David, Glaube
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EDEKA-Exerzitien

Exerzitien

EDEKA-Exerzitien

Einkaufen ist für viele eine lästige Pflicht, etwas, was man machen muss. Wer kommt schon auf die Idee, im täglichen oder wöchentlichen Einkauf die Chance zu einer spirituellen Übung zu sehen? Zwischen Butter und Gouda, zwischen veganem Käse und Sülze im Glas, was kann da schon spirituell sein?
Ich bin selber mitverantwortlich für den Einkauf und vollbringe diese Aufgabe mehrmals die Woche. In der Nähe der Cella gibt es einen EDEKA-Markt, der immer wieder Anlaufpunkt für die eine oder andere Sache für unseren Haushalt ist. Ich mache mit mir, dem Personal, den Miteinkäufern und den Waren ganz unterschiedliche Erfahrungen. Diese Erfahrungen haben mich dazu angeregt darüber nachzudenken, ob Einkaufen nicht auch für spirituelle Exerzitien genutzt werden kann – immerhin sind wir ein Stadtkloster und damit gehört die ganze Stadt zu unserer Klausur, also auch der EDEKA-Markt.

Meine Erfahrung mit dem Einkauf wechselt zwischen lustvollem Vollbringen und lästigem Vollzug. Mal nerven mich die aus Langeweile Einkaufenden, mal amüsieren sie mich, mal kann es an der Kasse nicht schnell genug gehen, mal bin ich die Ruhe selbst.
Das alles sind nicht nur einfache Erfahrungen, sondern grundlegende zugleich. Beim Einkauf – egal ob bei EDEKA, ALDI oder REWE – machen wir Erfahrungen, die für viele andere Momente im Leben stehen und die wir dort gut und gerne üben können. Letztlich geht es immer darum mit offenerem Herzen, mit weitem Geist auf die Welt, deren Teil wir sind, zuzugehen.
Fangen wir an mit unseren Exerzitien!

 

1. Einheit: Einkaufen nach Plan, aus Lust oder aus Langeweile?

Es gibt unterschiedliche Arten zum Einkaufen zu gehen und sich auf diesen Akt vorzubereiten. Die einen haben einen klassischen Zettel in der Hand, die anderen nutzen bereits eine App, wieder andere wollen nur mal eben eine Dose Cola, eine Tüte Haribo oder das Backpulver für den Kuchen, der gerade im Entstehen ist, einkaufen.
Jeder hat zu unterschiedlichen Zeiten seine Art, den Einkauf zu erledigen.

Wie wäre es einmal mit folgender Übung – Du lässt Zettel und Smartphone zu Hause. Du nimmst Deine Tüte, gehst in den Laden und nun lass Dich führen – geh zur Obsttheke, die ja meistens ohnehin zu Beginn zu finden ist. Lass Dich führen und verführen und vertrau darauf, dass Du das Richtige finden wirst und dass das, was Du findest, das Richtige ist.
Geh weiter und schau, was Dich anzieht, worauf Dein Blick fällt. Ist es die Marmelade? Das neue Vollwertbrot, ganz ohne Mehl, also Low Carb?
Geh weiter, sei einfach offen für das, was sich Dir zeigen will und sei bereit auch Ungewöhnliches einzupacken, wo Du jetzt noch gar nicht weißt, was Du damit machen willst oder kannst.
Weg vom Einkaufszettel, ohne App, ohne Grübeln – sich führen lassen.
Es geht nicht darum, der Werbung zu folgen, es geht darum, Dich von Innen führen zu lassen.
Und das nicht nur beim Einkaufen. Das gilt für viele Dinge in Deinem Leben. Ein Gespür für diese innere Führung zu entwickeln, dafür, wohin Deine Seele Dich schicken will.
Und beim Einkaufen kann es beginnen!

 

2. Einheit: Die Obst- und Gemüse-Abteilung – Wirken in der Verborgenheit

Die Obst- und Gemüseabteilung ist ein Ort, wo immer viel passiert und wo man sich am meisten im Wege steht. Da sind in der Nähe die Pfandrückgabeautomaten, da wird nachgelegt und besonders wählerische Miteinkäufer beäugen das Gemüse und das Obst und können sich nicht entscheiden, ob die Suppe nun mit Stangensellerie oder Zucchini bereitet werden soll. Oder soll es doch ein wenig mehr Porree sein?
Aber hier passiert auch in der Hinsicht noch mehr, weil hier immer etwas hinfällt. Die Honigmelonen, eben noch stabil gestapelt, fallen plötzlich in alle Richtungen, die Tomaten kullern über den Boden, die Zwiebeln suchen neue Wege.
Achte einmal auf die kleinen Dinge, die hier passieren. Auf das Obst und das Gemüse, das am falschen Fleck liegt, die rote Paprika, die bei den gelben liegt, die Pflaume, die kaum sichtbar unter der Theke auf Beachtung wartet. Es kann eine schöne Übung sein, etwas für Ordnung zu sorgen, ohne dass jemand Danke sagt, weil es niemand wahrnimmt.
Tu es einfach! Mache Dich nützlich – aber es wird niemand erfahren. Du tust es also nicht, damit Du geliebt wirst, sondern weil Du es wichtig findest, dass es getan wird.
Dieses Tun im Verborgenen wird schon im Evangelium gelobt.

 

3. Einheit: Die anderen Kunden – jeder darf da sein

Einkaufen könnte so schön sein, wenn da nicht die anderen Einkäufer/innen wären. Es gibt die Zielstrebigen, die genau wissen, was sie wollen und ungeduldig ihren Weg suchen – vorbei an überbreiten Kinderwagen und langsamen Rollatoren.
Es gibt die Gelangweilten, die sich auf den Einkaufswagen stützen und ihn so vor sich herschieben. Mal bleiben sie hier, mal da stehen, mal untersuchen sie den Käse, mal die neuen Obstdosen von was weiß ich. Nur etwas davon einkaufen tun sie nicht.
Dann gibt es die ewig Genervten, die schon mit entsprechendem Gesicht den Laden betreten. Für sie ist alles zu viel, jeder Kunde, jede Neuorganisation der Auslage, Sie wollen nur durch und weg.
Und dann gibt es auch noch die Kunden, die sehr gerne das Personal beschäftigen, sie suchen nach einem speziellen Olivenöl, von dem sie gelesen haben und zwei bis drei Verkäuferinnen sind damit beschäftigt, die Hinweise auf verschiedenen Olivenölflaschen zu lesen.
Was gibt es hier zu üben? Es ist eigentlich ganz einfach – jeder und jede darf so sein und so in den Laden kommen, wie er oder sie will. Es müssen nicht alle so sein, wie Du. Für manche ist Einkaufen eine Art Unterhaltung, für andere lästige Pflicht, wieder für andere freudige Vorbereitung für eine Party. Egal – sag Dir innerlich: Du darfst sein und Du und Du. Akzeptiere jede und jeden, wie er oder sie gerade im Laden ist.
Klingt einfach – ist es aber nicht.

 

4. Einheit: Waren und Bedürfnisse – entscheide Dich!

Einkaufen ist eine Entscheidung zwischen Angebot und Bedürfnissen. Wenn wir nur einkaufen würden, was wir brauchen, hätten wir nie zu viel. Aber wir kaufen nicht nur ein, was wir brauchen. Dafür sorgt die Werbung. Naja, sie macht es noch viel besser. Sie sorgt dafür, dass wir ein neuen Bedürfnis spüren und schickt uns dann einkaufen. Und schwups, landet der neue Keks im Einkaufswagen. Ist doch geschickt oder?
Wenn Du das nächste mal einkaufen gehst – frage Dich jenseits von Butter und Mehl: Brauche ich das wirklich? Will ich das wirklich? Und wenn ja, wozu? Wozu der Wein? Wozu so viel Kaffee? Wozu die Gummibärchen? Diese Frage ist sehr ernst gemeint. Du ahnst es vielleicht – wir füttern uns, damit wir andere tiefere Bedürfnisse nicht spüren müssen, die vielleicht riskanter oder schwieriger zu befriedigen sind.
Aber es hilft ja nichts – Ehrlichkeit zu sich selber ist wichtig.
Unterscheide also zwischen dem, was Du wirklich brauchst und dem, was Dir nur angenehme Gefühle vermitteln soll. (Was natürlich manchmal auch legitim ist.)

 

5. Einheit: Verkäuferinnen und Einräumer: Achtung schenken

Es gibt – meiner Beobachtung nach – in meinem EDEKA vier verschiedene Arten Personal. Da sind einmal die, die dort schon lange arbeiten, meistens ältere Frauen, die wissen wie der Hase dort läuft, kennen die Tricks mit der Kasse, kennen vor allem ihre Kunden.
Dann haben wir da die vielen jungen Männer – zumindest fast immer nur Männer, die für maximal ein Jahr dort arbeiten und dann weg sind. Sie räumen ein, kassieren, sind oft richtig schnell beim Scannen – oft zu schnell.
Dann gibt es die Einräumer, die sind nicht fest angestellt, sondern kommen von Firmen, die im EDEKA Waren verkaufen. Die machen den ganzen Tag nichts anderes und fahren von Markt zu Markt.
Und dann gibt es die Mitarbeiter, die oft im Hintergrund sind und den Laden leiten – die kommen, wenn es etwas zu stornieren ist.
Man kann die Mitarbeiter des Marktes sehr unterschiedlich betrachten – und das sind sie auch.
Unsere Aufgabe ist es aber, ihnen Achtung entgegen zu bringen. Es ist ein harter Job und ich spüre, wie alle unter ständigem Druck arbeiten müssen.
Es reicht schon, jedem mit einem Lächeln zu begegnen. Den Platz frei machen, wenn sie mit ihren bis oben bepackten Europaletten ankommen, um neue Ware auszupacken und ihnen nicht im Weg stehen, wenn sie arbeiten.
Das allein schon kann für die Mitarbeiter eine große Hilfe sein.
Und… wie wäre es mit einem ehrliche Danke für die geleistete Arbeit.
Dankbarkeit zu zeigen – ehrliche und nicht übertriebene, das wirkt.

 

6. Einheit: Die Kasse: Warten mit Geduld

Die Kasse in einem Supermarkt ist immer ein Nadelöhr, durch das wir alle müssen. Das heißt: warten, nicht drängeln und die Illusion aufgeben, dass die andere Schlange schneller sein könnte – sie ist es immer!
Die Kasse ist der Ort, wo wir Geduld lernen können.
Du kannst viel in der Zeit machen:
Du kannst Atmen,
Du kannst andere Menschen beobachten,
Du kannst Dich Deines Lebens freuen,
kannst freundlich über die Kassiererinnen denken
Du kannst Dich natürlich auch ärgern.
Es ist Deine Entscheidung, wie Du diese Zeit nutzt.
Steh doch einfach da, nimm Dich wahr, Deinen Atem, vertreibe alle Gedanken, die Dich dazu verführen wollen Dich zu ärgern und den Druck an andere weiter zu geben, die umständlich sind oder langsam.
Diese Zeit könnte ein Geschenk sein – könnte, es liegt an Dir.

 

7. Einheit: Bezahlen – Danken und sich verabschieden

Und dann kommt das Ende: Du bezahlst, bekommst Deine Punkte bei der DeutschlandCard oder bei Payback gutgeschrieben, packst ein und gehst.
Zwei Dinge sind meiner Erfahrung nach im Leben immer wichtig: Wie ich eine Sache beginne und wie ich eine Sache beende.
Wie verlässt Du den Supermarkt. In Dankbarkeit für das, was Du bekommen hast?
Das zumindest wäre eine gute Art den Kauf zu beenden.
Ja, Du hast dafür bezahlt, Du hast Dein Geld gegeben, alle, die am Entstehungsprozess und am Verkauf beteiligt waren wurden bezahlt – hoffentlich gut. Warum Dankbarkeit? Weil nichts selbstverständlich ist – auch nicht die Waren bei EDEKA. Auch wenn sie Lebensmittel lieben – alles ist Geschenk und auch wenn Du bezahlst – es ist letztlich Gnade, dass Du das alles bekommst.
Letztlich ist ein Apfel unbezahlbar und die Harzerrolle ebenfalls – mag das jetzt auch noch so lustig klingen, aber so ist es.

Damit sind Deine Exerzitien beendet. Du hast viel gelernt und hast den Alltag als spirituellen Ort entdeckt. Der Supermarkt wurde für Dich zum Gleichnis, so wie Jesus alltägliche Situationen und Orte zum Gleichnis gemacht hat, damit andere verstehen, was er meinte.
Eine Spiritualität, die nicht den Alltag verändert und dort hineinreicht, ist nichts wert, sagt sinngemäß Willigis Jäger.
Recht hat er – wer beim Einkaufen und bei EDEKA oder ALDI nicht fromm sein kann, der wird es wohl auch in der Kirche nicht wirklich sein können.
Amen!

 

 

 

7 Kommentare

  1. D.A. sagt

    Danke für diesen humorvollen, praktischen und spirituellen Artikel.
    Ich werde gleich beim Einkauf mich daran erinnern und hoffentlich etwas davon umsetzten können.
    Wäre natürlich einfacher, wenn ein Mönch in Kutte vor mir an der Kasse stünde. Hier gibt es aber keine einkaufenden Mönche. Und in der Düsseldorfer Altstadt, wo Dominikaner zum Straßenbild gehören, gibt es keine Supermärkte.

    • Bruder David
      Bruder David sagt

      Ach… dafür braucht es keinen Mönch vor Dir in der Schlange… das lenkt nur ab. 😉 Bruder David

  2. Peter sagt

    Das ist ein alltagstaugliches Format wie ich es liebe! Danke David für die Anregung. Ich werd es ausprobieren und es multiplizieren. Alltagsexerzitien der besonderen Art. Laß es bloß nicht Edeka wissen, sonst machen die daraus wieder einer ihrer tollen Filme 😉.
    Ich find Deine / Eure Kreativität toll.

    • Bruder David
      Bruder David sagt

      Vielen Dank, Peter, für die nette Rückmeldung und das positive Feedback. Das freut mich sehr ! David

  3. Ilona sagt

    Durch eine persönliche Situation kann ich leider nicht mehr einkaufen gehen…! (D.h.: nicht mehr heraus, gehen, weil ich eine Sonnenallergie habe, die auch dann ist, wenn die Sonne nicht scheint!) Doch ich weiß: solche Gedanken, die wirklich sehr spirituell sind, habe ich (leider) selbst nie gehabt. Eher so das Warten…und auch das: warum liegt alles hier so durcheinander!!! Diese Art des Einkaufens beeindruckt mich und in mir ist der Wunsch, denen, die für mich alle 14 Tage die bestellten Waren mit bringen, noch dankbarer zu sein; oder vielleicht aufrichtiger. Wenn es wieder mal nicht das richtige ist, das andere ebenso dankbar einfach zu probieren. Danke für die wertvollen „Alltags-Exerzitien“!

  4. Mirijam sagt

    Einfach super! Habe herzlich gelacht. Manches habe ich auch schon ausprobiert ohne es Exerzitien zu nennen. Die Anregung nehme ich gerne, zumal ich selbst jetzt vier Wochen Exerzitien im Alltag zu Hause praktiziere. „Der Supermarkt wird zum Gleichnis, so wie Jesus Alltag zum Gleichnis gemacht hat.“ Das gefällt mir. Danke!

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