Glaube, Karl-Leo
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Vom freudigen Rausch und den Tagen danach

Vom freudigen Rausch und den Tagen danach

„Am Aschermittwoch ist alles vorbei“, singen die Karnevalisten im Rheinland und schlafen an den nächsten Tagen ihren Rausch aus. So das gängige Klischee. Gleichzeitig bemüht sich die Kirche, uns Gläubigen klarzumachen, dass es mit dem Aschermittwoch erst so richtig losgeht: das sinnvolle, Gott gefällige Leben, möglichst ohne Alkohol und Süßigkeiten, mit dem wir uns auf Ostern vorbereiten sollen. Als Kind jedenfalls musste ich alle Süßigkeiten, die ich im Straßenkarneval gefangen hatte, in eine große Plastiktüte packen. Die wurde gut verschlossen und erst am Nachmittag des Karsamstags wieder geöffnet. Damit war für mein kindliches Gefühl sehr klar, was am Aschermittwoch vorbei war….

Zeiten, wo man aus sich heraus gehen kann

Als gebürtiger Kölner schlägt mein Herz natürlich für den Karneval, dem ich auch als Christ viel abgewinnen kann. „Wenn es Karneval nicht gäbe, müsste man ihn aus psychotherapeutischen Gründen einführen“, so hat der Philosoph und Therapeut Wolfgang Oesler gesagt. Die Psyche des Menschen braucht abgesprochene Zeiten, wo man aus sich heraus gehen kann in eine kleine Mini-Ekstase. Und dazu gehört der Rausch.

Natürlich denken wir bei Rausch schnell an Alkoholexzesse in den Karnevalstagen, möglicherweise an Drogen und andere ungesunde Zustände, gar noch in Verbindung mit Übergriffen und Straftaten. Darf man angesichts mancher Fernsehbilder über die positiven Seiten des Rausches sprechen? Es ist heikel, mir ist das wohl bewusst. Trotzdem möchte ich es wagen, den schönen Seiten dieser besonderen Schwelle der Fastnacht nachzugehen, und hoffe, damit nicht missverstanden zu werden.

Intensive Glücksgefühle brauchen keine äußeren Substanzen

Die positive Seite des Rausches, dieses intensive Glücksgefühl, das uns aus der normalen Gefühlslage heraushebt, fasziniert mich. Der schöne Rausch hat eine stimulierende und eine entspannende Wirkung. Und eigentlich kann der Körper das selber: Es sind bestimmte Botenstoffe, also Hormone und Neurotransmitter, die diese Wirkung in unserem Körper auslösen können. Freude, lachen und tanzen, aber auch zärtliche Berührungen können den Körper so ein Stück berauschen. Natürlich gibt es auch von außen zugefügte Substanzen, die dieses Glücksgefühl seit vielen Jahrhunderten verstärken können: Alkohol und auch Weihrauch gehören dazu. Das sind zwei Substanzen, die die Christen aus guter Tradition sehr regelmäßig in ihren Gottesdiensten verwendet haben. Sie sind aber maximal eine Hilfe zur Intensivierung – niemals sollen sie rein äußerlich ein Glücksgefühl im Gottesdienst erzeugen.

Damit ein intensives Glücksgefühl entstehen kann, damit die Seele sich erheben kann, müssen bestimmte Botenstoffe ausgeschüttet werden  – und es müssen sich die Muskeln lösen und entspannen können. Wenn ich mich an die Momente erinnere, in denen ich Gott wirklich als mir nah gespürt habe, dann waren es immer auch Momente, in denen ich körperlich ziemlich gelöst war  – oft wie leicht berauscht in einem Glücksgefühl.

Vom wachen Rausch der tiefen Erfahrung

Dieses Gefühl ist völlig anders als das dösig torkelnde Gefühl, dass ich nach zu viel Alkohol habe  – (ansonsten habe ich mit Drogen keine Erfahrungen) – aber dieser „wache und freudige Rausch“ scheint dazuzugehören, um tiefe Erfahrungen im Glauben und mit Gott machen zu können. Im guten Sinn könnte man das im Karneval lernen und damit verbunden auch besonders in der Zeit vor Ostern lernen.

Epikur hat einmal gesagt: „Genuss ist die kluge Zügelung maßloser Begierde“. Das ist ein sehr hilfreicher Satz für alles, was wir an Karneval und in der Fastenzeit suchen: den Rausch und die Zärtlichkeit, den Tanz und die Feier, die Stille und Besinnung, die Strenge und den Verzicht.

Ich freue mich wieder, von Euch zu lesen, wo es Euch gelingt, Genießer(innen) der Freude werden – in kluger Zügelung der maßlosen Begierde – und wo Ihr gerade in diesem freudigen Rausch die Nähe Gottes spüren könnt.

  • Avatar Evelyn Globig-Meyer sagt:

    Lieber Carl Leo,
    es mag eigenartig sein, aber es gibt einen kleinen, runden und festen Ziegenkäse. Dieser ist, schon wegen der Preislage, ein seltenes Gut. Aber gerade deshalb so wertvoll. Er wird nicht einfach gegessen, sondern verkostet. Erst der nicht gerade zurückhaltende Duft. Tief einatmen. Dann mit geschlossenen Augen den Käse mit der Zunge am Gaumen zerdrücken. Gaaanz langsam auflösen. Dann einen Schluck guten Bio-Wein hinterherschicken.
    Wenn ich mir dies gönne, dann bin ich zutiefst dankbar, dass es mir vergönnt ist. Denn das Genießen ist ein einziges Dankgebet.
    Vollrausch! 🙂