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Aus der Eintönigkeit in die Vorfreude

In allen Straßen im Stadtteil bin ich in diesem Lockdown gefühlt schon hundert Mal spazieren gegangen. In den ersten Wochen habe ich dann noch gedacht: Jetzt geh doch mal einen anderen Weg. Aber langsam sind auch die anderen Wege alle langweiliges Einerlei geworden. Irgendwie ist mein Körper reif für ein paar Urlaubstage: einfach mal wieder ein paar Tage wegfahren, Kreislauf und Beine bewegen und die Seele baumeln lassen mit neuen Eindrücken. So viele Monate war das schon nicht mehr möglich. Darum beobachte ich genau, was die Politiker so alles zum Thema Osterurlaub sagen. Natürlich ist das – wie so Vieles in der Pandemie – wenig klar und verlässlich. Die einen machen mir Hoffnung, die anderen betonen, dass es zu Ostern viel zu früh für eine größere Lockerung wäre. Und gerade in diesen Wochen, die eher mit hoffnungsarmen Nachrichten voll sind, sehnt sich mein ganzer Körper nach anderen Nachrichten.

Realistisch und hoffnungsvoll

Was will ich glauben - wem will ich glauben? Natürlich kann ich dazu meinen gesunden Menschenverstand einsetzen, vielleicht ergänzt durch die eine oder andere medizinische Kenntnis, die ich mittlerweile sammeln konnte. Aber da gibt es auch noch die andere Seite. Was passiert mit mir, wenn ich in diesen Wochen besonders „realistisch“ die Gefährdungslage einschätzen wollte. Und was passiert mit mir, wenn ich besonders „hoffnungsvoll“ auf die nächsten Wochen schaue.

Ich musste dabei an die Geschichte im kleinen Prinzen denken, die dieses Gefühl in so einfachen Worten, aber doch so treffend beschreibt: „Es wäre besser gewesen, du wärst zur selben Stunde wiedergekommen", sagte der Fuchs. "Wenn du zum Beispiel um vier Uhr nachmittags kommst, kann ich um drei Uhr anfangen, glücklich zu sein. Je mehr die Zeit vergeht, um so glücklicher werde ich mich fühlen. Um vier Uhr werde ich mich schon aufregen und beunruhigen; ich werde erfahren, wie teuer das Glück ist. Wenn du aber irgendwann kommst, kann ich nie wissen, wann mein Herz da sein soll ... Es muss feste Bräuche geben.“

Freude ist im gesamten Körper 

Ich kenne die Erfahrung, dass die Erwartung eines freudigen Ereignisses meinen Körper verändern kann. Forscher haben beschrieben, dass der Körper wie in der freudigen Situation einen erhöhten Endorphinspiegel hat und Stressgefühle dadurch reduziert sind. Vor wenigen Jahren haben Forscher der finnischen Universität Aalto auch noch nachgewiesen, dass Emotionen wie Furcht, Ekel, Trauer, aber auch Liebe in ganz bestimmten Körperbereichen zu spüren sind. Anders ist es nur mit der Freude: Bei der Freude ist im gesamten Körper die muskuläre Aktivität und Durchblutung erhöht. Besonders wichtig bei der Freude ist es, dass sowohl die Atmung als auch der Herzschlag leicht verändert sind.

Vorfreude macht aus freudigen Momenten eine langanhaltende Freude

Offensichtlich sind wir in der Lage, allein in Erwartung eines freudigen Ereignisses im Körper genau die gleichen Reaktionen auszulösen, die die tatsächliche Freude dann in uns auslöst. Natürlich muss diese Vorfreude in einer zeitlichen Beziehung stehen zu der tatsächlichen Freude. Also das Ereignis, auf das ich mich gefreut habe, muss dann wirklich schön werden können. Aber eine deutsche Redewendung sagt wohl nicht ganz umsonst: Vorfreude ist die schönste Freude. Offensichtlich bringt die Vorfreude eine eher langanhaltende und gleichmäßige Veränderung in den Körper, mehr sogar noch, als der freudige Moment selbst.

Aber kann man in diesen Wochen überhaupt in einer solchen Vorfreude leben? Wenn ich verstärkt auf die Pandemie und viele politische Entscheidungen schaue, ist das schwer möglich. Wenn ich eher auf mich schaue und von da auf Gott, ist das aber schon viel besser möglich.   

Auf der Hälfte der Fastenzeit, kurz vor dem vierten Sonntag in der Fastenzeit, ist die Liturgie schon ganz von der Vorfreude geprägt. Laetare heißt der Sonntag nach dem alten Introitus, der mit dem Wort „Freut euch“ beginnt und dabei schon die Melodie des österlichen Hallelujas anklingen lässt. Sich drei Wochen am ganzen Körper freuen - das ist eine lange Zeit, aber auch eine wirklich schöne und intensive Zeit. Ich freue mich jedenfalls, von Dir zu lesen, wie sich in Deinem Körper Vorfreude anfühlt, wie lange sie hält und was das besonders Schöne daran ist.

Bruder Karl-Leo Heller OSB