkennen lassen, dass wir aus dem gleichen Holz geschnitzt sind wie alles andere.

Die Tageszeitung kann uns täglich genau daran erinnern: Das tägliche Wetter ist nicht nur Information für die Entscheidung, was ich anziehe. Es ist Botschaft, Erinnerung und zeigt uns auf sehr einfache Art auf, wie großartig und differenziert sich alles entwickelt und gedacht ist.

Leben und Tod

Ich bin niemand, der die Todesanzeigen liest – zumal ich zu wenige Menschen in Hannover kenne, dass ich dabei einmal auf jemanden stoße, den ich kenne. Aber auch zu der Zeit als ich in Meschede lebte, habe ich die Todesanzeigen nicht gelesen, obwohl ich zu der Zeit viele Menschen dort kannte. Aber damals wusste ich auch noch nichts von der spirituellen Lektüre der Tageszeitung. Spiritualität muss immer einen Bezug zur Existenz des Menschen haben und dazu zählen vor allem Geburt und Tod. Das sind die Grundpfeiler unserer Existenz. Das Leben ist ein ständiger Neuanfang, ein Beginn, ein Werden und Geborenwerden und zugleich ist das Leben ein Sterben, ein Vergehen, ein Loslassen und abgeben. Beides passiert immer zur gleichen Zeit, an jedem Augenblick unseres Lebens.
Lies die Todesanzeigen, auch wenn Du niemanden kennst, spüre nach, was der Tod dieses Menschen für die Angehörigen bedeuten mag, welches Schicksal sich hinter dieser Anzeige verbirgt – wer zwischen den Zeilen lesen kann, bekommt schnell eine Ahnung davon.
Und lies die Geburtsanzeigen, spüre das Glück der Eltern, die Hoffnung, die ein Kind für diese Gesellschaft bedeutet.
Und zum Schluss versuche, beides in Dein Herz zu nehmen, beides parallel wahrzunehmen, zu würdigen und als gleichwertigen Vollzug des Lebens zu achten. Dazu kannst Du eine Todes- und eine Geburtsanzeige ausschneiden und vor Dir auf den Tisch legen. Dann lege die eine Hand auf die Todesanzeige und die andere Hand auf die Geburtsanzeige. Du kannst so leichter beides zusammen wahrnehmen als die Grundpfeiler allen Lebens und Dich damit verbinden.

Eine solche Übung kann Dir viel Kraft schenken.

Versuchung und Befreiung

Wenn ich morgens die Zeitung nehme, dann passiert es nicht selten, dass sogleich die ganze Flut der Beilagen herausfällt. Da werden Teppiche angeboten, die neue Kleiderkollektion, Waschmaschinen, Handys, Lebensmittel und vieles mehr. Natürlich ist auch die Zeitung selber mit Reklame gespickt.
Eigentlich ein schöner Anlass für diese kleine Übung:
Nimm eine der Beilagen in die Hand. Blättere sie durch, betrachte das Angebot, die Bilder und Preise. Und wenn du alles studiert hast, dann lege die Beilage vor dich hin und sage dir:
Danke für das Angebot, aber das alles brauche ich (eigentlich) nicht und ich gebe es frei und weg.
So kann jede Beilage zu einem kleinen Ritual des Loslassens und des Freiseins werden.
Denn Mal ehrlich: was brauchen wir schon wirklich?

Grundbewegungen des Lebens

An dieser Stelle mal etwas Grundsätzliches. Die Zeitung ist ein Ort für die Grundbewegungen des Lebens. Über Tod und Leben sprachen wir schon. Wir könnten noch über Schuld und Sühne, Lüge und Wahrheit oder Erfolg und Scheitern sprechen. Die Zeitung ist eine Sammlung von Schicksalen – persönlichen und gesellschaftlichen. Einem Jahr des Glücks folgt ein Jahr der Trauer, der Erfolg wird vom Misserfolg abgelöst, die Lüge weckt die Sehnsucht nach der Wahrheit.
In der Zeitung ist das ganz geballt, parallel, in einem Augenblick, wie in einem Brennglas konzentriert. Hier kannst Du lesen, wie es einem ergehen kann.
Zum Beispiel Frau Merkel, egal, wie Du zu ihr stehst. Sie hatte Erfolge und Niederlagen, die meisten Politikerkarrieren enden mit einer Niederlage. Sie hat Widerspruch erlebt, Zustimmung, Verrat und Ehrungen.
Ein Leben mit sehr großer Dichte. Und alles wurde in den Zeitungen berichtet.
Die Tageszeitung ist der Ort, wo diese Bewegungen des Lebens öffentlich berichtet werden (neben dem Fernsehen und dem Radio).
Wenn Du das Ganze einmal aus Distanz betrachtet, dann spürst Du etwas von der Kraft des Lebens.

Suchen und gefunden werden

Noch eine Rubrik kannst Du spirituell nutzen: Die Anzeigen.
Ich spreche hier vor allem von den Beziehungsanzeigen und den Stellengesuchen.
In beiden wird eine Sehnsucht des Menschen spürbar.
Ich glaube, dass hinter den meisten Beziehungsanzeigen eine Geschichte steht. Eine Geschichte von vielen Versuchen, vom Scheitern, der Sehnsucht nach einem Partner, einer Partnerin und dann dem Schritt in die Zeitung. Da erhofft sich jemand eine schönere Zukunft, ein Leben zu zweit, ein Ende der Einsamkeit, ein Ende des einsamen Lebens zwischen lauter Paaren.

Und da erhofft sich ein Mensch einen Ort und eine Möglichkeit, Geld zu verdienen, sein Leben zu bestreiten, zufriedener zu sein, erfüllter.
Kann man das nicht einer jeden dieser Anzeigen anmerken, kann man es nicht erfühlen? Mit dem Lesen dieses Teils der Tageszeitung kommst Du in Kontakt mit diesen tiefen Sehnsüchten der Menschen, mit Einzelschicksalen und mit Lebensgeschichte.

Schneide Dir eine der Anzeigen aus und nimm sie mit in den Tag. Lass sie einfach in der Hosen- oder Jackentasche, lege sie in deine spirituellen Ecke in deiner Wohnung oder lege sie in das Buch, das du gerade liest.
Achte den einzelnen Menschen dadurch und nimm Anteil an seinem Weg und seinem Schicksal.

Werde kreativ! Dadaismus konkret

Und jetzt? Zeitung durchgelesen?
Jetzt bleibt noch in letzter Schritt. Du kannst dir von der Zeitung ein Gedicht schenken lassen. Und so kommst du vielleicht einer Weisheit näher, die du dort nie vermutet hättest.

Suche dir eine Anzeige aus der Zeitung aus, die einen Text enthält, der nicht länger als zwei Sätze ist.
Schneide die Anzeige aus, schneide dann jedes Wort der Anzeige aus und gib die Wörter in eine Plastiktüte.
Dann schüttelst du die Tüte und mischst so die Wörter.
Danach greifst Du in die Tüte und nimmst ein Wort nach dem anderen heraus, gleich so, wie es dir zwischen die Finger kommt.
Nun klebst Du die Worte in der gleichen Reihenfolge auf ein Blatt Papier.

Was dabei herauskommt, ist ein dadaistisches Gedicht.
Manchmal völlig wirr, quasi sinnfrei und manchmal entdeckst du in dem Gedicht Spuren von Sinn und Bedeutung. Und manchmal lädt dich das Gedicht zum schmunzeln ein.
Genauso, wie das Leben eben manchmal ist.
Und Spiritualität ist Leben pur! Oder?

3 Kommentare

  1. Heike sagt

    Mein Alltag hat keinen Raum fürs Zeitung lesen; Nachrichten und Kommentare beziehe ich aus dem Radio.

    Aber ähnlich interessant ist es, die Aufmacher der verschiedenen Zeitungen im Vorbeigehen oder -fahren am Kiosk anzuschauen. Was ist der Aufreger des Tages der BILD, was titelt die HAZ, was die großen Zeitungen?
    Was wäre meine Schlagzeile des Tages?

  2. Margit sagt

    Vielen Dank für den wunderbaren Artikel. Ich überlege häufig in Bus oder U-Bahn, was die Menschen, denen ich begegne, wohl bewegen könnte, wohin sie fahren, mit wem sie mit dem Smartphone kommunizieren, in welcher Stimmung sie sind…. Auch das läßt einen eintauchen in das Leben, wie es eben ist, und ich habe dabei häufig das Gefühl, das Leben in seiner ganzen Dichte, wie du das so schön ausdrückt, spüren zu können.

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