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Warten und Erwarten

Schon im November drehte sich auf dem Weihnachtsmarkt auf der Liste Meile das Kinderkarussell. Im Beat eines Disco Fox, unterlegt mit kräftigem Schlagzeug, dröhnte „Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all“ aus den Boxen. Aber die Kinder kommen noch gar nicht. Vereinzelt ein paar genervte Mütter, die ihre Kinder ein paar Runden kreisen lassen in der Hoffnung, dass es dann mit weniger Geschrei weitergehen kann.

Advent – eine Zeit des Wartens? Dazu gibt es natürlich viel Frommes zu lesen und ich selbst bin mir natürlich der Bedeutung des Wartens auf die Ankunft Gottes durchaus bewusst. Aber wenn ich in diesen Tagen durch die Stadt gehe, entsteht in mir immer mehr die Frage: Auf was warten die Menschen eigentlich hier wirklich? Hat der vorweihnachtliche Stress, den viele von uns so beklagen, etwas mit „dem Warten“ zu tun?

Meine Erwartungen an mich selbst

Beim genaueren Nachspüren entdecke ich eher eine Zeit der Erwartungen als eine Zeit des Wartens. In den Tagen vor Weihnachten steigen bei ganz vielen Menschen die Erwartungen. Diese Erwartungen können ganz unterschiedlicher Art sein: die Erwartungen an schöne Geschenke, an ein harmonisches Fest in der Familie oder Partnerschaft, die Erwartungen an eine sinnvolle und sinnstiftende Zeit. Oft ist es schon schwer genug, die Erwartungen an sich selbst vor Weihnachten einigermaßen so zu erfüllen, dass man damit fröhlich ist. Noch viel schwieriger wird es, wenn man mit Erwartungen anderer konfrontiert ist, die man nicht erfüllen kann oder nur widerwillig erfüllt. Der Weihnachtsbraten und die selbstgebackenen Weihnachtskekse, aber auch der Weihnachtsbesuch bei der Familie mit gespielter „Friede-Freude-Eierkuchen-Stimmung“ kann manche in einen Stresslevel versetzen, der Kräfte raubt und uns manchmal sogar krank macht.

Wie werden aus Erwartungen Stress?

Aber warum Kosten diese Erwartungen so viele Kräfte? Weil unser Körper wie bei Gefahr reagiert. Diese Gewohnheit hat der Mensch seit vielen tausenden von Jahren erlernt und bewahrt. Hormone wie Adrenalin, Noradrenalin, Cortisol werden ausgeschüttet, der Organismus geht in eine erhöhte Alarm- und Handlungsbereitschaft, die sich auf die Muskulatur, die Atmung und den Kreislauf auswirkt. Um das zu Leben zu retten, musste man früher fliehen, kämpfen oder sich tot stellen. Und so reagiert er heute noch immer. Der Blutfluss wird umverteilt und alle Funktionen, die im Augenblick als nicht lebensnotwendig erkannt werden, werden gehemmt. Auch höhere Hirnfunktionen werden vermeintlich nicht gebraucht und abgeschaltet, es entsteht ein Tunnelblick. Je bedrohlicher und stressiger eine Situation erlebt wird, umso weniger sind wir Menschen zu intelligenten, kreativen oder ethischen Lösungen in der Lage.

Gerade die Erwartung an eine besonders schöne und entspannte Zeit, an Glückseligkeit und Wohlgefühl in Partnerschaft, Familie oder dem Kloster entwickelt sich im Organismus schnell wie eine Gefahr. Das ist ausgesprochen schade, denn die Grundbotschaft des Adventes verkündet uns ja gerade, dass uns keinerlei Gefahr droht, sondern das unsere Erlösung nah ist.

Wie kommt nun der Körper wieder aus seinem Stress heraus? Der Hippocampus im Gehirn zügelt die Stresshormone des Körpers wieder und als Abbauprodukt entsteht körpereigenes Morphium – der Mensch fühlt sich wohl. Und er fühlt: Alles richtig gemacht. 

Mehr warten und weniger erwarten

Und genau hier entsteht unsere Herausforderung: Wenn ich bis Weihnachten abwarten muss, um meinem Körper zu melden, dass er alles richtig gemacht hat – wenn ich es Weihnachten weiß, ob ich die Erwartungen in meinem Umfeld einigermaßen erfüllt habe, dann gerate ich in der Zeit bis dahin in einen Dauerstress. Aber vielleicht lächle ich einfach ein paar Erwartungen in dieser Adventszeit einmal an und sage ihnen: Nein, das erwarte ich doch gar nicht von mir. Und vielleicht auch noch nein, das erwarte bitte nicht von mir! Dann entsteht vielleicht ein bisschen Entspannung und das nötige Wohlgefühl, um wirklich auf den warten zu können, wegen dem es diese Adventszeit doch eigentlich überhaupt nur gibt.

Und wieder freue ich mich, von Dir zu lesen, wie es Dir in diesem Adventstagen ergeht.

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