Karl-Leo, Leben
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Berühren lernen und verstehen können

Berühren lernen und verstehen können

Wenn Babys die Welt um sich herum entdecken wollen, dann nehmen sie Gegenstände wie selbstverständlich in den Mund. Die Augen können noch nicht so scharf sehen und auch die Finger müssen das feine Tasten noch lernen. Wenn ein kleines Kind also etwas intensiv erkunden möchte, dann kann es das nur mit dem Mund. Mit diesem Tastsinn bekommt das Kind eine Vorstellung von Form, Größe, Oberflächenbeschaffenheit und Festigkeit des Gegenstandes, zusätzlich natürlich auch von Geschmack und Geruch. Vielleicht ist der Gegenstand warm oder kalt, vielleicht gibt es einen Schmerz, weil der Gegenstand hart oder spitz ist. Und im Normalfall lernt das Kind aus der Berührung des Gegenstandes, wie es zukünftig mit diesem Gegenstand umgehen will und welche Bedeutung dieser Gegenstand in seinem Leben haben kann.

Alles mit dem Mund

So haben wir alle angefangen, unsere Umwelt zu entdecken – oft zum Schrecken unserer Eltern, die uns ermahnen, nicht alles in den Mund zu nehmen. Erst wenn wir größer sind, lernen wir, mit unseren Fingern und insgesamt mit der Haut Gegenstände wahrzunehmen und einzuordnen. Im Berühren eines Gegenstandes beginnt das Verstehen. Das Berühren und das Verstehen gehören zusammen. Berühren ist im Wesentlichen ein sensorisches Ereignis, das an den Rezeptoren unserer Haut gestartet wird. Die Auswertung dieser Ereignisse, das Verstehen, findet im Gehirn statt. Das klingt eigentlich sehr einfach und klar. Aber manchmal funktioniert diese Verbindung nicht mehr so richtig.

Was kommt im Gehirn an?

Denn mein Körper hat auch eine Schutzfunktion angelegt: Er kann die Auswertung der Wahrnehmung durch Muskelanspannung dämpfen. Es ist kalt, ich friere und ziehe die Schultern hoch. Und schon friere ich weniger – gefühlt zumindest. Die Temperatur ist allerdings nicht gestiegen. Durch die Muskelanspannung habe ich die Reizweiterleitung an das Gehirn gedämpft. Der negative Impuls, der durch die Kälte entsteht, kommt einfach nicht so stark im entsprechenden Areal meines Gehirns an. Viele unangenehme Situationen kann ich nur bestehen, wenn ich die negativen Reize etwas dämpfe. Aber in diesen Phasen verliere ich sowohl den Zugang zum Berühren als auch den Zugang zum Verstehen.

Dann wächst in mir die Sehnsucht, dass beides wieder zusammenfindet, Berühren und Verstehen. Ganz bewusst legen ich mir dann die Hand auf den Bauch oder auf die Brust. Ich versuche, die gedämpften Reizbahnen zu ermutigen, wieder mit mir ins „Verstehen“ zu kommen. Manchmal passiert das auch, wenn ein anderer mich berührt. Manchmal nehme ich einfach die Muskeln in seiner unterschiedlichen Anspannung wahr – und spüre, wie sie sich alleine dadurch verändern, dass ich sie wahrnehme, also das Zusammenspiel von Muskel und Gehirn „wieder neu belebe“.

Berühren und verstehen

Zärtliche Berührungen in seinen vielfältigen Formen helfen in besondere Weise dazu. Wieder denke ich an die kleinen Kinder: Sie können ganz von alleine so im Arm von lieben Menschen liegen, dass die Reizbahnen wieder frei gemacht werden. Darum ist es so wohltuend, ein kleines Kind auf dem Arm zu nehmen. (Wenn sie denn schreien, ist es natürlich schnell auch ganz anders.)

Nicht nur für mich selber, auch im Miteinander braucht Verstehen die Berührung. Viele Gesten des Alltags wie der Händedruck, das Streicheln, die Umarmung, der Kuss sind nicht nur äußere Zeichen des Verstehens. Im Tun selber wächst das Verstehen weiter. Berühren und Verstehen entwickeln sich zusammen.

Ich wünsche Euch viel Freude mit dem Verstehen im Berühren – und manchmal ist es auch hilfreich, sich mit seinem Liebsten oder seiner Liebsten auszutauschen, was man da im Berühren voneinander verstanden hat.

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